Utopia - Leben im Chaosfenser
von
Stephan Marti
(Heute)
Der Boden auf dem ich stehe beginnt zu zittern. Zuerst fast unspürbar schwach, doch mit jeder Minute stärker. Die Vibrationen erfassen nun meine Füsse und wandern hoch zu meinen Knien. Ich setze mich auf den Boden, ziehe mich aus, lege mich in das, durch den morgendlichen Tau, angefeuchtete Gras, breite meine Arme aus und geniesse das Beben der Erde. Mein ganzer Körper vibriert. Jeder Schub, der das Beben nun innerhalb weniger Minuten steigern wird, bis zum Höhepunkt, gelangt über meine Haut in mein Inneres.
Die Frequenzen werden stärker und lassen mich in eine Art Trance verfallen. Der dunkle Himmel wird flüssig, die Baumkronen bewegen sich in seiner Strömung, bieten aber kaum Widerstand. Der Wind kommt auf und fegt über das grosse Feld. Die Haare an meinen Armen erheben sich in die Höhe, als wollten sie sich gegen den Wind stellen, Widerstand bilden, vereint mit den Hecken, Bäumen und Hügeln. Jeder Teil meines Körpers verbindet sich Stück um Stück mit der Natur, bis ich schliesslich ein Teil dieser Wiese bin, auf der ich liege.
Ein lautes Knacken und Krachen treibt einige Rehe aus dem nahen Wald. Keuchend, schweissgebadet und erschöpft von der Flucht, legen sie sich neben mir in die Wiese. Ihre schnaubenden und heftigen Atemstösse zerzausen mein Haar und wärmen meine Kopfhaut. Schnell werden sie ruhiger, da auch sie sich nicht länger gegen die Vibrationen wehren können. Ein Fuchs sucht Schutz und Wärme zwischen den Beinen eines der Rehe, zwei Hasen kommen dazu. Die wenigen Grashalme, die mich von ihnen trennen, vibrieren. Die Mohnblume direkt neben mir verliert ihr letztes Blatt und die Ameisen, die an ihr hinauf geklettert waren, um ihre Sklaven die Läuse zu melken, bleiben stehen. Fast ratlos warten sie auf ein Ende des Bebens um ihre Arbeit fortzusetzen. Doch sie müssen geduldig sein. Dieses Beben wird den ganzen Tag anhalten, denn heute ist Bifurkationstag, unser Neujahrstag.
Jeder Mensch nimmt sich Zeit für sich und die Natur aus der er entstanden ist. Dieses Ritual ist so alt wie die Existenz der neuen Rasse Mensch.
Überall auf der Erde spielen sich in diesem Moment ähnliche Szenen ab. Der Mensch erkennt wie klein und machtlos er der Natur gegenüber steht. Sie herrscht über ihn und dies wird er sich jedes Jahr am Neujahrstag erneut bewusst. Die Grenzen des Tun und des Lebens setzt die Natur, nicht der Mensch. Sie lässt ihn in einem begrenzten Bereich gewähren. Dieser kann und darf aber nicht überschritten werden. Ausser eben am Neujahrstag.
Heute verändert der Mensch die Zeit und bringt das Chaosfenster in dem wir leben an seine Grenzen, eben in den Anfangsbereich der Bifurkationsphase. Würde die Zeit noch stärker verändert, folgte das Chaos und somit das Ende aller natürlichen Konstanten.
Am Neujahrstag verletzt der Mensch bewusst die Grenzen der Natur, indem er enorme Energieumwandlungen auslöst, die viel Zeit in Anspruch nehmen. Da die Zeit, im Gegensatz zur Annahme der Menschen der alten Rasse, nicht unendlich, sondern eben begrenzt ist und rational in der Natur aufgeteilt wird, stoppt das Wachstum in dieser. Die Zeitbilanz gerät aus den Fugen. Die natürlichen Abläufe, welche nicht an der enormen Energieumwandlung teilnehmen, kommen zum Erliegen. Sie verdursten an mangelndem Zeitfluss. Ein dramatischer Wachstumsstillstand der Organismen setzt ein. Würde dieser Zustand beibehalten über den Zeitraum eines Tages, käme die Erde in ihrer heutigen prächtigen Form innerhalb eines Jahres zum Erliegen.
24 Stunden sind das Maximum, welche die kleinsten und schwächsten Organismen ohne Zeitzufuhr überleben können. Wird diese Zeitlimite überschritten, beginnt die Phase der Rückbildung. Ab der 25. Stunde verdirbt das Wasser, nach 30 Stunden wären sämtliche Wälder verrottet, somit versiegte der Sauerstoff. Nach dem dritten Tag wäre der Mensch schon einen Tag lang Geschichte. Fünf Tage bis zum Zerfall aller Gebäude und somit der Städte, Hochhäuser, Pyramiden, Koloseen und aller schiefen Türme. Alles zerfiele in seine einzelnen Elemente. Das Polareis würde nach einer Woche beginnen zu schmelzen und wäre binnen eines Monats genauso verschwunden wie die Landflächen. Nach 6 Monaten erlägen die letzten Bakterien und nach einem Jahr kreiste eine weitere mondartige Kugel um die Sonne.
Die Sonne steigt über den mit Weizen bewachsenen Hügel auf und wärmt meine nackte Haut. Die vom Wind schiefliegenden und verwirbelten Ähren werfen einen feinen, aber unruhigen Schattengang. Sie sollten schon lange geerntet sein, denn nach dem heutigen Tag wir dies kaum noch möglich sein.
