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Kategorien > Trauriges > Unfall

Unglaublich - aber wahr!

von Michael Reißig

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ins Auge gefasst.
Die Brücke, von der sie springen wollte, hatte sie sich auch schon ausgesucht.
Hätte Daniela ihr nicht helfend zur Seite gestanden, sei es bei der Hilfe im Haushalt, wenn Einkäufe getätigt werden mussten und nicht zuletzt mit ihren Trost spendenden Worten, die wahre Menschlichkeit und Wärme verströmten - wäre es um sie geschehen.
Und auch ihrem Job hatte sie es zu verdanken, dass sie wenigstens vorübergehend sich etwas ablenken konnte.

Hochemotional - der Klang ihrer Worte. Während sie erzählte blieben Andreas einzelne Tränen nicht verborgen, die aus ihren kristallblauen Augen über ihr blasses Gesicht rollen.

Was ist aus der ehemaligen Frohnatur bloß geworden? Seit ihrem Schicksalsschlag schlummern ihre schönen Augen nur noch glanzlos in tiefen Höhlen - kein Lächeln umspielt ihre Mundwinkel mehr, von feschen Grübchen, die einst so lustig anzuschauen waren, ganz zu schweigen.

„Herr Reinhold, ich helfe ihnen wo ich nur kann. Ich versuche mal ein gutes Wort beim Chefarzt einlegen, um sie vorübergehend von der Klinik freizustellen.
Auf Sie kommt ja demnächst viel Arbeit zu, schon wenn ich an die Organisation der Beisetzung denke."
„Wirklich sehr nett von ihnen. Ich weiß überhaupt nicht wie ich ihnen danken soll. Mir fehlen einfach die Worte."
„Keine Ursache, sagt Frau Schmidt, mit wohltuend weicher Stimmen.
Susanne legt ihre Hand behutsam auf seine und streichelt diese sanft. Sie wagt sogar ein vorsichtiges Lächeln, als sie ihm in die Augen schaut.
Andy saugt die wohlige Wärme ihrer Hand beruhigend in sich auf.
Er spürt förmlich das Herzblut, welches durch ihre Adern fließt.

In den nächsten Tagen kommt Andreas allmählich zur Ruhe.
Auch der Chefarzt zeigt sich kulant. Von seiner anfänglichen Härte - keine Spur.
Auch Frau Meyer - die behandelnde Psychologin - ist erstaunt, mit welch einer Tapferkeit ihr neuer Patient sein Schicksal erträgt und sogar versucht, es selbst in die Hand zu nehmen.
Jegliche Hilfe wird ihm zuteil.
Die Ärzte haben eine Versetzung in die benachbarte Tagesklinik ins Auge gefasst, da es dort möglich wäre, alles unter einen Hut bringen zu können.

Zu einem emotionalen Höhepunkt gestalten sich die Trauerfeierlichkeiten, auf dem städtischen Waldfriedhof.
Der Raum, indem die Trauerrede stattfindet wird ist schon fünfzehn Minuten vor Beginn der Feier proppenvoll.
Die Rede des Pfarrers berührt Andy so tief, dass dass sein Kopf oft nach unten fällt, sein Blick hin und wieder zwischen den Trauergästen und den liebevoll kreierten Blumenbuketten wandert. Nur selten gelingt es ihm, dem Pfarrer in die Augen zu schauen.
Als der ergreifende Song Time to say goodbye - gesungen von Sarah Brightmann und Andrea Bocelli - erklingt, fließt ein ganzes Meer von Tränen - nicht nur aus Andys Augen.
Diesen Song - passend zu dieser Feierlichkeit - hat Susanne eigens für ihn ausgesucht, denn mit diesem Lied hatte sie auch ihrem Mann die letzte Ehre erwiesen.

Als der Sarg beigesetzt rollen erneut Tränen aus seinen Augen wie bei ihrer zwanzigjährigen Tochter und bei ihrem einundzwanzigjährigen Sohn, die aus Österreich, ihrer neuen Heimat, angereist kamen, auch. Der Arbeit wegen hatte es Sohn und Tochter dorthin verschlagen.
Beide verdienen im Hotel- und Gaststättengewerbe ihre Brötchen.
Tochter Gabriele ist allerdings noch in der Ausbildung.

