Unleben
von
Ferdinand Niemann
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Wenn ihn jemand da sitzen sehen würde, er würde denken, dieser Mann sei einsam.
Dieser Mann ist aber nicht einsam. Er hat seine Gedanken.
Mit seinen Gedanken redet er jeden Tag. Sie sind immer für ihn da. Nicht wie die
vermeintlichen Freunde die ihn all die Jahre nur ausgenutzt haben. Ausgeplündert haben
sie ihn. Und trotzdem ist er nicht arm.
Er tut Menschen Leid, aber er muss einem nicht Leid tun. Dieser Mensch fühlt sich nicht
einsam. Einen jeden Tag sitzt er auf dieser Bank, er hat sich dort noch nie einsam gefühlt.
Er hat doch seine Gedanken, die immer da sind. Bis er nicht mehr da ist.
Einmal, als er so dasaß auf dieser Bank am Hafen, wo er einen jeden Tag sitzt, sah er
eine Dame. Gerade alt genug sich Frau nennen zu dürfen, aber schon so schön. Sie hatte
kaum was an und spielte mit ihren Reizen. Als diese junge Frau so vor ihm langspazierte
dachte er bei sich, wie es wohl wäre, wenn er sie ansprechen würde. „Wie ist ihr Name?“
Sie würde ihn irritiert angucken, dann vielleicht sagen: „Mein Name ist Chantalle! Darf man
auch den Ihren erfahren?“ „Ja, darf man!“ würde er sagen. Er würde eine kleine Pause
machen, um so zu tun, als wäre es ein großes Geheimnis seinen Namen zu wissen. Er
würde aus seinem Namen etwas großes machen wollen. Dann würde er ihr den Namen
verraten. Eventuell würde sie ihn daraufhin anlächeln, ein Gespräch anfangen wollen.
„Was machen Sie denn so hier, der Herr? Natürlich, wenn Sie nicht gerade irgendwelche
fremden Frauen ansprechen?“ Er würde ein wenig lügen. Lügen machen ihn eben
interessanter. „Ach, wissen Sie, schöne Dame, manchmal tut es ganz gut sich von all dem
Rummel zu lösen. Wenn man den ganzen Tag im Stress ist, dann ist es auch mal ganz
entspannend, sich hier auszuruhen.“-„Sie scheinen wohl ein sehr beschäftigter Mann zu
sein?“-“Ja, ich hab eigentlich ständig etwas zu tun, denn ansonsten würde auf der Arbeit
alles zusammenbrechen. Irgendeiner muss den Laden ja zusammenhalten, wenn Sie
verstehen. Aber reden wir nicht von mir. Was macht eine so bezaubernde junge Dame hier
am Kanal, wenn sie doch unter Menschen sein könnte?“ Vielleicht würde sie sich durch
die Komplimente geschmeichelt fühlen. Wahrscheinlich sogar. „Ich habe gerade
Mittagspause. Auch eine Frau in meinem Alter muss arbeiten gehen. Meine Mutter erzählt
mir immer, ich solle mir einen Mann suchen, der mir ein Dach über dem Kopf, sowie eine
Familie schenken soll. Ich solle dann zu Hause auf die Kinder aufpassen, während er das
Geld verdient. Aber eine so altmodische Meinung wie die meiner Mutter will und kann eine
so moderne Frau wie ich es bin nicht vertreten. Von daher mache ich mein eigenes Leben.
Auch wenn meine Mutter mir das immer wieder vorhält.“
Während er sich vorstellte, wie das Gespräch weiter verlaufen würde lächelte er, lehnte
sich zurück, schloss die Augen und genoss sein Leben. Denn in seinen Gedanken lebt er.
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