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Kategorien > Parabeln > Oder so ähnlich...

Unsterblichkeit im Gedächtnis der Nachwelt II.

von RHAZARD

1

Noch ein Prosaisches Dramolett!

DRAMATIS PERSONAE:

Herostratos, der Depressive Dichter
Kalliope, die Müde Muse

AKT II. – Der Tragödie zweiter Teil

Herostratos schließt die Augen und horcht tief in sich hinein. „Nee, ...“, muss er dann zugeben. Für Kalliope ist das seltsam. Normalerweise sprudeln die Ideen und Einfälle und Inspirationen nur so aus dem Künstler heraus, wenn er den Kuss der Muse aufgedrückt bekommen hatte.

„Könntest nochmal?“, erkundigt sich der Dichter zaghaft. „Natürlich nur, wenn es dir nichts ausmacht...“

„Naja, ...“, kommt es gedehnt von Kalliope zurück. Irgendwie ziert die Muse sich ein wenig. Dann gibt sie sich einen Ruck. „Okay.“ Schließlich hat sie einen guten Ruf zu verlieren. Beim zweiten Mal gelingt es Herostratos, ihr seine Zunge in den Mund zu schieben. Er stößt dabei auf Widerstand. Aber nicht auf viel. Es scheint ihr schon zu gefallen. Irgendwie. Kalliope ringt nach Luft, als sie sich von ihm losreisst.

„Und nun?“, keucht sie. „Besser?“

Herostratos denkt kurz nach. Dann schüttelt er traurig den Kopf.

„Nee, da is´ immer noch nichts.“

Widerstrebend lässt die Muse sich auf einen dritten Versuch ein. Diesmal ... Seine Hand greift nach ihrem Knie und gleitet dann die Schenkel hinauf.

„Hey!“, würgt Kalliope hervor. Das Sprechen fällt ihr schwer, weil sie den Mund voll hat. „Hey, hey!!! Nur Küssen. Nichts anderes.“ Sie stößt Herostratos von sich. „Nix mehr! Aus! Ende! Finito!“ Sie muss Herostratos eine knallen, um ihn zur Räson zu bringen. Er kippt vom Stuhl.

Der Depressive Dichter sitzt auf dem Boden und beginnt, vor Enttäuschung, zu weinen. Wieder hat ihm der Kuss nichts gebracht. Keine Inspiration. Keine Erleuchtung. Keine Befriedigung. Das sorgt bei der Muse für ein schlechtes Gewissen.

Sie ist ja ebenfalls eine sensible Künstlerseele. Sehr empfindsam. Kann ihn darum auch irgendwie verstehen. Kalliope fragt sich, ob sie wohl zu fest zugeschlagen hatte. Es tut ihr leid. Er tut ihr leid. Dann und darum gibt es Trost von der Muse.

„Wir kriegen das schon hin.“

„Nein!“, schluchzt Herostratos. „Das bringt doch nichts. Das wird doch nie was.“

„Wir fangen ganz von vorne an.“, fasst Kalliope den Entschluß.

Wenn man schreiben will, es aber nicht fertig bringt, gibt es die verschiedensten Arten, wie man darauf reagieren könnte. Frustattacken und Selbstmitleid mögen sicherlich die weitverbreitesten, um nicht zu sagen, die populärsten Reaktionen sein.

Aber es sind eindeutig und erwiesenermaßen nicht die Besten. Im Grunde sollte man sich den Ärger nicht allzu sehr anmerken lassen und nach Möglichkeit ruhig und besonnen bleiben. Es ist sogar äußerst ratsam, mit kühlem Kopf an das Problem heranzugehen. Denn dann erkennt man am ehesten die Blockade im eigenen Kopf, die einen davon abhält, zu tun, was man tun will. Entscheidend ist also eine strategische Herangehensweise: Kühl. Klar. Logisch. Rationalistisch.

Deshalb lautet die erste große Frage, die Kalliope an Herostratos stellt:

„Warum willst du überhaupt irgendwas schreiben?“

Gehen wir den Dingen doch einfach auf den Grund. Dann müsste normalerweise doch herauszukriegen sein, was da los ist.