Wie üblich folgt anschließend ein gemütliches Beisammensein im Ratskeller.
Die Trauergäste, zeigen viel Mitgefühl, viel Verständnis, geizen nicht mit Trost spendenden Worten.
Auch Susanne ist auf kürzestem Wege von der Arbeit gekommmen, um sich dieser Trauergemeinschaft anzuschließen - sie wollte, ja sie konnte Andy, in diesem schmerzlichen Augenblick nicht so einfach im Stich lassen.
Am Abend dieser Feierlichkeit ist an ausreichenden Schlaf wahrlich nicht zu denken.
Er schaltet den Fernseher an, obwohl ihm danach überhaupt nicht zumute ist.
Obwohl er gar nicht so richtig bei der Sache ist, zappt er von einem Kanal zum anderen. Wie im Trance wandelt er im Wohnzimmer auf- und ab.
Schließlich öffnet er das Schubfach mit den Medikamenten und schnappt sich eine Schlaftabletten, die er noch zusätzlich zu den Medikamenten nimmt, die ihn die Tagesklinik verordnet hat.
Anschließend schaltet er den Fernseher aus und geht zu Bett.
Endlos lange wühlt er sich in seinem Kopfkissen.
Nach einer Stunde zeigen die Medikamente endlich Wirkung. Er zwinkert noch ein Weilchen, danach schließen sich seine Auge.

Plötzlich sieht er wieder aufregend schöne Bilder des vergangenen Sommers an ihm vorüberziehen. Hand in Hand, Arm in Arm, wandern Andy und Jaqeline splitternackt an den Ostseedünen Usedoms entlang..
Er haucht ihr zarte Küsschen auf Mund und sagt:
„Meine Jaqueline - es ist so wunderschön mit dir - ich habe dich sooo lieb.
„Ich dich auch, mein lieber Schatz."

Das sollte es aber auch gewesen sein, denn unmittelbar nach ihren Liebesbezeugungen - nach diesen viel zu knappen, nach diesen bewegenden Glücksmomenten - öffnen sich Andys Augen.
Mit fahrigen Bewegungen schreckt er aus dem Schlaf.
„Susanne, wo bist du! Susanne, bitte komm doch zu mir!", halluziniert der Traumwandelnde flehentlich.
Erst einen Tick später ist ihm klar geworden:
Susanne wird er nie mehr wiedersehen - es sei denn auf Fotos oder in einem Traum wie diesem - schaurig schön und doch so schrecklich.

Anfangs versunken in unbeschreiblicher Glückseligkeit und dann eingeholt von der grausig finsteren Realität. Andreas wünscht sich in diesem Moment, dass ihn Jaquelines verliebtes Lächeln nie mehr in seinen Träumen begegnen wird. Die melancholische Bitterkeit, die ihn nach diesem plötzlichen Filmriss, nach dem unerwünschten Öffnen der Augen quält, will sich Andreas nicht länger antun. Nicht nur ihm dürfte es so ergehen. Aber Wunschträume werden leider nur sehr selten wahr.
Schwerwiegende Träume durchfluten dagegen viel zu oft empfindsame Seelen.


Ein knappes Jahr ist vergangen.
Susanne und Andreas haben sich - Gott sei dank - seit ihrem Schicksalsschlag nie aus den Augen verloren. Gemeinsames Leid teilen hatten sich die Leidtragenden ins Stammbuch geschrieben.
Mit fortgeschrittener Zeit gelingt es den beiden immer besser, sich mit ihrem Schicksal abzufinden. Wer auf eine so glückliche Liebe zurückblicken kann wie Andreas und Susanne, dem fällt es natürlich schwer, das Herz eines anderen Menschen zu erobern.
Dennoch sind sich die beiden in den letzten Monaten nicht nur menschlich noch näher gekommen.
Aus Freundschaft ist Liebe geworden - eine wahre Liebe, eine menschliche Liebe, die nicht ausschließlich auf intime Zweisamkeit fixiert ist, eine Liebe in der die inneren Werte an erster Stelle stehen.
Eine neue Liebe braucht auch noch etwas Zeit. Diese gönnen sich die beiden.
Da gibt es doch noch dieses alte deutsche Sprichwort:
Was lange währt wird gut!

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