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Kategorien > Drama > Zum Nachdenken

Unser Peterl

von Knight of the pen

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„Wer ist das?”, denken die Leute, wenn wir die Straße entlang kommen.
„Das ist der Peter“, antworte ich ihnen stumm. Unser Peterl.

Der Peter ist neun Jahre alt, aber ein wenig klein ist er schon. Und dran ist auch nicht viel an ihm. Das mag wohl daran liegen, dass er auch recht wenig isst. Aber da kann man wohl nichts machen.
Er hat kein Lieblingsessen, mit dem man ihm eine Freude machen kann. An einem Tag isst er Nudeln mit Tomatensoße oder Banane mit Butterkeks und beim nächsten Mal spuckt er dieselben Speisen entrüstet aus und weigert sich, den Mund auch nur noch ein einziges Mal zu öffnen.

Der Peter mag auch nicht trinken. Schon ein paar Schluck Tee sind für unser Peterl wirklich anstrengend, deswegen weigert er sich. Das ist nicht gut, trinken ist doch so wichtig für den Körper. Aber unser Peterl kommt mit Flüssigkeit nicht zurecht. Sie läuft ihm wieder aus dem Mund, den er meistens leicht geöffnet hat, die Lippen wollen sich nicht so recht schließen lassen.
Den Peter ärgert es, wenn nasser Tee über seine Lippen läuft, von seinem Kinn tropft. Darum dreht er gleich den Kopf weg, will man ihm die Flasche geben. Er weiß ja schließlich, dass es nicht geht!

Unser Peterl lebt in seiner eignen kleinen Welt und in diese Welt lässt er niemanden hinein. Es ist auch nicht leicht, mit ihm dorthin zu gehen, denn er kann nicht beschreiben, in welcher Welt er lebt. Der Peter spricht nämlich nicht. Er kann es nicht. Nicht einmal Mama oder Papa kann er sagen.

Er sei wohl taub, sagten die Ärzte, er höre nichts, glauben alle. Das sei der Grund dafür, dass er nicht spricht, es nicht einmal versucht. Aber das ist so nicht richtig, denn unser Peterl hört sehr wohl. Nur meistens mag er nicht hören, wenn man mit ihm spricht. In seiner Welt, da braucht er keine Worte. Es fällt ihm schwer, das Gehörte zu verstehen. Ob er das überhaupt kann, ist sein Geheimnis.

Aber seinen Namen, den weiß er schon, der Peter. Manchmal reagiert er auch, wenn man ihn anspricht. Unser Peterl hat gelernt, dass man etwas erwartet, wenn man dieses Wort sagt: „Peterl!“. Ob er versteht, dass ER das Peterl ist, das weiß man nicht.

Wahrscheinlich kann er auch nicht sehen, der Peter. Zumindest nicht so wie wir. Der Peter lebt in einer Welt aus Licht und Schatten, aus Schemen und Umrissen. Farben kennt er nicht.
Es ist ein trauriger Gedanke, das Gelb der Sonne, das Blau des Himmels, das Grün des Grases, das Rot der Tulpen und das Braun der Baumstämme nicht sehen zu können, aber unser Peterl kennt solche Farben nicht. Er nimmt die Welt nur trist und farblos wahr. Aber er vermisst die Farben nicht, schließlich hat er sie niemals kennen gelernt.

Wie es in seiner eigenen Welt aussieht, kann keiner sagen. Vielleicht weiß sein junges Gehirn, zu dem man keinen Zugang findet, um die Farben dieser Welt und vielleicht ist seine eigene kleine Welt ganz herrlich bunt.

Der Peter kann nicht laufen. Seine Muskeln sind zu schwach, um ihn zu halten, seine Bewegungen kann er nicht richtig steuern. Unser Peterl sitzt im Rollstuhl und die Leute gucken ihn neugierig an, wenn sie den Peter in seinem Stühlchen sehen.

Der Peter braucht bei allem Hilfe. Essen kann er nicht, man muss ihn wickeln, und anziehen, man muss seinen Rollstuhl schieben und ihn hinein- und herausheben.
Alleine sitzen kann er auch nicht, der Peter. Darum ist er festgeschnallt in seinem Rollstuhl.

In seiner eigenen Welt braucht er vielleicht keine Hilfe, dort kann er vielleicht für sich selbst sorgen. Vielleicht kann er aber auch dort nicht über Wiesen laufen, sondern sitzt nur still und sorglos da. Womöglich wird ihm in seiner eigenen, kleinen Welt auch jeder Wunsch von den Augen abgelesen. Vielleicht ist das sein kleines Paradies. Aber wer weiß?
Mag sein, dass sein Paradies im Schweben in der Schwerelosigkeit zu finden ist. Ein Leben in Bedürfnislosigkeit. Er kann es uns nicht sagen.

Der Peter lebt nicht wirklich, sagen viele Personen. Unser Peter sei kein Mensch, meinen die Leute, sein Leben wäre würdelos, weil er mit neun Jahren noch Windeln trägt und gefüttert werden muss. Es kann doch nicht schön sein, so ein tristes, trauriges und langweiliges Leben.

Die Leute sagen, sie können ihn nicht ansehen, er tue ihnen leid. Es muss ja schrecklich sein, für den Peter, wenn er nicht sagen kann, was er will, wenn er nicht sieht, was passiert, nicht hört oder versteht, was man zu ihm sagt, wenn er immer in seinem Rollstuhl sitzt und dort angeschnallt wird, sich nicht so recht bewegen kann.

Aber unser Peterl ist ein fröhlicher Bub. Wenn ihm mal was nicht passt, dann merkt man das rasch. Dann motzt er nämlich, weint und quengelt. Und wenn ihm was gefällt, dann lacht er richtig. Dann kneift er die blinden Augen zu und verzieht den leicht offenen Mund zu einem Grinsen. Dann gibt er glucksende Laute von sich. Und unser Peterl lacht viel.
Nicht nur, wenn man ihm die Rassel in die Hand drückt und er Lärm machen kann, oft lacht er auch einfach so. Wenn er dort sitzt, in seinem Stuhl, die Augen ausdruckslos ins Leere starren, er wieder ganz und gar in seiner Welt versunken ist, dann erlebt er dort auch oftmals Dinge, die ihn zum Lachen bringen, dann gluckst er fröhlich, auch ohne einen Reiz von außen.
Und auch wenn man nicht weiß, worüber er lacht, muss man sich einfach mit ihm freuen und ihn bewundern, weil er so fröhlich ist.

Der Peter wird nicht sehr alt, sagen die Ärzte. Seine Behinderung ist zu schwer. Vielleicht wird er 20 Jahre alt, sagen die Fachleute, älter wohl kaum. Aber das macht unserem Peterl nichts aus. Er macht sich keine Sorgen um den Tod und seine Zukunft. Und selbst wenn er nur 20 Jahre alt wird, liegen noch elf Jahre vor ihm, in diesen elf Jahren wird noch viele Male sein glucksendes Lachen den Raum erfüllen und er wird sich freuen an seinem Leben. So schwer es auch ist, sich das vorzustellen.

Außerdem: Als er geboren wurde, der Peter, sagten die Ärzte, älter als zwei Jahre würde er nie werden. Die Behinderung sei zu schwer, er würde wohl früh sterben. Das bedauernswerte Würmchen!

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Kommentare

Traumfänger schrieb am 2008-10-14 13:45:03:
Wunderschön geschrieben!

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