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Kategorien > Fantasy > Alltag

Unter dem Mond

von Siriya Inferior


Das war ein Traum von mir, seitdem ich ein kleines Mädchen war. Wenn ich mit meinen Eltern abends noch auf der Straße unterwegs war und der Mond vor uns am Nachthimmel leuchtete, dann hatte ich immer nur einen Wunsch. Ich sah meine Eltern an und fragte: "Kann ich genau unter dem Mond stehen?" Sie sahen mich an und meine Mutter antwortete: "Bestimmt kannst du das!" Die Straße war sehr weit und ich dachte, dass ich es vielleicht wirklich schaffen könnte. Ich rannte so schnell wie ich konnte, doch der Mond kam nicht näher. Als ich am Ende der Straße angekommen war, stand der Mond immer noch so schräg über mir wie er es vorher war. Enttäuscht ging ich zu meinen Eltern zurück und fragte: "Ich habe es nicht geschafft. Warum denn nicht? Die Straße war doch so lang und ich bin so schnell wie ich kann gelaufen. Warum habe ich es denn nicht geschafft?" Meine Mutter nahm mich in die Arme. "Sei nicht traurig, vielleicht warst du ja nicht schnell genug. Warte noch etwas und versuch es wieder. Dann bist du schneller und schaffst es bestimmt." Von diesem Abend an versuchte ich es immer und immer wieder. Doch immer kehrte ich enttäuscht zurück. So verging die Zeit und irgendwann ließ ich es bleiben. Ich hatte aufgegeben, weil ich so oft enttäuscht war.
An diesem Abend stand er voll und rund am Himmel, von einem Meer aus Sternen umgeben. Der Mond hatte mein Leben immer auch eine seltsame Art beeinflusst. Meine Mutter hatte mir erzählt, dass in der Nacht meiner Geburt der Mond zum Fenster hereingeschienen hatte. Mein erstes Wort sagte ich in einer Vollmondnacht als ich in meinem Bettchen aufwachte. Mein erster Kuss ebenso wie die Trennung von meinem Freund. Es gibt viele Menschen, die in Vollmondnächten nicht schlafen können. Ich wollte nie in diesen Nächten schlafen und habe immer den Mond angesehen. Obwohl Menschen auf ihm gewandert sind, obwohl man weiß woraus er besteht und wie er aussieht, fand ich ihn mystisch und rätselte selbst über ihn. Irgendwann schlief ich doch ein, mitten in seinem Licht. In diesen Nächten hatte ich nie Albträume und schlief besser als in anderen Nächten, wobei ich mich in mondlosen Nächten immer unsicher gefühlt habe. Ich versuchte, alles über diesen Himmelskörper heraus zu finden und las nicht nur die physikalischen Fakten. Und als er wieder über mir stand, gab er mir nicht nur Zuversicht, nein, er machte mich auch traurig. Irgendwo in mir war immer noch der Wunsch nur einmal, ein einziges Mal unter ihm, genau in seinem silbernen Licht zu stehen. Mitten auf der Straße blieb ich stehen und starrte ihn an. Auch heute war er wieder da, so wie in jeder anderen Nacht. Wieder erlebte er ein Ereignis von mir mit. Mitten in der Nacht hatte ich mich fortgeschlichen. Zu quälend war die Zeit geworden. Zu schwer ist es geworden immer wieder fühlen zu müssen, dass ich nicht gut genug war um geliebt zu werden. Der Rucksack auf meinen Schultern war leicht, ich hatte nicht viel dabei. Das einzige was ich brauchte war nur der Nachthimmel über mir. Ich lief weiter, vermied dabei Schatten und lief nur an erleuchteten Stellen. Langsam ließ ich die vertrauten Straßen hinter mir. Vor mir war eine Landstraße, eine gerade verlaufende, scheinbar endlos lange Straße. Wieder packte mich das Bedürfnis unter ihm zu stehen und ich lief los. Ich rannte und vergaß alles um mich herum, die pysikalischen Gesetze und meine Vernunft, alles war weg. Aber das war mir egal, denn vielleicht war jetzt der Moment gekommen, in dem ich es schaffen konnte. Ich ignorierte das Stechen in meiner Brust und rannte weiter.