Der Depressive Dichter sucht nach einer Antwort, findet sie aber nicht. „Mhm.“

„Jede große Geschichte beginnt mit einem Traum!“, philosophiert die Muse müde.

„Was ist dein Traum?“

So gestellt ist die Frage verständlicher. Herostratos muss grinsen. Ganz leicht erscheint ihm nun die Antwort.

„Berühmt will ich werden!“, donnert er. (Vorsicht Pathos!) „Größer und gewaltiger soll mein Name über die Länder erschallen, als der von diesem Dichter da, der die Ilias und der Odyssee geschrieben hat!!! Denn: Was dieser Homer kann, kann ich schon längst!“

Kalliope schüttelt den Kopf: „Das ist kein besonders heheres Motiv!“

„Häh?“

Der Meinung der Muse nach muss das Motiv schon etwas tugendhafter sein. Weil, sind wir uns doch einmal ehrlich: Herostratos ist im Grunde seines Herzens nur neidisch und eifersüchtig auf den Erfolg von Homer und will deshalb ein Epos schreiben. Aber das ist es nicht. Das bringt doch nichts. Das ist die falsche Herangehensweise. Aus Neid und Eifersucht heraus ist bisher noch nie etwas Gutes zustande gekommen.

„Ich will ...“, beginnt Herostratos erneut. „Ich will ... Ähm! Unsterblichkeit im Gedächtnis der Nachwelt!“ Das ist es! Sein Blick gleitet in unbestimmte Ferne. Eine Gänsehaut bildet sich bei ihm. So ergriffen ist er von sich selbst.

Die Muse nickt: „Mhm. Das hört sich schon besser an.“

„Wenn man keinen ordentlichen Inhalt hat, sollte man ihn zumindest hübsch verpacken können, wie?“ Im Wesentlichen dürfte das zu den Dingen gehören, die einen guten Dichter von einem schlechten Dichter unterscheiden.

Und nun, da der Grund des Schreibwillens hinreichend geklärt ist, kann Kalliope auch zum nächsten Punkt übergehen.

„Was hindert dich konkret daran?“ Sie möchte gerne wissen, wovor Herostratos sich fürchtet. Er soll gefälligst über seine Ängste sprechen.

„Es ist, ...“

„Ja?“

Das weiße Blatt. Das Pergament, auf dem (noch) nichts draufsteht***. Eine gähnende Leere, die dich als Dichter zu verschlingen droht. Es gibt nichts Schlimmeres und Schrecklicheres. Herostratos sucht nach Worten. Und er findet sie:

„Es ist ein Abgrund, in den du zu fallen drohst. Ein Abgrund, der in dich blickt, wenn du zu lange hineinsiehst.**** “

„Aha!“, lässt die Muse nach dieser Antwort verlauten. Ihr ist die Problematik vertraut. Alle Künstler leiden darunter.

„Und nun?“, will Herostratos wissen.

„Kampf dem Writer´s Block!!“

Ein locker-lässiges Brainstorming in entspannter Atmosphäre ist für den Anfang gar nicht mal so schlecht. Einfach mal ein paar lose Eindrücke und Ideen aufschreiben.

„Eine Figur muss her!“, ruft sie aus, die Muse. „Eine gute Geschichte ist immer eine Geschichte über eine Person! Ein Protagonist...

Eine Figur, die von den Göttern mit schlimmsten Schicksalsschlägen gestraft worden ist.“ Das ist Menschliches Drama. Das ist Große Tragödie. Das wollen die Menschen sehen und hören und lesen!

FORTSETZUNG FOLGT...




*** Ein gewisser Pablo Picasso hat viele Jahre später erkannt, dass es in der Malerei genau so ist.

**** Ein gewisser Friedrich Nietzsche hat viele Jahre später auch erkannt, dass Abgründe diese beunruhigende Eigenschaft haben können. Und er ist selbst in einen gefallen...

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