Blitze schnallen ins Feld, kleine Feuer entfachen sich, flackern kurz auf bis sie der Wind wieder ausbläst.
Der dunkle, fliessende Himmel vermischt sich mit den giftig gelben Strahlen der Sonne, während der Wind nochmals an Stärke zunimmt. Die Ähren liegen nun dem Erboden gleich. Nur noch die Bäume trotzen ihm. Erfurcht lässt mich aus meinem Trancezustand erwachen. Das Krachen aus dem Wald wird häufiger und lauter. Die Vibrationen fesseln mich an den Boden, welcher an trockenen Stellen aufbricht. Risse bilden sich, zuerst kleine, dann immer längere und breitere. Das Feld wird lebendig. Unter meinem Rücken spüre ich den kalten Luftzug des Windes. Der Tau an den flachgedrückten Gräsern verzieht sich in den Boden, als suchte er nach Schutz und Geborgenheit. Das Atmen schmerzt, ich stocke, spüre die Atemnot. Meine Haut wird von den Rissen angesogen, Brust und Nacken spannen sich, die Rippen drängen gegen den Himmel, kleine Wunden öffnen sich und Schmerz schiesst mir in die Knochen, die sich der Wölbung des Bodens anzupassen scheinen. Ich habe das Gefühl von der Erde aufgesogen zu werden. Meine Augen schliessen kann ich nicht, zu kalt bläst mir der Wind durchs Gesicht. Meine Barthaare strecken sich, die Nasenhöhlen sind zugedrückt, der Mund verklebt, die Lippen spröde wie der Boden um mich herum. Die Luft wird knapp, atmen wir unmöglich, die Natur rächt sich in ungewöhnlicher Stärke. Der Himmel wird dunkler, mein Sichtfeld kleiner, schmaler, dunkel. Die Rehe atmen nicht mehr. Ich trete weg.
(Buch über Gründergeneration und deren Gedankengut)
Grenzerfahrungen stärken den Geist und verdrängen den Gedanken an Tod und Vergänglichkeit nicht ins Passive. Sie sind die Grundlage für das Leben im Chaosfenster.
Dieses öffnete sich nach dem evolutionären Bruch im 21. Jahrhundert n. C. Damals brach die bestehende Gesellschaft, aus Gründen die wir heute kaum noch rational nachvollziehen können, auseinander.
Kriege wurden im Namen von Götzen, wie dem blauäugigen Bruder aus Bethlehem oder dem Gott des Geldes geführt. Eine Globalisierung ohne Zusammengehörigkeitsgefühl und einer Bewegungsfreiheit in deren Genuss nur einige Privilegierte kamen, liessen nach Angaben heutiger Historiker die Lage im damaligen „Westen“ ab 2006 eskalieren. Rachsüchte loderten auf, Waffen und Rüstungsgüter überschritten die Produktion an Lebensmitteln. Hunger galt neben einem uns unbekannten Virus als Todesursache Nummer 1.
Die unterschiedlichen Völker trieben die Forschung an, weil sie annahmen, die Weltformel, welche alle physikalischen Kräfte auf eine Formel reduziert und die Kontrolle über unvorstellbare Energien hervorbrachte, stehe kurz vor ihrer Entdeckung. Das Volk, welches sie besässe, würde die Weltherrschaft übernehmen.
All diese Begebenheiten haben die Menschen in den Wahnsinn getrieben, sodass es schliesslich um etwa 2010 durch eine unreine Weltformel zu einem Supergau kam, den nur wenige Menschen überlebten. Diese zirka 30`000 Überlebenden sind unsere Vorahnen und zugleich die Gründergeneration des Chaosfensters. In gemeinsamer Erforschung entwickelten sie vor 1600 Jahren die Weltformel weiter, in die uns heute vorliegende Reinform. Die Erkenntnis, dass die Zeit als Grundfaktor, welche alle physikalischen Gebiete miteinander verbindet, begrenzt ist, eröffnete ein neues Bewusstsein in der naturwissenschaftlichen Forschung. Ihre Ergebnisse sollten von nun an aus der Natur stammen und mit der Natur vereinbar sein.
(Rede - Gründerzeit 2030)
„Das Zeitalter des Chaosfensters beginnt heute, hier und jetzt, mit uns, den letzten Überlebenden unserer Art. Wenige hatten Glück. Das Glück, aber auch die Qual, heute hier zu sein. Als Bindeglied zwischen der alten Rasse Mensch aus der wir entstammen sind und der neuen Rasse und dessen Epoche die wir heute einleiten werden. Das Glied muss gebrochen werden.
Es darf keinen Weg zurück mehr geben. Deshalb sind wir heute hier. Wir sind die Träger der Zukunft. Wir lassen die Zügel nicht mehr los, weil wir wissen, was vorher war.
Wir kennen die alte Welt und deren Sinnlosigkeit. Wir kennen die Schmerzen und das Leid die sie gebracht hat. Wir kennen den Hunger und den Krieg, die Gier und die Rache, den Hass und die Verfolgung. All dies tragen wir in uns und es belastet uns. Heute ist der Tag gekommen damit abzuschliessen. Heute ist der Tag an dem der Traum Kings wahr wird. Heute leiten wir ihn ein, seinen Wunsch nach Frieden.