"BITTE!"

Ich merkte nicht, wie es hinaus brüllte, bemerkte die Tränen nicht, die meine Wangen hinab rollten. Ich dachte, wenn ich es jetzt nicht schaffte, würde ich gar nichts schaffen, denn dann war ich wirklich, was mein Vater sagte. Etwas, dass es nicht wert war auf der Welt zu sein. Die Tränen machten mich blind, so dass ich stolperte und fiel. Meine Handflächen rissen auf, genau wie meine Hose am rechten Knie. Doch ich stand auf und rannte weiter. Ich konnte nicht anders und die Gedanken in meinem Kopf überschlugen sich. Ich rannte immer weiter. Irgendwo hinter mir lag mein Rucksack, doch das war mir egal. Nichts war mir mehr wichtiger als er. Am liebsten hätte ich Flügel gehabt um in sein Licht zu fliegen. Ich wollte auf seiner Sichel sitzen und die Leute beobachten. Ich wollte nur noch allein in seinem Licht sein. Ich wollte nur in seinem Licht sterben.
Wieder stürzte ich und sog scharf die Luft ein. Mitten auf der Straße blieb ich, auf die Hände gestützt, liegen. Ich sah meine Tränen, wie sie den dunklen Asphalt noch dunkler machten. Langsam setzte ich mich wieder hin und drehte den Kopf zurück, genau dorthin wo ich hergekommen war. Doch ich wollte nicht zurück. Ich wollte gar nichts mehr. Der Mond stand noch immer an derselben Stelle, nicht näher und nicht weiter weg. Sie hatten doch recht damit, dass ich nichts könnte. Sie hatten doch recht.....
Weglaufen hatte keinen Sinn mehr. Ich erinnerte mich, warum ich fortgelaufen war. Ich wollte beweisen, dass ich auch allein zurecht kommen, meine Ziele ohne Hilfe erreichen könnte. Aber jetzt sah ich, dass ich es nicht konnte. So stand ich auf, wischte mir die Hände ab und lief zurück. Dabei ließ ich den Mond hinter mir. Ich wollte am liebsten vor ihm weglaufen. Doch ich wusste, dass es egal war wie weit ich laufen würde, er würde immer in der gleichen Entfernung zu mir stehen. Er würde sich nicht entfernen, genauso wenig wie er näher kommen würde.
Es dauerte lange, bis ich wieder in die Stadt kam. Mit meinem Rucksack auf den Schultern, dreckig, erschöpft und hoffnungslos. Leise schlich ich mich in die Wohnung und in mein Zimmer zurück. Mein Zimmer war dunkel, nur der gegenüberliegende Teil des Fensters war vom Mondlicht erleuchtet. Ich konnte es nicht aushalten und zog zum ersten Mal seit wohl mehr als 10 Jahren die Jalousien herunter um das Mondlicht auszusperren. Es wurde Morgen, alles war wie sonst. Obwohl ich fast sechs Stunden weg war, bekamen meine Eltern nichts mit. Meine Freunde wunderten sich, warum ich so still war, aber ich erklärte es ihnen nicht. Im Unterricht hörte ich ebenfalls nicht zu. Ich ging nach Hause ohne meine Umgebung in irgendeiner Art wahr zu nehmen. Alles um mich herum war dunkel und kalt, leer und trostlos. Zu Hause war auch alles wie üblich, mit der Ausnahme, dass mein Vater gute Laune hatte und verkündete, dass wir heute Abend Vewandte besuchen und wir laufen würden. Daraufhin lächelte mich meine Mutter an.
