Unglaublich - aber wahr!
von
Michael Reißig
1
2
3
4
5
Andreas hat es sich auf der Couch des Wohnzimmers gemütlich gemacht.- wartend auf Jaqueline, die in jedem Moment von der Arbeit kommen müsste.
Den Tisch hat er ihr zuliebe schon gedeckt. Angenehmer Kaffeeduft steigt aus dem langen Hals der Porzellankanne.
Nicht nur Andreas wartet ungeduldig auf Jaqueline, auch der saftige Rhabarberkuchen, der wohligen Geruch verströmend, auf der Tortenplatte der blumigen Tischdecke ruht, will endlich auch ihre Zunge verwöhnen.
Eine Schönheit aus Tausend und einer Nacht verkörpert Jaqueline zwar nicht. Um ihre Hüfte haben es sich einige Speckröllchen zuviel gemütlich gemacht - dennoch - wunderschön anzuschauen ihre leuchtenden Bernsteinaugen, die ihr ovales Gesicht mit der spitzen kleinen Nase und den lustigen Sommersprossen zieren, die sich in großer Zahl auf ihren Wangen tummeln, die sich oft noch über Gesellschaft in Form von feschen Grübchen, freuen dürfen.
Für kein Geld der Welt würde er seinen Schatz mehr hergeben.
Innigste Liebe verbindet Andreas und Jaqueline und das schon seit über fünfundzwanzig Jahren. Auch jetzt noch knistert es zwischen den beiden - so wie einst im zehnten Schuljahr- als ihr verliebtes Lächeln ihn total verrückt gemacht hatte und ihm nichts anderes übrig geblieben war, als sie zum Tanz aufzufordern. Die erste Runde genügte - und schon hatte es auch bei ihr gefunkt. Es war wirklich Liebe auf den ersten Blick.
Andreas windet sich von der Couch und tippelt vor zur zur schmucken Spitzengardine, die er sorgfältig nach außen rollt. Prüfend senkt sich sein Blick zum Fahrbahnrand. Doch ihre Parklücke, in der sein liebstes Schätzchen ihren hellroten VW-Passat einparkt, ist immer noch verwaist.
„Da türmen sich wiedermal unzählige Aktenberge auf ihrem Schreibtisch“, ahnt der sportlich schlanke Typ.
Andreas kennt dieses leidige Problem schon zur Genüge.
Der zweiten Hand des Chefs wächst die Arbeit viel zu oft über den Kopf. Da ist an pünktlichen Feierabend nicht zu denken.
Plötzlich heult die Sirene los. Dieses kann den zweiundvierzigjährigen Familienvater in der Regel nicht aus der Ruhe bringen. Da er keine Rauchschwaden sieht, schließt er die Gardine und setzt sich wieder auf die Couch.
„Da werden es einige Chaoten wiedermal auf Abfallcontainer abgesehen haben, mutmaßt Andy- so wird Andreas von seinen Freunden genannt - nicht zu unrecht, da einige Jugendliche in den vergangenen Wochen mehrfach gezündelt haben.
Minuten vergehen. Andreas hat das Gefühl, der Zeiger der Uhr wäre stehengeblieben. Doch der Eindruck täuscht. Er dreht sich so schnell, wie es ihm nun mal vorgeschrieben ist.
Pünktlich verlässt der Kuckuck seiner Schwarzwälder Uhr sein Häuschen, um den Gesetzen der Natur folgend, siebenmal zu schreien. Andreas - normalerweise die Ruhe selbst - treibt das doch einige Sorgenfältchen auf die Stirn.
Erneut wagt er einen Blick aus dem Fenster.
Gespenstisch dicke Nebelschleier wälzen sich um die Laterne, durch die sich nur noch ein fahles Licht schält. In diesem Augenblick nähert sich ein Einsatzwagen der Polizei und zwängt sich gekonnt, in die einzige noch freie Parklücke, in der normalerweise Jaqueline ihr Auto einlenkt. Der Wagen kommt unter Bremsenquietschen zum Stehen. Andreas sieht, wie sich flugs die beiden vorderen Türen um einen breiten Spalt öffnen. Zwei Bedienstete - darunter auch eine Frau - winden sich eilig aus dem Fahrzeug, lassen hektisch die Tür ins Schloss fallen und rasen auf die Haustür zu.
Andreas kommt dieses Szenario doch sehr sehr merkwürdig vor.
