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Kategorien > Alltag > Nachdenkliches

Verborgene Farben

von BSK

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Verborgene Farben

Langsam gehe ich vorwärts und stoße mit meinem Fuß gegen etwas Kleines und Hartes. Vorsichtig bücke ich mich und meine Fingerspitzen berühren den weichen, warmen Holzboden. Sie finden schon bald das kleine Holzpferdchen mit Rollen an den Füßen, nach dem meine Schwester ganz verrückt ist. Ich trage es zu der Kommode und weiß, dass es meine Schwester, zehn Jahre jünger als ich, bald holen wird. Fast jedes Mal vergisst sie etwas und kommt dann immer wieder, um es zu holen, wobei sie mich liebevoll umarmt und ich sie an mich drücke.
Ich kann sie nicht sehen, kann ihr Lachen nur hören und spüre die weiche, warme Kinderhaut und wenn ihr vor Freude die Backen glühen. Ich bin blind; der Grund dafür ist ein Unfall vor zehn Jahren, als ich so alt war wie meine Schwester heute. Von diesem Tag an bin ich auf mein Gehör und Gefühl angewiesen. Um mich ist seither alles dunkel, ich lebe in meiner eigenen Welt, für mich existieren weder die Farben noch das Sonnenlicht. In einer Welt, in der ich oft verlassen umherirre und mich einsam fühle.
Und doch hatte ich darauf bestanden in meine eigene kleine Wohnung zu ziehen, die neben einer Musikschule ist, um dort dieses Fach zu erlernen. Dies war immer mein Traum gewesen und nichts konnte mich davon abhalten, denn Musik gibt mir Halt im Leben. Den einzigen....
Die Musik zeigt mir all die Farben der Welt, sogar noch prächtiger und vollkommener, als ich sie je zuvor entdecken durfte. Die sanften und wilden Töne dringen in meine Ohren und ich befinde mich in einem Garten voll von schönsten Blumen und Düften oder auf dem Meer mit seinen tosenden Wellen, die alles mit sich reißen. Aber auch an einem endlosen Strand, wo die blutrote Sonne im tiefblauen Meer versinkt; an allen Orten der Welt. Ich befinde mich dort, durch die Musik, rieche in meiner Vorstellung den Duft der Blumen und kann die Atmosphäre spüren.
Von außen scheine ich behindert zu sein, doch in mir bin ich so voller Farben, Gerüchen und Gefühlen, mit denen ich weiter komme. Jeden Schritt meines Lebens.
Ich spüre die Anwesenheit der Menschen, ihre Launen und Gefühle. Wenn ich sie berühre, weiß ich wie sie aussehen; aus ihrem Tonfall erkenne ich den Charakter.
Vieles bleibt denjenigen die sehen können verborgen, sie können es nicht nutzen oder tun das nicht, weil sie alles mit ihren Augen betrachten. Ich muss nicht zusehen, wie die Welt immer grauer und dunkler wird, wie die Menschen sich verändern, wie Wälder abgeholzt werden und ich muss nicht das trübe, verschmutzte Wasser sehen. Und doch spüre ich es und bin froh es nicht mit ansehen zu müssen. Ich lebe für die Musik und sie bringt mir fast alles, was ich damals verlor, vielleicht sogar noch mehr, da ich früher in einer anderen Welt war, wo noch die Regenbogenfarben existierten; ich jedoch nicht die Verborgenen sehen durfte. Natürlich vermisse ich das alles und sehne mich oft nach Licht und den Gesichtern meiner Mitmenschen, aber ich akzeptiere mein Leben so wie es ist und habe dafür ein neues Tor ausfindig gemacht, welches mir vorher verschlossen war. Ein Tor, durch das ich gegangen bin, mein Augenlicht opferte und mit anderen Fähigkeiten belohnt wurde. Und doch bin ich genauso viel wert wie jeder von euch, wie jeder einzelne, zwar mit einer äußeren Verletzung aber innerlich unverletzbar.

Jeder Mensch hat Fähigkeiten und nicht jeder die selben. Das macht uns zu dem was wir sind. Diese Geschichte soll zum Ausdruck bringen ,dass man nicht die Fähigkeiten, welche man nicht besitzt, betrachten soll, sondern diese, welche nicht jeder entdecken darf.

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Kommentare

Himmelsfee180@aol.com schrieb am 2007-01-08 00:34:54:
Diese Geschichte finde ich berührend und wunderbar optimistisch zugleich. Sie ist gut geschrieben und wirkt autobiographisch. Weiter so!
freya schrieb am 2007-01-01 21:41:30:
sehrschön.... sehrsehr schön....

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