(Alte Welt; 28. August 1963)
I have a dream that one day this nation will rise up and live out the true meaning of its creed: We hold these truths to be self-evident that all men are created equal.
I have a dream that one day on the red hills of Georgia the sons of former slaves and the sons of former slave owners will be able to sit down together at the table of brotherhood.
I have a dream that one day even the state of Mississippi, a state sweltering with the heat of injustice, sweltering with the heat of oppression, will be transformed into an oasis of freedom and justice.
I have a dream that my four little children will one day live in a nation where they will not be judged by the color of their skin but by the content of their character. I have a dream today!
I have a dream that one day every valley shall be exalted, and every hill and mountain shall be made low, the rough places will be made plain, and the crooked places will be made straight
And so let freedom ring --. Let freedom ring
(Rede – Gründerzeit 2030)
Die schmerzhaften Wunden, die heute offen liegen, werden in unserer Generation nicht heilen, auch in der Nächsten nicht, aber ich sehe Hoffnung, dass sie sich in der Übernächsten, wenn auch mit Narben, wieder schliessen werden. Diese Hoffnung ist die Einzige die ich habe. Die wir haben.
Unsere Kinder sind heute erwachsen. Sie sind alt genug von nun an selbstständig den Weg weiter zu gehen. Den Weg, dessen erste Meter wir für sie in den letzten 20 Jahren seit dem Bruch vorbereitet haben. Wie sie ihn weiter gestalten, liegt ab morgen bei ihnen. Alle Daten, Zahlen und Formeln, alle Erkenntnisse, Weisheiten und Menschenrechte, ja all unser Wissen, das wir als förderlich für ihre Zukunft, die Zukunft der neuen Rasse Mensch, eingestuft haben, bleibt ihnen erhalten. Die anderen sind bereits gelöscht.
Stoppen wir also heute die Vergangenheit und starten die Zukunft mit dem 1. Bifurkationstag, unserem Neujahrstag. Dieser Tag und unser Abschied ist ein Zeichen an die nachfolgenden Generationen. Das Zeichen unsere Ratschläge anzunehmen, unsere Überlieferungen an sie zu wahren und daraus zu lernen.
Die Weisheit liegt weder in der Vernunft, noch in den Gefühlen. Sie liegt in beiden. Mit diesen Worten schliesse ich heute meine Rede und gleichzeitig die Epoche der Triebbewältigung und eröffne die Epoche des Chaosfensters.“
Das beben beginnt..
(Heute)
Ich fühle mich starr wie Eis, kann weder sehen, noch mich bewegen. Ein heftiger Windstoss pfeift durch meine Nassenhöhlen, strömt in meine Lungen und bläht schmerzhaft meinen Brustkasten auf. Ein Knacken in der Wirbelsäule lässt meinen Körper erzucken. Ich lebe. Die Natur will mich noch nicht zurück.
Blut rinnt meine Speiseröhre hinab. Hustend versuche ich mich zu erheben, doch die Erde vibriert noch zu stark, sodass ich liegen bleiben muss. In meine Ohren strömt Wasser. Ich schnappe ein weiteres mal nach Luft, bis ich merke, dass ich wieder atmen kann. Ich friere. Langsam, aber brennend kehrt mein Augenlicht zurück. Verschwommen erkenne ich, dass es regnet. Der Höhepunkt des Bebens muss vorüber sein, denn am Horizont flimmert die gelbe Farbe der Sonne durch die dicken schwarzen, nun statisch wirkenden Wolken. Auch sie scheinen aus Erfurcht erstarrt zu sein. Der Wind versiegte. Die Grashalme beginnen sich trotz dem Beben wieder langsam aufzubäumen. Das Wasser scheint ihnen Kraft zu geben. Ich öffne meinen Mund, aus Hoffnung die gleiche Wirkung würde auch meinen Körper stärken, und merkte erst jetzt wie durstig mein Körper ist. Das kalte, bittere Regenwasser beruhigt mich, obwohl ich immer noch starr in der Wiese liege.
(Buch über Gründergeneration und deren Gedankengut)
Die Gründerväter bilden das einzige Bindeglied zur alten Rasse Mensch. Da sie sich offensichtlich der Gefahr bewusst waren, dass sie als Bindeglied und Wissensträger der Geschehnisse aus der alten Welt, dem weiteren Fortgang der Evolution Steine in den weg legen könnten, beschlossen sie sich, sobald die 1.Generation sich selbst zu versorgen wusste, von ihnen zu verabschieden. Der Massensuizid sollte das Tor zur alten Welt für immer verschliessen und einen evolutionären Bruch hervorrufen. (Samstag Abend Show, heute)
Guten Abend verehrte Zuschauerinnen und Zuschauer, geschätzte Leser. Ich begrüsse sie zu einer weiteren Ausgabe von Bienaventura History. Heute bei mir zu Gast ist der Historiker und Philosoph Dr. Errico Malatesta. Er und ein Team von freien Naturwissenschaftlern, Historikern, Archiologen und Antropologen der offenen Universität von Gulai Pole befassen sich seit mehr als elf Jahren mit dem Mensch der alten Rasse. Neue brisante Entdeckungen sind für uns Anlass genug ihn heute hier im Studio zu begrüssen. Herzlich willkommen. Dr. Errico Malatesta.
