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Kategorien > Humor > Aus dem Leben

Unterlassene Hilfeleistung

von Frank Schramm

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Mein Name ist Sven. Der Nachname tut nichts zur Sache!
Schlimm genug, daß ausgerechnet ich Ihnen diese Geschichte erzählen muß. Ein wenig Anonymität muß da schon noch bleiben. Sie werden bald verstehen, warum.

Ich bin jetzt 57 Jahre alt und Sozialhilfeempfänger. Dabei hatte ich vor mehr als dreißig Jahren eine große Karriere vor mir. Das weiß ich. Da bin ich mir ganz sicher!
Wäre da nur nicht dieses unsägliche Meeting in…na ich sage mal…einer mittelgroßen deutschen Stadt gewesen. (Bitte entschuldigen Sie! Aber der Umstand, daß ich den Namen dieser Stadt hier nicht erwähne, soll lediglich dem Schutz meiner Identität dienen.)

Doch der Reihe nach…

Damals befand ich mich gerade in einer beruflichen Selbstfindungsphase. Nach der Realschule hatte ich erst eine technische und danach eine kaufmännische Ausbildung - jeweils mit Auszeichnung - absolviert. Ich sah mich so für meine berufliche Zukunft gerüstet, war mir aber noch immer unschlüssig, was ich eigentlich wirklich machen wollte.
Welch ein Zufall, daß ich eines Abends in meiner Stammkneipe einen ehemaligen Schulkameraden wieder traf? Erst viel später sollte ich erfahren, daß der bei diesem Zufall ein wenig nachgeholfen hatte. Was soll’s!

Jedenfalls hatte er einige Wochen vor unserem gemeinsamen Zusammentreffen bei so einem Multi-Level-Marketing-Dingsbumsverein angeheuert. Ich konnte derzeit mit diesem Begriff noch überhaupt nichts anfangen, aber heute weiß ich, daß aus diesem Verein mittlerweile ein erfolgreich und international operierendes, sowie börsennotiertes Unternehmen geworden ist.

Der Ex-Kumpel war also auf der Suche nach potentiellen Opfern, die er rekrutieren konnte. Je mehr, desto besser. Um so schneller würde er die Erfolgsleiter in diesem Unternehmen raufklettern.
Was er mir an diesem Abend über seine Tätigkeit dort erzählte, hörte sich nicht nur sauspannend, sondern zudem auch noch sehr lukrativ für mich an. Ich sagte ihm daraufhin zu, einige Tage später an einer sogenannten ortsnahen Schnupperveranstaltung teilzunehmen. Ohne jegliche Verpflichtung.

Respekt! Die Kerle, die dort referierten, hatten es wirklich drauf. Sie wußten ganz genau, wie man die Massen mit- und zu Begeisterungsstürmen hinreißt.
Es waren zu dieser Veranstaltung an die einhundert Personen, die Mitarbeiter des Unternehmens nicht mitgezählt, erschienen.
Natürlich hatten auch noch andere Kollegen der Region zu dem Termin geladen, und der Seminar-Raum, in dem wir uns einfanden, drohte aus allen Nähten zu platzen.

Die geladenen Gäste deckten so ziemlich jede Gesellschafts-, als auch Bildungsschicht ab. Doch egal, ob nüchterner Geschäftsmann, der sich bereits mit einem eigenen Geschäft etabliert hatte, oder arbeitsloses Blondchen, daß sich explizit weigerte, dem Klischee, mit dem es landläufig ständig in Verbindung gebracht wird, in den A…., ich meine, in den Hintern zu treten; meinen Beobachtungen zufolge, konnte sich niemand der Neulinge dieser Magie entziehen, die sämtliche Moderatoren auf uns ausübten.

Auch ich wollte bei dieser Geschäftsidee unbedingt mitwirken. Und gleich für den Mittwoch der folgenden Woche (fragen Sie mich nicht, warum die sich für einen Wochentag entschieden hatten), wurde der Beginn einer zweitägigen nationalen Vertriebssitzung angekündigt, die uns in dieser mittelgroßen deutschen Stadt erneut zusammenführen sollte. Ein Event, welches alles zuvor Erlebte in den Schatten stellen sollte, wurde vollmundig behauptet.

