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Kategorien > 2. Weltkrieg > 2. Weltkrieg

Veränderung

von Naschkatze

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Hoffentlich gefällt sie euch und ich kann die Zeit ein wenig beschreiben

Als ich ihn das erst Mal traf war ich 12 Jahre alt gewesen. Ein Bursche mit kurzen Hosen und dreckigen Knien. Ich kann mich noch daran erinnern das sie wirklich furchtbar schmutzig gewesen waren, weil Vater mir später dafür eine ordentliche Tracht Prügel gegeben hat. Ich hatte mit den anderen Jungens Fußball gespielt. Und die Mannschaft die verlor musste der anderen ein Eis ausgeben. Ich gehörte zu den Gewinnern. Weiß nicht wieso. Aber ich stand immer auf der Gewinnerseite.
Wir gingen zu Luigi. Der Italiener an der Ecke. Oder sagen wir es mal so, er wäre gerne Italiener gewesen. Aber eigentlich hieß er Heinz Meyer und war ein gutmütiger, älterer Mann. Manchmal ärgerten wie Buben ihn und nannten ihn : „Onkelchen.“ Er mochte das gar nicht wenn man ihn so nannte. Oft fegte er uns dann mit seinem Besen hinaus aus seinem Laden, lief uns auch hinterher. Das nutzten wir, um ihm, ein paar Kugeln zu stibitzen. Aber jetzt gingen wir wie brave, anständige Jungen zu unserem Onkelchen. Jeder hatte einen der Verlierermannschaft dabei, damit der einem was ausgeben konnte. Hans, der direkt mir gegenüber wohnte, lief, ein wenig angeschlagen, neben mir her und begutachtete traurig seine letzte Mark. Er tat mit Leid.
Wir stellten uns in Reih und Glied auf. Hans und ich ganz hinten. Kurz schaute ich in sein trübsinniges, von der Sonne braun gebranntes Gesicht um mich zu vergewissern, mir kein Eis von ihm kaufen zu lassen. Er gehörte nicht unbedingt zu den Reichen, deswegen tat ich ihm den Gefallen. Bei Gustav, dem stinkereichen Pinkel, der ein paar Reihen vor mir von Ben, der der Ärmste aus unserer Gruppe war, ein Eis spendiert bekam, wäre ich nicht so gutmütig gewesen. Hans bedankte sich vielmals und bemerkte als die Kirchenuhr dreimal schlug, das er eigentlich schon längst hätte zu Hause sein sollen. Ich verließ die reihe und wartete auf Ben. Alleine nach Hause zu gehen war doof. Und mit Gustav diesem Idioten, wollte ich mich nicht blicken lassen. Also blieb nur Ben übrig. Ich stellte mich in den Schatten der Linden. Es war Sommer. Ein heißer wunderbarer Berliner Sommertag. Die Sonne brannte fett und unbarmherzig in unsere Nacken und ließ sie verbrutzeln. Ich liebte dieses Wetter. Irgendwie bedeutete der Sommer für mich immer Freiheit. Keine Schule und unnötiges Quälen mit Hausaufgaben, kein frühes Aufstehen. Nein, einfach nur Freiheit.
Aber bereits in diesem Sommer wurde mir später bewusst das man uns, den Menschen hier, die Freiheit, heimlich und ohne Entschuldigung, geraubt hatte.

Es war Sommer 1933. Juli, und schon da konnte man Veränderung spüren. Man sah sie nicht, konnte sie nicht spürbar greifen, aber man fühlte sie. Es war wie eine böse Vorahnung, die dem deutschen Volk leise ins Ohr wisperte, das es einen großen Fehler begangen hat.
Es ging nicht um die kleinen Veränderungen, wie das „Heil Hitler!“ in der Schule, oder auf der Straße wenn man den Braunen begegnete, auch nicht die vielen Hakenkreuze, die aus allen Fenstern hingen.
Nein, diese große Veränderung fing eigentlich schon an diesem Tage an und sie fand genau vor meine Augen statt. Gelangweilt stand ich unter der schön blühenden Linde und ich erinnere mich immer noch an ihren wundervollen Geruch.
Ein Bub stellte sich zu der Reihe. Er war ein paar Jahre jünger als wir, vielleicht acht oder neun Jahre alt. Aber, ein „wahrer Arier“. Bis jetzt hatte ich sie mir kaum vorstellen können, denn diejenigen die in meiner Umgebung blond waren, hatten nicht unbedingt den besten Ruf. Aber dieser Junge, der mit seinem, kein Wort kann es besser beschreiben, goldenem Haar und seinen dunklen, blauen Augen, die so viel Ähnlichkeit mit dem Meer aufwiesen, ungeduldig von dem einen auf das andere Bein hüpfend, in der Reihe tänzelte, war einfach hübsch. Ich starrte ihn an. Alle starrten ihn an. Aus purer Neugier. Man konnte sichtlich sehen wie sehr das dem Jungen gefiel. Irgendwie war er süß. Die restlichen Jungens ließen ihn sogar vor und obwohl er nur Geld für eine Kugel hatte, schenkte ihm Onkelchen, eine zweite. Vielleicht lag es an seinen goldenen Locken oder einfach an seinem Charme, der jedes Herz schmelzen ließ. Selbst das von uns.
Er schenkte „Onkelchen“ ein breites Lächeln.

Ein Brauner kam. Groß gewachsen, auch blondes Haar. Aber schmutzig, nicht so hell, wie das des Kleinen. Der erstarrte und betrachtete den Mann mit großen Augen. Ich mochte ihn nicht und versteckte mich im Schatten der Bäume. Die Jungen stellten sich gerade hin, streckten ihren Rücken, ihren rechten Arm und riefen ein lautes „Heil Hitler“. Der Mann lächelte und nickte den Burschen zu. Er sah mich nicht und ging an mir vorüber. Er hatte zwei S auf seine Brust gestickt. Ich hatte ein komisches Gefühl. Dieses Gefühl, wenn man gerade von einem Lehrer bei irgendeiner krummen Sache erwischt worden ist. Dieses Gefühl als würde dein Magen eine Art Salto hinlegen. Ekliges Gefühl. Der Kleine stand immer noch stocksteif da, sein Eis war fast komplett weggeschmolzen. Ich verstand seine Angst nicht. Damals verwechselte ich dieses Magengefühl mit Respekt, später wurde mir bewusst, das es genau die gleiche Furcht war. Die gleiche Angst die dieser kleine Junge in diesem Moment hatte.

Der Mann stellt sich vor ihn, sein Lächeln ist erblasst.
Die Jungen haben ihre Arme immer noch ausgestreckt.
Es ist ganz still. Es herrscht eine furchtbare Ruhe. Hier in Berlin. So furchtbar ruhig. Ich bekomme Gänsehaut. Nichts bewegt sich, alles scheint wie festgefroren.
Der Mann verbreitet Angst.
Ich wage es kaum zu atmen.
Dann, endlich, wird diese unerträgliche Stille gebrochen. Der Mann mit den zwei S auf der Brust spricht. Seine Stimme ist kalt, schneidend wie Pistolenschüsse.
„Du bist ein Jude.“ Das letzte Wort spuckt er aus. Das kleine Kind erwidert nichts. Starrt in das Gesicht des Mannes, der es zu einem widerlichen Grinsen verzogen hat. Ich gehe einen Schritt zurück, drücke mich so fest wie nur möglich an die Linde. Zittere am ganzen Leib. Der kleine Junge steht stocksteif da. Die anderen haben ihre Stellung immer noch nicht aufgegeben. Aber ich kann die vor Angst geweiteten Augen sehen und Ben zittert fast so schlimm wie ich. Der SS Mann beugt sich langsam zu dem Kleinen hinunter.
„Wo hast du das Eis her?“
Der Knabe sagt nichts, starrt immer noch in das Gesicht des Mannes. Die Fratze ist verschwunden. Dann, plötzlich, unerwartet wird die Stimme des Braunen so laut, wie ein Kanonenknall.
„Antworte mir!“ ich halte die Luft an und versuche eins mit dem Baum zu werden.
Ich habe Angst, furchtbare Angst. Der Kleine geht nach hinten und lässt die Waffel fallen, seine Hände voll mit diesem süßen Guss.
Wieder knallt es. Meine Lippen verlässt ein stummer Schrei. Der SS Mann hat den Jungen geschlagen.
Mit einem Knüppel.
Und er haut weiter auf ihn ein. Das Kind schreit, weint.
Und der SS Mann spricht mit seiner kalten Stimme.
„Geklaut hast du es, du dreckiger Jude. Geklaut stimmts?“

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Kommentare

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