Am späten Nachmittag gingen wir also zu diesen Verwandten, dabei lief ich ein gutes Stück hinter meinen Eltern und ignorierte den besorgten Blick meiner Mutter. Für meine Eltern wurde es ein lustiger Abend. Ich jedoch saß allein in einer Ecke. Inzwischen war es spät geworden und der Mond war wieder aufgegangen, doch heute versuchte ich mich vor ihm zu verstecken, versuchte ihm und dem Licht auszuweichen. Meine Mutter kam zu mir und fragte: "Was ist denn los mir dir? Du bist so still." "Weißt du noch, wie ich als kleines Mädchen versucht habe unter den Mond zu kommen?" Sie lächelte traurig. "Ja ich hätte dir damals nicht einreden dürfen, dass du es irgendwann schaffst. Es hat mich immer traurig gemacht, als ich gesehen habe, dass du so enttäuscht warst, weil du es nie geschafft hast." "Ich weiß. Ich habe eigentlich damit aufgehört, allerdings habe ich es vorletzte Nacht wieder versucht und musste daran denken, was Vater gesagt hat. Und ich dachte...wenn ich es nicht schaffe ist alles umsonst, dass er recht hätte. Das alles sinnlos wäre. Deshalb bin ich losgelaufen. Aber ich weiß genau, dass ich es nicht schaffen kann und dennoch bin ich losgelaufen." Meine Mutter saß mir hilflos gegenüber und konnte mir nicht helfen, konnte mich nicht trösten.
Als wir zurück gingen, mussten wir über eine große Brücke. Ich sah genau über ihr den Mond und überlegte. Wir standen an einer Ampel und obwohl sie rot war, lief ich los. Vorbei an einem LKW, an dem ich nur knapp vorbei kam. Den Blick hatte ich anfangs nur auf den Mond gerichtet und senkte ihn nun im weiterlaufen. Mitten auf der Brücke sah ich hoch und erblickte über mir den Mond. Ich hatte es geschafft. Nach so langer Zeit hatte ich es geschafft. Auf einmal fiel jeder Zweifel von mir ab, ich vergaß jede Trauer, Enttäuschung und Wut. Ich drehte mich in dem silbrigen Licht und weinte Tränen der Freude. "Ich habe es geschafft! Seht doch, ich habe es geschafft! Ich..." Ungläubig verstummte ich, als ich die Szene am Ende der Brücke erblickte. Einen umgekippten LKW, meine Eltern, die fassungslos auf dem Boden saßen. Auf einmal hörte ich Sirenen. Unfähig, auch nur einen Schritt zu machen stand ich da und starrte. Bis ich mich losriss und zu meinen Eltern lief. "...ist plötzlich losgelaufen, obwohl es rot war,..." Mein Vater. "Aber ich bin doch hier!", rief ich. Verwirrt darüber, dass er mich nicht gehört hatte, dass mich niemand gehört hatte tauchte plötzlich die Erinnerung an einen Film auf, in dem ein Mann als Geist neben sich gestanden hatte. Doch das war unmöglich. Ich hatte doch es auf die andere Seite geschafft. Aber da war ich mir auf einmal nicht mehr so sicher wie noch vor ein paar Augenblicken...

Kommentare

Shaya schrieb am 2007-03-07 15:24:44:
Wirklich schöne Geschichte.
Kiki schrieb am 2006-07-23 18:07:32:
Die Geschichte ist toll!!!Aber traúrig!
Siriya schrieb:
Die Geschichte hier habe ich einmal als eine Deutschhausaufgabe geschrieben und eigentlich passt sie überhaupt nicht in meinen sonstigen Schreibbereich hinein. Aber ich hoffe, sie gefällt einigen der Leser hier ^^
Alles Liebe,
Siriya Inferior
H_Asereht@web.de schrieb:
Mir gefällt die Geschichte. Vor allem das Ende.

Liebe Grüße, Kirchenmond
tilly-jaeger@web.de schrieb:
diese geschichte ist viel zu lang

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