Ich hatte mich bei der Schnupperveranstaltung mit Thomas (Name geändert… Sie wissen schon…), der direkt neben mir gesessen hatte, angefreundet.
Ein Auto konnte ich zu der Zeit noch nicht mein eigen nennen, und mit der Bahn zu dem Meeting zu fahren, war mir zu teuer gewesen.
Thomas besaß ein Auto. Da wir nicht sehr weit voneinander entfernt wohnten, fragte ich ihn, ob er mich mitnehmen würde, und er sagte bereitwillig zu.


Nun ja; ein Event, das alles zuvor Erlebte in den Schatten stellt… Für meinen Geschmack entpuppte sich diese Superlative als eine etwas zu ambitionierte Ankündigung. Aber es war natürlich beeindruckend, ohne Frage.
Die Veranstaltung fand in einem riesigen und ausschließlich für derartige Zwecke genutzten Hörsaal der firmeneigenen Zentrale statt. Und die Profis, die da für uns aus dem Nähkästchen plauderten, ließen die Moderatoren der Schnupperveranstaltung wie armselige und nichtswissende Amateure dastehen.
Den annähernd siebenhundert geladenen Gästen wurden gleich am ersten Tag qualitativ hochwertige Vorträge zum Thema MLM geboten. Doch irgendwie bekamen einige von uns bereits zur Mittagszeit den uns in Aussicht gestellten Abend nicht mehr aus dem Kopf. Und je weiter es dem Nachmittag zuging, desto mehr Teilnehmern schien es ebenso zu ergehen.

Ich meine, für den einen oder anderen wird das jetzt nicht unbedingt der Knaller sein.
Aber in so einer Art Brauhaus, einem echt riesigen Teil, sollte ein bißchen Party gemacht werden. Essen und Trinken satt. Soviel man wollte und konnte. Und nur vom Feinsten.

Ich hatte so etwas noch nicht mitgemacht. Und eine Menge anderer wohl auch nicht.
Und wiederum andere vermittelten mir ohnehin den Eindruck, daß sie schon seit einiger Zeit nichts Vernünftiges mehr zwischen die Zähne gekriegt hatten.
Die trafen hier auf ihr irdisches Paradies und ich hätte damals jede Wette gehalten, daß einige dabei waren, die nur aus diesem Grund an dem Großevent teilgenommen hatten.

Das war schon was! Schließlich hatte bisher noch niemand von uns dem Unternehmen auch nur eine einzige Mark ins Portfolio gespült.
Es war als Vorschuß auf eine von uns noch zu erbringende Leistung zu verstehen gewesen. Im ungünstigsten Fall auf eine Leistung, die niemals erbracht werden würde.
Doch das Unternehmen und deren Macher wußten genau, was sie taten. Ganz sicher war es eine sinnvolle Investition in ihrer aller Zukunft.
ICH würde jedenfalls definitiv dabei sein. Ich war jung, gutaussehend, erfolgshungrig, dynamisch, fähig, flexibel, mit einer unglaublichen Auffassungsgabe…
Und ich brauchte das Geld, so abgedroschen das klingen mag.

Wenn auch gleich für den nächsten Morgen um neun Uhr die Fortsetzung der Vorträge festgesetzt worden war, wollte ich mir an dem besagten Abend mal so richtig die Kante geben. Irgendwie würde ich es am nächsten Tag schon aus dem Bett schaffen.
Thomas und mir war ein Doppelzimmer im Hotel zugeteilt worden. Er würde mich wecken.


Das Essen war hervorragend, Bier und Longdrinks flossen in Strömen, und der Abend nahm seinen Lauf; alle waren sichtlich fröhlich und ausgelassen.
Irgendwann geht bekanntlich auch der schönste Abend mal zu Ende, und mittlerweile freute ich mich dann doch auf mein Bett. Es war etwa ein Uhr in der Früh’. Und es würde mir am nächsten Tag schwer genug fallen, einige weitere Stunden aufmerksam dem Geschehen im Hörsaal zu folgen.
Außerdem lag noch etwa eine halbe Stunde Fußmarsch durch die Innenstadt bis zu unserem Hotel vor uns.

Thomas und ich gehörten zu den

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