Durutti: ”Errico, Guten Abend. Erzähl uns doch,was genau du und dein Team herausgefunden und warum ihr euch über Wochen in Schweigen gehüllt habt, bevor ihr heute an die Öffentlichkeit tretet.“
Dr. Errico: “Zuerst, das muss ich zugeben, haben wir unseren eigenen Resultaten und den daraus resultierenden Schlussfolgerungen nicht recht glauben schenken können. Dennoch stellten sich alle Ergebnisse, nach doppelter Überprüfung, als korrekt heraus. Es ist uns tatsächlich gelungen die Todesursache der mumifizierten, über 1500 Jahre alten Leiche eines Mannes, die wir vor 6 Monaten aus dem Permanenteis des Aletschgletschers geborgen haben, zu bestimmen. Lange Zeit nahm man an, dass die Menschen der alten Rasse, noch vor dem evolutionären Bruch, grösstenteils durch Hunger und Krieg zu Tode kamen. Todesursache Krieg konnte aber von Anfang an ausgeschlossen werden, da bei der Leiche keine äusseren und inneren Verletzungen sichtbar waren. Folglich war er verhungert. Das war unsere Annahme.
Durutti:“ Bis vor etwa 4 Wochen, nehme ich an?“
Dr. Errico: „Genau richtig. Wir entdeckten in einer gut erhaltenen verschlossenen Vene im Unterarm eine kleine Menge Blut. Die Untersuchungen ergaben zuerst seltsame Werte, bis wir den Grund dafür entdeckten. Einen Virus.
Durutti: „Welche Art von Virus? Gibt es Ähnlichkeiten zum HIV, welches im 21. Jahrhundert stark verbreitet war?“
Dr. Errico: „Nein, dieser Virus ist uns weder aus den Überlieferungen unserer Gründergeneration, noch aus eigener Erfahrung bekannt. Bis zum jetzigen Zeitpunkt kann man davon ausgehen, dass es ein sehr aggressiver und leicht ansteckbarer Virus gewesen sein muss, da der Mann sehr abgemagert war und Blutergüsse an Oberschenkel und Genitalien aufwies. Diese Merkmale sind eigentlich typische Symptome von Aids. Jedoch lässt ein weiteres Indiz auf einen anderen Virus schliesseen.
Auch die im letzten Jahr aufgefundene Leiche Sofia, die heute wohl allen bekannt ist, wies die gleichen Blutergüsse an Kopf und Brust auf. Beide Leichen stammen aus der Zeit kurz vor dem Gau im 21. Jahrhundert nach Christus. Seltsamerweise haben wir auch bei beiden eine dramatische Rückbildung des menschlichen Kleinhirns, dem Hypokampus diagnostiziert. Dieser steuert den menschlichen Hormonhaushalt, und dient vor allem dazu, die emphatischen Eigenschaften des sozialen Zusammenlebens untereinander zu ermöglichen.“
Durutti: “Die Jahrhunderte alten Überlieferungen unserer Gründergeneration sind also unvollständig?“
Dr. Errico: „Das würde ich nicht behaupten. Eher kann man annehmen, dass sie diesem Virus noch gar nicht auf der Spur waren, ja noch nicht einmal etwas von ihm bemerkt hatten. Vielleicht liessen die tragischen Zeiten vor dem Supergau 2010 keinen Platz mehr um solche „belanglose“ Krankheiten zu heilen. Schliesslich konnte man auch ohne Virus täglich unvorbereitet an Hunger oder Völkerhass sterben.“
Durutti: „Nun diese Zwei Leichen dürften aus der gleichen Zeit und Region stammen. Aber man kann damit nicht beweisen, dass dieser Virus auf dem ganzen Globus verbreitet war.“
Dr. Errico: „Das war auch uns klar. Wir haben deshalb vor 10 Tagen bei unseren äthiopischen Kollegen des Institutes für Vorbruchsgeschichte in Zaire angefragt. Diese befassen sich schon seit über 40 Jahren mit dem Mensch der alten Rasse und besitzen über hundert Leichen aus allen damaligen Kontinenten.
Wir fragten sie, ob ihnen neben dem HIV, dem Malaria und der Hepatitis noch andere Krankheiten oder Viren bekannt seien, die zu einer radikalen Dezimierung der Menschheit geführt haben könnte. Sie bestätigten uns, dass auch ihre Leichen, die in die Epoche 2000 bis 2010 fallen dürften, auffallend kleinen Hypokampus und seltsame Blutwerte aufwiesen.“
Durutti: „Der selbe Virus?“
Dr. Errico: „Wir sind uns ziemlich sicher, dass es sich um den selben Virus handeln muss.“
Durutti: „Wie viele der Leichen waren infiziert?“
Dr. Errico: „96 von 103 Leichen. Das sind über 90 %!“
Durutti: “Erschreckend!“
Dr. Errico: ”Genau, ein Virus den nahezu alle Menschen der alten Rasse in sich trugen, aber nichts davon wussten. Auch ist uns nicht bekannt, ob der Virus schleichend ausbrach und vor allem welche Konsequenzen er für die Menschheit und deren Gesellschaft hatte. Schliesslich haben schon die Gründer in ihren Überlieferungen von einer dramatischen Veränderung in der Gesellschaft vor dem evolutionären Bruch berichtet.“
Durutti: ”Unsere Ahnen beschrieben eine massive, passive und schleichende Zunahme von Aggressivität, Herrschsucht, Gier, Pogromen und Ausbeutungen, sowie von moderner Sklaverei während der letzten 100 Jahre vor dem Bruch. Kann dies in Zusammenhang mit ihrer Entdeckung der Reduktion des Hypokampus gesetzt werden?“
Dr. Errico: „Auf jeden Fall muss man diesem Symptom auf den Grund gehen. Es ist durchaus möglich, dass dieses Virus auch in jedem von uns steckt und jederzeit, durch den gleichen Auslöser, wie bei der alten Rasse auch unser Leben im Chaosfenster dramatisch in Gefahr bringen kann. Niemand kann voraussagen, ob der Mensch einen weiteren Bruch überleben würde...“
(Heute – Zeitungsausschnitt)
Die Zentralleitstelle für Zeitwandlung und Bifurkation ZZB gab gestern erstmals bekannt, dass sie an einer Studie arbeite, welche beobachte wie viele Menschen den Neujahrstag nicht überleben. Sie erhoffen sich somit Erkenntnisse darüber, ob die Natur die menschliche Population steuert und begrenzt, ähnlich wie bei dem Naturereignis, welches wir alle sechs Jahre miterleben dürfen, wenn Tausende Mäuse in die Seen und sonstigen Gewässer rennen und dort ertrinken, damit sich ihre eigene Population in der Waage hält.
Neue Beobachtungen ergaben, dass vor allem ältere, lahme oder kranke Tiere sich in die Gewässer stürzten. Die Forscher sehen hier die Parallele zum Menschen, da auch bei uns, wenn auch in jährlichem Zyklus, vorwiegend alte oder kranke Menschen am Bifurkationstag sterben.
Dennoch stieg die Population der Menschen seit der Gründerzeit stets an. Obwohl die Gründer in ihren Überlieferungen von einem Wachstumsstopp bei einer Milliarde Menschen, verursacht durch das Bifurkationsbeben, gesprochen haben, ändert sich nichts an der Tatsache, dass wir schon dieses Jahr die zwei Milliardengrenze überschreiten werden.
Deshalb soll die Studie des ZZB, welche den Zeitraum der letzten 400 Jahre abdecken wird, nun klären, ob eine Trendwende ersichtlich ist und ob diese gegebenenfalls von der Natur beeinflusst wird.
(Heute)
Früher lag ich zusammen mit meinem Grossvater, der mir Mutter, Vater und eben auch Grossvater in einem war, da meine Eltern früh starben und ich seit Jahren bei ihm lebte, an der selben Stelle an der ich jetzt liege. Nicht alle kehren von diesem Ritual zurück in die Gesellschaft des Rayons. Für sie endet das Leben am Neujahrstag. Auch mein Grossvater blieb im letzten Jahr bei der Natur. Dieser Ort verbindet mich mit ihm. Auch ich werde hier in der nahen Zukunft auf dieser Wiese mit meiner Frau, meinen Kindern und Enkel die Bifurkationstage verbringen. Jahr für Jahr. Die jährliche Rückkehr zur Natur, der Ausbruch aus der Gesellschaft und das Erleben der Grenzen geben mir, uns allen, die Energie unser Leben fortzusetzen. Heute Abend am Bifurkationsfest verabschieden wir die Personen die in der Natur geblieben sind. Den natürlichen Zerfall zu akzeptieren ist schmerzhaft, aber wie schon unsere Gründer sagten, soll man zwischen dem Kommen und Gehen, das Beste geben.
(Neujahrtag vorheriges Jahr– Zeitungsausschnitt EZE)
Der gestrige Bifurkationstag dürfte noch allen in den Knochen sitzen. Auch dieses Jahr verlief er in den meisten Rayons alles andere als „ruhig“. In bisher nie da gewesener Stärke reagierte die Natur auf den Eingriff der Menschen und liess ihn dies markanter spüren als im vorigen Jahr. Gemäss der Epizentrale Europa EZE bebte es erneut im Gebiet Gulai Pole, mit einem Wert von 7,8 auf der Richterskala, am heftigsten.
Dies hatte zur Folge, dass die Natur in Gulai Pole, aber auch in anderen Rayons, mehr Personen zu sich zurück holte, als früher. Vieler Orts dauerte das Abschiedsfest bis zum morgengrauen, endete mit dem Aufsuchen der Verstorbenen und dem anschliessenden Baumpflanzen.
(Bürger der alten Welt, Status Mittelschicht, 2005)
Ich stehe im Badezimmer vor dem grossen Spiegel, welcher vom Dampf der morgendlichen Dusche angelaufen ist. Aus meinen nassen Haaren lösen sich Tropfen, die sich mit denen auf der Haut verbinden und einige rege Wasserspuren auslösen. Vergnügt schaue ich ihnen nach, wie sie zuerst über die Brust, dann zum Bauchnabel und schliesslich zu den Füssen kullern. Mein Blick schnallt zurück zu meinen Oberschenkeln.
Da sind sie, genau wie in meinen träumen angedeutet, die fingerkuppengrossen Blutergüsse. Erst jetzt beginnen sie zu beissen und je länger ich an ihnen herumdrücke und sie anfasse, je grösser wird das Verlangen zu kratzen, doch ich weiss, dass ich nicht darf, da ich sie ansonsten weiter über meine Haut verbreite. Ich spüre wie sich die Panik in mir vorbereitet, um mich mit einem Schlag zu fesseln. Mir wird heiss und schwindlig. Im abgetauten Spiegel sehe ich sie nun klar und deutlich, rot und gefahrvoll, in Grüppchen aufgeteilt. Ich stehe kreidebleich im Badezimmer, gelähmt durch Schock und Wut, dass es mich getroffen hat, obwohl sich sofort der Gedanke, so absurd er mir noch gestern erschienen ist, meldete, dass ich wenigstens der Erste sein werde, der erlöst wird, von den Leiden und Qualen die unsere Gesellschaft durchlebt.
Ich würde sie hinter mir lassen, die Tyrannen, die modernen Sklavenschinder, die selbsternannten Autoritäten, die Staatsdiener und auch die Kreditgeber, mit ihrer zuvorkommenden Art, einem die blumige Zukunft die man sich einredet, in einen öden Acker zu verwandeln. Bald werden sie mir nicht mehr im Nacken sitzen und mir den Lebenswillen aus den Gliedern saugen. Schon bald werde ich weg sein, vielleicht kaum noch den nächsten Sonntag erleben.
Dennoch schiessen mir Gedanken durch meinen Kopf, knallen da und dort an andere und bringen sie in Schuss, bis der Gedankenfluss meinen kleinen Schädel zu überfluten droht. Ich wehre mich dagegen. Steige wieder unter die Dusche, stelle den Regler auf kalt und lasse erneut das Wasser über meinen Körper rauschen. Wie schön war doch die Dusche davor, als ich von all dem noch nichts gewusst, geschweige denn einen Gedanken daran verschwendet hatte.
Ich freute mich auf den heutigen Sonnenaufgang und den Gang zur Arbeit, auf das frische Brot und den starken Duft vom Kaffee in der Kantine, den ich schon beinahe in der Nase gerochen hatte. Endlich war ich bereit gewesen, mir Gedanken zu machen, wann und vor allem wo ich mich als nächstes engagiere will. Auch fühlte ich mich, erstmals seit Wochen, stark genug um heute meinem Chef die Meinung zu sagen und das zu tun, was ich in meinen träumen fast allnächtlich tue, nämlich zu kündigen. Meine Fesseln hätten sich gelöst, das Geschäftsinteresse, so nannte mein Chef die Überstunden, welche ich regelmässig auf mich nahm und mich meine Familie und wirklichen Freunde kostete, wären nur noch blasse Überresten der Erinnerung an eine Person gewesen, die ich einmal war, aber ab heute Abend hinter mir lassen wollte. Es hätte einen wunderschönen Tag werden können.
Heute wird sich jedoch nichts ändern, schon gar nicht in die Richtung, in die ich erhofft und schon so lange ersehnt hatte. Eine Weile werde ich es zu verbergen vermögen, obwohl mir dies bis anhin total unvernünftig erschien, scheint es mir heute doch machbar. Eine Woche wenigstens, bis ich all die Dinge erledigt habe, die man vor seinem eigenen Tod, sofern man davon schon im Voraus weiss, noch erledigen will. Ich werde mich gleich krank melden. Aber mit welcher Begründung?
Alle Gedanken melden sich auf einmal und überrumpeln meine innere Ruhe, die sich langsam wieder eingestellt hatte.
Auf der Strasse würde meine innere Unruhe, trotz der Wirrlichkeit die dort herrscht, sofort auffallen. Die Polizei würde meinen Befall erkennen. Sofort stände ich unter Karantäne, würde im Fernsehen gesendet, um ein Beispiel abzugeben, wie Befallene aussehen können, damit die Gesellschaft achtsam neue Vorfälle melden könnte. Langsam dahin vegetierend und verreckend sässe ich in meinem Käfig. Doch da sitze ich auch schon jetzt, in meinem Haus, dem Haus meiner Bank, eines fetten geldgierigen Scheusals, mit einer fremdgedrehten tausend Dollar Zigarre im Mund, lachend über mein Schicksal.
Wenn ich schon abkratze, dann nehme ich ihn mit, und all die anderen Tyrannen. Eine Woche werde ich stark bleiben, in den teuren, von Reichen besuchten, Restaurants und Bars verkehren, mir Termine bei Kredithaien verschaffen, die versnobten Discos abklappern, tagsüber über die Zürcher Bahnhofsstrasse schlendern, alle Polizisten nach einem Weg fragen, mich in den Luxusgaragen nach den teuersten Modellen erkundigen und alle politischen Versammlungen besuchen. Keine Müdigkeit mag mich jetzt noch überrumpeln, kein Gewissen mehr plagen. Ich werde sie alle kriegen und sie werden einander ausrotten, diese reichen Säcke.
(Buch über Gründergeneration und deren Gedankengut)
Wir Menschen im Chaosfenster herrschen über Zeit und Arbeit. Der alte Begriff der Arbeit hat sich in unserer Kultur in eine kleine, fast unbedeutende Dimension verlagert. Sie beherrscht den Menschen nicht mehr. Die Natur herrscht über uns. Diese zwei Herrschaftsformen sind die einzigen, die unser Leben prägen.
Unsere Tage verlaufen nicht als Kopie, einer Kopie, einer Kopie. Wir leben im Jetzt und in Freiheit, genauso wie es unsere Kinder tun werden.
(Heute)
Das Beben ist stärker als all die Jahre zuvor. Noch nie habe ich eines wie dieses erlebt. Selbst mein Grossvater hatte nie, obwohl er mir bei jeder Gelegenheit und mit Freude, oft auch Wehmut, aber immer glänzenden Augen, von den Beben berichtete, von einer derartigen Kraft, wie ich sie vorhin erlebt habe, gesprochen. Werde ich dadurch mehr Zeit brauchen zur Regeneration? Werden dies alle Menschen tun? Dadurch würde der Zeitrückfluss ins Stocken geraten, was nicht alle Organismen überleben lassen dürfte und den Menschen nicht zum erhofften Energie- und Motivationsschub verhälfe. Das letzte Jahr war schlimm genug.
Damals fühlte ich mich auch nach mehreren Wochen nach dem Neujahrstag nicht richtig befreit und erfrischt zu neuen Taten wie die Jahre zuvor. Eher matt, weigerlich stand ich morgens auf. Keine Nacht spendete mehr als drei Stunden Schlaf. Wirre träume raubten ihn und liessen mich am Morgen müder das Bett verlassen, als ich es am Vorabend bestiegen hatte. Ich fragte mich, wo der erhoffte Energieschub blieb?
Gerne denke ich zwei Jahre zurück, als ich mit meinem Grossvater, nach stundenlangen Diskussionen im strömenden Regen nach der Bifurkation, zurück kehrte in den Rayon, wo wir am Abend Abschied nahmen, aber auch tanzten, musizierten und lachten.
Damals nahm die Freude und Motivation so schlagartig zu, dass ich mich auf der Plattform für Arbeitsaufteilung des Rayon Gulai Pole für eine dreimonatige Tunnelrestauration bei der Renovationsequipe meldete. Während Tagen ohne Tageslicht, ohne Kontakt zur Aussenwelt zu sein, die schlechte Luft und die all paar Minuten vorbeizischenden Kapsel im Nebenkanal, welche heissen, Tränen in die Augen treibender Sand und Staub aufwirbelten, zu erleben, hat mir gut getan. Alle hatten Freude und Spass an der Arbeit. Jedem tut es gut, in vernünftigem Masse, ein paar Stunden knochenharte Arbeit zu leisten.
Dennoch ist und bleibt es kein beliebter Job, aber mit der richtigen Einstellung durchaus zu meistern. Unsere Nachkommen sollen schliesslich das gleiche oder sogar bessere Mobilitätssystem nutzen können, wie unsere Generation es vorgefunden hat. Ein weltumspannendes, 2000 Jahre altes, Tunnelsystem, welches jedermenschs Fernweh innerhalb wenigen Minuten lindern kann, indem man sich in seine Kapsel setzt, den Zielort wählt und den Startknopf betätigt. Moskau, Tokio, Paris, Büron. Weltstadtkommunen, wie auch die kleinste sibirische Gemeinderayon, rückten direkt vor die Haustüre.
Die Erde wurde zum wirklichen Dorf, Kulturen verständlich, Unterschiede interessant und weiten umweltfreundlich überwindbar.
(Neujahrstag vorheriges Jahr – Zeitungsausschnitt)
Die Zentralleitstelle für Zeitwandlung und Bifurkation ZZB meldete heute morgen, dass sich die Zeitbilanz wieder nahezu auf dem alten Stand eingependelt habe. Alle Referenzorganismen hätten die Bifurkationsphase überlebt.
Jedoch dauerte es dieses Jahr zum ersten Mal seit Beginn der Bilanzprüfung wesentlich länger, bis die Zeit wieder in die Prozesse zurück gekehrt war, aus denen sie entzogen wurden. Man wird dieser Schwachstelle auf den Grund gehen, um ein allfälliges Verzögern oder noch schlimmer ein Verhindern des Zeitrückflusses im nächstes Jahr auszuschliessen.
(Heute)
Beflügelt durch die Kräfte des Neujahrstags vor zwei Jahren, aber auch im Wissen das dieser mein letzter mit meinem Grossvater sein wird, da er schon alt und auch krank war, versuchte ich mich langsam von ihm zu lösen. Das Abschiednehmen würde so leichter fallen. Beide wussten, dass die Natur ihm nur noch ein Jahr geschenkt hat. Ich beschloss meinen gewohnten Rayon für einige Monate zu verlassen.
Ich meldete mich in China zur Elementaren. Diese Institution stellt Grundnahrungsmittel wie Reis, Rohrzucker und Soja für die Lebensmittelzentralen Europa, Asien und Australien her. Neben der Reisforschung, in welcher ich mich als Biologe Status4 und Agronom Status7 sehr wohl fühlte, absolvierte ich während diesem Aufenthalt abends an der Freien Universität Tokio mein Diplom Status 5 in Lebensmitteltechnologie; Spezialgebiet Bäcker und Konditorei.
Wieder zu Hause angekommen, konnte ich mich nach einigen Wochen der kreativen Freibetätigung an öffentlichen Gebäuden und Kunst im Alltag, in der Rayonbäckerei nützlich machen, in der ich bis zum heutigen Bifurkationstag gearbeitet habe.
Brot für alle, heisst es auf dem Schild über der Eingangstür, welches zur Andacht an unsere Gründer dort platziert wurde. Brot macht satt und verleiht die Kraft und den Willen etwas zu leisten, macht aber auch träge, und gibt jedem das Recht dort zu ruhen, wo er gerade läge, lautet ein altes Sprichwort.
Die Bäcker sind die wahren Helden des Alltags. Jedes noch so grimmige, verschlafene Gemüt, welches den Laden betrat, um seine Tagesportion zu beziehen und den wunderbaren Duft des frischen Brots in die Nase zog, löste sich auf und erheiterte sich den ganzen Tag. Manche assen auch gleich neben der Backstube in der Gemeinschaftskantine, die es in jeder Bäckerei gibt, das Frühstück, tranken frischen kräftigen Kaffee und informierten sich in den Hunderten von unabhängigen Zeitungen über das Geschehen in der Welt. Die allmorgendliche Zufriedenheit die hier entstand waren Lohn und Ehre genug für mich, hier zu arbeiten. Neue Ideen konnte ich hier freien Lauf lassen, denn wer Brot herstellt, ist ein Künstler, ein Lebensmittelkünstler, der verziert, verfeinert, süsst und würzt, neue Verbindungen komponiert und so neues schafft. Hier wird die grenzenlose Freiheit spürbar.
(Heute; Museum für Kunstgeschichte)
Sprecher: „Auf dem Bild hier, von G. Landauer, welches aus dem Jahr 2031 stammen dürfte, zeigt Landauer die Abschiedszeremonie aus dem Jahre 2030. Im Vordergrund erkennt man, wenn auch durch die vielen intensiven Rot - Parallelen verdeckt, die Menschen der 1.Generation, wie sie auf einem Felsen sitzend, auf die immense Wiesenfläche die man im Mittelgrund sieht, schauen. Einige Gesichter scheinen hier, wo sie bruchstückhaft erkennbar sind, zu weinen, andere zu lachen. Man kann heute davon ausgehen, dass wohl ein Gemisch von Euphorie, Nostalgie und Trauer die Zurückgebliebenen zu tiefst erschüttert haben.
Auf der grün violetten Wiese im Kreis stehend, sind die Gründer nicht als einzelne Individuen erkennbar, sondern, und das ist ein häufig angewandtes und enorm wichtiges Ausdruckselement in den Jahren nach dem Abschied, die Gründer werden als Ringe dargestellt; verschmelzt mit dem Grün, also der Wiese und der Natur. Beim genaueren betrachten sieht man, dass die Farbe der Ringe immer wieder neu aufgetragen wurde, sodass der Ring räumlich zum Vorschein kommt.
Somit wird dem Zusammenhalt und Gemeinschaftsleben, wie wir es bis heute aufrecht erhalten konnten, Rechnung getragen. Aber auch dem Gefühl, das man damals, am ersten Bifurkationstag, gehabt hatte, wurde stark zum Ausdruck gebracht.
Im Hintergrund des Bildes hat Landauer seine eigene Interpretation des Abschieds in das Bild einfliessen lassen. Dazu verwendete er grelle Gelbtöne, welche helle, als nebelartige Wolken deutbar, Quadrate durchschneiden und in den Mittelpunkt des Kreises und somit der Gründerringe dringen. Dort dürfte der grosse Giftbrunnen gestanden haben, den wir aus den historischen Überlieferungen kennen, aus dem die Gründer vor dem Beginn des Bebens getrunken haben.
Landauer verleiht hiermit dem Bild die Gegensätzlichkeit, die diese Zeit auch barg. Nämlich die glorifizierte Aufbruchsstimmung, aber auch das schmerzhafte Abschied nehmen.
Die Gruppe trottelt zum nächsten Bild, welches einen Raum weiter, die Fläche einer ganzen Wand füllend, steht und den Besuchern ein staunendes Raunen entlockt.
Sprecher: „Zu diesem Werk, von einem bis heute Unbekannten Maler erschaffen, was aber in der Epoche der Depression keineswegs ein Sonderfall war, lässt sich nicht viel dazufügen. Es bringt, alleine durch seine dunklen Farben, die tiefroten Konturen und durch sein unglaubliches Format, die Bedrücktheit und Hoffnungslosigkeit dieser Zeit zu Ausdruck. Einige Minuten vor diesem Bild verbringend, erfährt und spürt man mehr aus den Gefühlen des Malers heraus, als ich das in Worte fassen kann.
Ich bitte sie sich einige Minuten Zeit zu nehmen und es wirken zu lassen. Wir werden uns danach, nach einer kurzen Verschnaufpause, in der Halle nebenan den Bildern der 3. Generation nach dem Bruch, der Epoche der Resignation und Restauration zuwenden.
(Heute)
Das Beben gibt mich langsam frei, löst spürbar meine Fesseln. Müde, aber kribbelnd und langsam zu Kräften kommend, werde ich wieder Herr meiner Arme und Beine. Mühsam und unsicher stehe ich auf. Die Erde vibriert noch immer leicht.
Ein Reh bleibt liegen. Die anderen rennen davon. Der Fuchs jagt, wenn auch noch etwas unsicher den Hasen nach. Sie verschwinden ins hohe Gras, welches sich langsam streckt, wie ein Mensch der sich am Morgen erhebt, und mir wird klar, dass wieder eine neue Zeit anbricht. Ich fühle die Kraft, so lange hatte ich sie vermisst, wie sie sich mehr und mehr ausbreitet. Mit Freude drehe ich mich im Kreis und bestaune die Schönheit der Wiese, der Hecken und Bäume, Gräser und Bäche, alles getaucht in das Abendrot der untergehenden Sonne.
Ich erkenne den Weg den ich gekommen bin, nehme aber einen anderen, neuen, den das Beben hinterlassen hat. Noch ist er spröde und rissig, doch schon bald heilen diese Wunden und er wird bewachsen sein von neuem Leben.
Gestärkt, erfüllt mit Freude und überglücklich Leben zu dürfen, betrete ich ihn, den neuen Weg, welcher mich zurück zur Gemeinschaft führen wird.
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