Verblassen
von
Sidy
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Schon von weitem sah ich, dass er bereits wartete. Die Beine angezogen und die Arme darum verwinkelt, saß er da und sah mir entgegen. Sein Gesicht zeigte keine Regung. Sein Körper schien kleiner und blasser als am Vortag.
Ich blieb einen, anderthalb Meter von ihm entfernt stehen. Wollte näher herangehen, konnte nicht.
"Na." Tonlose, gefühlskalte Begrüßung, wusste ich doch, wie sehr ich ihm wichtig gewesen war.
"Michél." Ich schaute ihn an, sein Gesicht war immer noch ausdruckslos.
"Und... alles klar?"
"Ja, sicher. Soweit als möglich. Sie rufen immer noch deinen Namen. Ich habe keine ruhige Nacht."
"Du bist froh darum. Dir ginge es schlechter, ließe man dich öfter mit deinen Gedanken allein."
"Ich bin oft genug mit meinen Gedanken allein. Wenn ich herkomme, wenn ich nach Hause gehe... dort kümmert es sowieso niemanden mehr, was ich tue."
"Übertreib's nicht. Ihr kommt doch auch so klar."
Ich schüttelte den Kopf, wollte etwas sagen, schluckte und überlegte es mir doch anders.
"Waren sie endlich mal hier?"
Er schaute bedrückt unter sich, starrte die Blumen an, auf denen er saß.
"Ich würde sie gerne wieder sehen... Grüß sie doch ganz lieb von mir."
"Du vermisst sie sehr."
"Ja. Es ist einfach unglaublich langweilig - und es scheint dennoch immer weniger Zeit übrig zu sein."
Ich ging näher heran, wollte ihn an der kleinen, zerbrechlichen Hand nehmen, doch er zog sie mir weg und sah mich ernst an. "Lass das."
"Wirst du morgen da sein?"
"Nein."
"Ich will dich sehen. Du weißt, dass ich nicht ohne dich leben kann."
"Kannst du. Du musst."
Die Worte fielen ihm schwer. Dass er ebenso wenig ohne mich sein wollte, wusste ich. Dass er eigentlich nicht ohne mich sein wollte, nicht ohne seine Freunde, nicht ohne unsere Eltern.
Ich versuchte, braunes Herbstlaubmit den Augen festzuhalten, fixierte es mit aller Anstrengung, und doch verschwamm es wieder.
"Es wird kühl. Wenn es jetzt Winter wird, kannst du nicht mehr täglich herkommen." Er sah mich regungslos an.
"Doch. Kann ich. Werde ich. Es kommt doch schon sonst niemand."
"Wer weiß, ob ich bis dahin noch die Kraft aufbringe, hier zu sein. Ich werde müde."
Seine Worte trafen mich wie Pfeilspitzen, wieder schossen mir Tränen in die Augen und ließen alles verschwimmen. Anfangs hatte er sich beschwert, er sei hellwach, er langweile sich den ganzen Tag und wisse nicht, wohin mit seiner überschüssigen Energie. Natürlich hatte ich mir Sorgen gemacht, als er anfing zu verblassen, wie ich es insgeheim nannte. Dennoch wollte ich nicht hören, dass er müde wurde.
"Red doch keinen Unsinn. Alles wird weitergehen, wie zuvor."
"Nein."
Er schaute mich noch einmal aus seinen großen, haselnussbraunen Augen an, regte die Hand, als wolle er winken, ließ sie jedoch sinken.
"Nein.", sagte er noch einmal und verschwand. Ich starrte auf den großen, grauen Naturstein, vor dem er eben noch gesessen hatte.
Michél Sentier
22.02.1990 - 17.05.2007
Es war das letzte Mal, dass ich ihn sah.
Ich drehte dem Grab meines Bruders den Rücken, zog den Mantel enger um mich und machte mich auf den Weg zum Blumenladen. Auf halben Wege entschied ich mich um und lief in Richtung Hauptbahnhof.
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Kommentare
samiro schrieb am 2008-02-15 04:15:05:
Was ist dein Problem? Ich bin ein Sammler des Guten , und gute Geschichten sollten man niemanden vorenthalten.Ausserdem ist mir der Autor meiner Geschichte unbekannt, von daher solltest du erst nachdenken bevor du etwas sagst.Wenns nach mir gehen würde, würde ich meinen Namen erst garnicht preisgeben,dass geht auf dieser Plattform aber nicht anders.Du hast dich selbst disqualifiziert.
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