„Was wollen die denn hier?”, fragt sich Andreas mit sorgenvoller Miene. Urplötzlich geht ihm ein Licht auf. Die Sirene!
„Ein Feuerteufel in diesem Haus, in dem nur anständige Leute, die mit beiden Beinen fest im Leben stehen, wohnen" - für ihn ein Ding der Unmöglichkeit.
Doch plötzlich durchfährt ein gehöriger Schreck seine Knochen. Der nicht enden wollende schrille Klingelton hat ihn aufhorchen lassen. Andy springt wie eine Feder auf und stürmt in den schmalen Korridor, wo die Haussprechanlage in Höhe seines Halses widerlich grinst.
Das Herz des Erschrockenen gerät jetzt vollends aus dem Takt.
„Die Polizei? Was wollen die denn bei mir?
Andreas ist sich keiner Schuld bewusst. Er ist doch kein junger Spundus, kein Vollidiot, einer der - aus purer Langeweile - mit dem Feuer spielt, um den nötigen Kick zu bekommen..
Zitternd reißt er den Hörer aus der Verankerung und presst ihn ans Ohr.
„Reinhold”, sagt Andreas unruhig.
„Polizei! Ich bitte Sie zu öffnen! Ich muss ihnen eine wichtige Nachricht überbringen!”, tönt ein unheimliches Krächzen aus dem knackenden Lautsprecher.
Ängstlich reißt er die Wohnungstür auf. Noch lauter hämmert es in seiner Brust - der Puls wahrscheinlich schon auf hundertachtzig.
Ein hochaufgeschossener Mann - schlank, etwa Mitte vierzig - rast hektisch auf ihn zu und gibt ihm nur flüchtig die Hand.
Hinter seinem Rücken klebt seine hübsche Assistentin, als wolle sie sich vor ihm verstecken. Ihr Gesicht mit er topgestyltem dunkelbraunen Frisur und den großen kristallblauen Augen kann sich wahrlich sehen lassen, wie auch ihre schönen schlanken Beine und die formschönen Rundungen ihrer Brüste.
Doch Andys sorgenvolle Augen wollen die Schönheiten dieser Frau nicht wahrnehmen.
Natürlich nicht! Er hat ja seine Jaqueline, die er nie aus den Augen verlieren möchte.
Schon deshalb sind andere Frauen für ihn total uninteressant und außerdem plagen ihn jetzt ganz andere Sorgen
„Polizeiobermeister Hunger!
Guten Abend, Herr Reinhold”, bricht es ungeschliffen aus der Kehle des Herrn, der seinem weiten Augenaufschlag geschuldet, furchteinflößende Falten auf seine Stirn zieht.
„Warum ist dieser Mann nur so kalt und so gefühllos. Ich habe doch nichts verbrochen!”, denkt er und wirft dem Polizisten einen fragenden Blick zu.
Andreas ist zwar ein sehr feinfühliger Mensch, aber auch einer der es versteht, selbst in den hektischsten Situationen kühlen Kopf zu bewahren.
Unerwartet schiebt sich plötzlich die Frau an Hunger vorbei.
„Polizeimeister Fröhlich”, stellt sich die Frau, deren schwer zu deutender Blick noch viele Fragen offen lässt, vor. Freundlich streckt sie ihm zur Begrüßung die Hand entgegen. Gefühlvoll sanft gleitet ihr „Guten Tag, Herr Reinhold!” über ihre tiefroten Lippen. Wenigstens in diesem fadenkleinen Moment spürt er die beruhigende Wärme ihrer Hand in seinen Adern. Sein Puls schwächt sich kurzzeitig etwas ab.
Als sie jedoch ein paar Sekunden schweigt, als ihr suchender Blick versucht, die Körpersprache ihres Vorgesetzten - selbst noch so kleinste Zuckungen - zu deuten, senken sich seine Augenbrauen, sodass sich unmittelbar über der Nase unansehnliche trichterförmige Falten in Richtung seiner Stirn furchen.
Andreas sind diese auffälligen Gesten nicht entgangen.
Warum überlässt der Vorgesetzte ihr das Wort?
Was soll dieser schmalschlitzige, dieser verängstigende Blick!
Andy sucht nach Erklärungen - findet jedoch keine.
"Herr Reinhold", bricht die Frau die
1
2
3
4
5
Kommentare
Keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen