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Kategorien > Kurzgeschichte > Erlebtes

Vaters Lächeln

von Nachtwanderer

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An einem sonnigen Apriltag des Jahres neunzehnhundertvierundsechzig erblickte ich das Licht der Welt. Es wurde mir berichtet, ich sei ein hübsches Kind gewesen und ich hätte schwarze Locken gehabt. So erzählte es mir zumindest meine Mutter, und da alle Mütter ihre Kinder hübsch finden, sah ich wohl aus wie alle Babys.

Dann vergingen zwei bis drei weitere Jahre, an die ich mich nicht erinnern kann. Es ist anzunehmen dass ich vorwiegend gekrabbelt, gelärmt und geschlafen habe.

Meine ersten Erinnerungen kreisen um die Weihnachtszeit des Jahres neunzehnhundertsiebenundsechzig und beinhalten das Bild meines elf Jahre älteren Bruders, der vor einem fauchenden Kohleofen saß, um mit höchster Konzentration und großem Geschick Silvesterknaller durch die Ofentür in die Glut zu befördern.

Der Trick bestand darin die Ofentür rechtzeitig wieder zu schließen, bevor es mit dumpfen Knall und unzähligen kleinen Fünkchen aus allen Ritzen, zur Explosion kam. Nach jeder dieser Verpuffungen drang aus der benachbarten Blumenbinderei lautstark die Stimme meines Vaters, mit dem unmissverständlichen Unterton, sofort mit dem Unfug aufzuhören. Meinem Bruder schien das aber wenig auszumachen, denn er ließ sich nicht in seinem Tun beirren, und ich fand das schon damals äußerst mutig und tollkühn, geradezu heldenhaft von ihm. Schließlich war mein Vater doch als höchste Instanz und richterliche Gewalt das unangefochtene Oberhaupt unserer Familie und somit der Herrscher der Welt.

Meine Mutter, die irgendwie mit der Küche verwachsen zu sein schien, machte schon damals auf mich den Eindruck, als hätte sie die Sinnlosigkeit erkannt, gegen den täglichen Wahnsinn anzukämpfen und hatte sich statt dessen irgendwann den Mächten unterworfen. Den einfältigen Gepflogenheiten meines Bruders begegnete sie deshalb nur noch selten, und wenn dann beiläufig, mit müdem und unverständigem Kopfschütteln.

Während sie mit einem heißen, dampfenden Kochtopf schnellen Schrittes durch den Raum flog, um das Essen aufzutragen, entflohen ihr sämtliche Vokale, unterdrückte Leidensbekundungen, die auf die mangelnde Qualität unserer Topflappen hinwiesen. Schließlich erreichten die heißen Kartoffeln dann doch noch ihren vorbestimmten Platz auf dem speckigen, hölzernen Küchentisch.

Mich beschlich diese unangenehme Vorahnung, gleich beim Spielen unterbrochen, und ungefragt dem Fußboden, auf dem ich zwischen Blechautos und Bauklötzen herumwieselte, entrissen zu werden. Ich würde anschließend still am Tisch sitzen müssen, um mich zur Nahrungsaufnahme nötigen zu lassen. Mein Bruder schien das auch zu spüren und die Abstände zwischen dem dumpfen Krachen und dem Geräusch der zugeworfenen Ofentür wurden immer kürzer, gerade so als würde er für die Vernichtung der Böller bezahlt und es gälte, noch vor der Mahlzeit, ein gewisses Tagespensum abzuarbeiten.

Irgendwie spitzte sich die Situation zu und endlich geschah das Unvermeidliche. Meine Mutter rief „Heinz, komm essen!“, womit sie meinen Vater meinte. Die Uhr tickte und mein Bruder brachte mit flinker Hand und verbissener Mimik noch schnell die letzten Sprengkörper zur Explosion, versteckte dann schleunigst den Beutel mit den Restbeständen in einer Schublade, ahnend dass sie sonst vom herannahenden unerbittlichen Machthaber, unserem Vater, konfisziert würden.

Für mich wurde es nun auch langsam Zeit mich daran zu erinnern, dass ich ja noch dringend zu Ende spielen muss. Meine Mutter kam auf mich zu, beugte sich mir von weit oben herab entgegen, und ich wusste, gleich würden ihre sonst so zärtlichen Hände, mich entgegen meiner eigenen Planung, unter den Armen greifen und gnadenlos durch die Luft wirbeln, um mich an den Esstisch zu verfrachten. Es schien mir der richtige Zeitpunkt gekommen um mich gegen diese menschenverachtende Diktatur aufzulehnen. Ich begann zu schreien als würden mich die Wölfe zerreißen. Zu der damaligen Zeit war ein so zum Ausdruck gebrachtes Veto meine bevorzugte Art der Rhetorik.

So saß ich brüllend am Tisch. Mein Bruder, der immer im richtigen, wenngleich allerletzten Moment, ein braves und unterwürfiges Gesicht simulierte, zog noch schnell ein paar boshafte Grimassen, um mich zu demütigen. So was versetze mich augenblicklich in blanken Hass und rasende Wut. In solch einer Situation können nur noch martialische, spitze und quälende Quietschlaute zum Einsatz gebracht werden, um grausam Rache zu nehmen. Ohne dass ich es damals ahnte wurde ich auf diese Art von ihm instrumentalisiert, um hinterlistig von sich selbst und seinen strafbaren Handlungen abzulenken. Mein Vater, nachdem er schweren Schrittes den Raum betrat, hatte folglich keine andere Wahl, als sich zunächst mit meiner Wenigkeit auseinandersetzen zu müssen. Lautstärke und Frequenz waren von erlesener Qualität, und jedes mahnende Wort wäre darin erstickt wie das Summen einer Biene auf einem internationalen Flughafen.

Mein Vater nahm schweigend Platz, um seinen Kopf in die Hände zu stützen und mich nachdenklich anzuschauen, während ich mich in einen gedanklichen Blutrausch hineinsteigerte. Ich erinnere mich noch gut, wie er mich ansah. Sein ernstes und von Sorge erfülltes Gesicht, welches von viel Arbeit und einem schweren Leben erzählte. So saß er da, meine Mutter und mein Bruder hatten inzwischen Haltung angenommen und warteten versteinert auf Blitz, Donner und Vernichtung.

Mein Vater saß nur da und starrte mich eisern an.

Ich schrie noch immer. Dann, nach einer quälend langen Zeit, veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Erst ein klein wenig, kaum spürbar. Dann, nach und nach immer etwas mehr. Zuerst war es nur eine Ahnung, denn es war nicht zu erwarten, schlich in seine harten Züge so etwas wie ein sanftes Wohlwollen. In seinen unnachgiebigen unbeweglichen Augen nahm ich plötzlich eine wärmende Freundlichkeit wahr. Ich fühle noch heute, wie alle Spannung und aller kindliche Trotz in mir vergingen, als ich deutlich sein Lächeln vernahm. Ich war so verwundert, dass ich verstummte und so erleichtert, dass ich Demut und Dankbarkeit empfand.

So kamen auch der Appetit, und die Gleichgültigkeit gegenüber den heißen Kartoffeln, den eingemachten Birnen und der Tasse Kakao, verwandelte sich langsam in zaghaftes Interesse. Heute denke ich, dies war ein Moment in meinem Leben, der mich geprägt hat, und hätte es ihn nicht gegeben, wäre aus mir ein anderer Mensch geworden.

Mit viel guter Laune, einem Bruder, der fest entschlossen war unsere Kohleöfen noch vor Ende des Jahres in die Luft zu sprengen, meiner geduldigen Mutter, die sich täglich für uns ihre fleißigen Hände verbrannte und meinem strengen, aber gütigen Vater, der es offenbar verstand, ohne Worte mehr zu bewirken, als alle Klugen und Gelehrten die mir im späteren Leben noch begegnen sollten, zog dieses Mittagessen an uns vorüber. Das erste gemeinsame Mittagessen in meinem Leben, an das ich mich bewusst erinnere, irgendwann kurz vor Weihnachten, im Jahre neunzehnhundertsiebenundsechzig.

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