Verlaufen, Prinzessin? (1)
von
Klara H
1
2
„Aufwachen, Lady Priscilla!“
„Bitte, lass mich noch ein bisschen schlafen, Kate“, murmelte ich und zog mir die warme, kuschelige Bettdecke bis zum Kinn. „Ich habe doch bestimmt noch ein bisschen Zeit.“ Ich hörte ein leises Kichern. „Zeit?“, fragte sie und ich glaubte einen leicht spöttischen Ton in ihrer Stimme zu hören. Dann vernahm ich Schritte, die um mein Bett herumgingen, ein Rascheln der Vorhänge und plötzlich strahlte die Sonne grelles Licht durch das große Fenster. „Es ist helllichter Tag. Ihre Eltern erwarten sie schon.“ Ich verzog das Gesicht und drehte mich mit dem Rücken zur Sonne. Ich konnte es nicht ausstehen früh aufstehen zu müssen!
„Nun steht schon auf!“, mahnte mich Kate. Ich ging schnell meine Möglichkeiten im Kopf durch. Wenn ich im Bett blieb, würde sie ganz bestimmt die anderen Zofen- oder vielleicht sogar Mutter- holen, um mich aus dem Bett zu zerren. Wenn ich jetzt aufstand, würde ich heute die Augen nicht mehr aufbekommen. Was vielleicht gar nicht so schlecht wäre. Denn heute war der Tag, an dem ich meinen Verlobten kennen lernen würde. Nichts Besonderes- schon gar nicht in dieser Familie!
Joseph Norrington war als Sohn eines Bürgermeisters geboren. Schon damals konnte er seine Autorität vor anderen gut sichtbar zeigen. Er war ehrgeizig, leicht reizbar und sah sich selbst als sehr weise. Auch durch diese Eigenschaften wurde er schon mit neunzehn Jahren General der königlichen Armee (ob dabei auch die Beziehungen des Vaters mitgeholfen haben, ist unklar). Mit zweiundzwanzig wurde er mit der acht Jahre jüngeren, aber wunderschönen Mary verlobt und ein Jahr später heirateten sie.
Nach vier Jahren wurde Sir Joseph zum persönlichen Berater des Königs und Mary gebar Zwillinge: Lewis und Priscilla.
Vor ihrer Verlobung mit Sir Joseph, lebte Mary auf dem Landgut ihres Vaters, eines Adligen.
Die arrangierte Ehe war in den Familien Norrington und Miller schon seit Generationen Brauch und noch nie hat sich auch nur ein Familienmitglied dagegen gewehrt.
Ich stieg langsam aus dem Bett und kroch in meine Seidenschuhe. Währenddessen füllte Kate die Waschschüssel und holte meine Kleider, die ich heute anziehen sollte.
Miss Kate Darcy war meine Zofe. Und obwohl sie nur ein paar Jahre Älter war als ich, und sehr nett, sprach ich nur mit ihr als meine Dienerin. Wie gerne hätte ich nur einmal ein normales Gespräch mit ihr geführt. Ein Gespräch, was zwei Mädchen in unserem Alter eben so führen. Aber es war ihr nicht gestattet mich nur als Priscilla anzusprechen, und mir war es strengstens verboten, einen der Dienstboten auf etwas anzusprechen, was zu einem „normalen“ Gespräch oder dem neuesten Tratsch gehört hätte.
Ich hatte nur eine einzige richtige Freundin: Lady Rebekka. Sie war in meinem Alter und die Tochter einer Freundin Mutters. Doch ich sah sie nur äußerst selten.
Kate half mir mit dem Anziehen. Sie schnürte mir das Korsett am Rücken zu und half mir, mein Kleid überzuziehen. Dann bugsierte sie mich zum Spiegel (ich durfte mich endlich wieder setzen) und sie fing an, meine Haare zu kämmen. Ich hatte dunkelbraune, gewellte Haare, die mir schon fast bis zum Ellbogen hingen. Mein Gesicht war blass, ich hatte leuchtend grüne Augen, eine leichte Stupsnase und meine Haut war, bis auf ein paar Anzeichen auf Sommersprossen, glatt. An diesem Tag hatte ich ein aufwändiges, rosa Kleid an, obwohl ich rosa nicht ausstehen konnte. Meine Lieblingsfarben waren eigentlich blau und rot!
Plötzlich schwang die Tür auf und mein Bruder Lewis kam hineingestürmt. Er war ein Stück größer als ich, hatte ebenfalls dunkelbraune, heute leicht zerzauste, Haare und eine gerade Nase. Jetzt grinste er mich an. „Na, Schwesterherz“, sagte er „Wie geht es dir heute?“ Ich seufzte tief. „Wenn Mutter hören würde, wie du hier redest“, mahnte ich ihn und er verdrehte die Augen. „Aber um deine Frage zu beantworten: Mir geht es gut heute Morgen.“
Ich war vom Verhalten her wesentlich älter als Lewis. Unsere Mutter fand es furchtbar, wie er immer redete und unser Vater hielt auch absolut nichts von dem rüpelhaften Bauerngerede meines Bruders. Aber natürlich verriet ich ihn nicht. Wenn er diese Sprache so toll fand....
„Dir geht es gut?“, fragte er verwundert. „Aber du weißt schon, dass du heute verlobt wirst, oder?“ Ich warf ihm einen finsteren Blick zu und erwiderte: „Ein Grund mehr sich zu freuen!“ Ich log! So merkwürdig einem das vorkommen mag, aber ich war eine perfekte Lügnerin. Doch, Gott sei Dank, muss ich nicht allzu oft von dieser Fähigkeit Gebrauch machen (dennoch erkannte niemand, wenn ich log).
Mein Bruder schien enttäuscht von meiner Einstellung. „Du weißt schon noch, dass du erst sechzehn bist?!“ „Herzlichen Dank, dass du mich daran erinnerst. Beinahe hätte ich das vergessen.“ Jetzt fauchte ich ihn an. Wie undamenhaft! Er lächelte spöttisch, als er meinen Versuch sah, mich zusammenzureißen. Hastig und möglichst graziös lief ich an ihm vorbei und aus dem Raum hinaus. Meine Eltern warteten schon!
Die Familie Norrington wohnte in einem großen Haus, nicht weit von London. Es war zwar ein recht altes, dafür aber auch ein wunderschönes Haus. Die Räume waren groß und mit Bildern, Rüstungen und ab und zu auch Blumen ausgeschmückt. Der Garten war riesig und wurde von einem Dutzend von Gärtnern gehegt und gepflegt. Auch für den Rest des Landhauses gab es genügend Angestellte, um zu sehen, dass die Familie Norrington reichlich Geld und Ansehen besaß.
Ich stand vor der Tür des großen Saales und strich mir nochmals meine Haare und mein Kleid glatt, damit meine Eltern nicht wieder etwas daran auszusetzen hatten. Da kam plötzlich Arthur Darcy um die Ecke. Ich wollte ihn gerade freudig begrüßen, als mir wieder einfiel, wie ich mich zu Verhalten hatte- auch wenn es mir widerstrebte. Ich mochte Arthur, denn er war immer sehr nett zu mir, erzählte herrliche Witze und verstand sich sogar sehr gut mit meinem Bruder. Des Anstands halber lächelte ich ihm nur zu.
Offenbar wollte er zu mir, denn er blieb einen Meter vor mit stehen. „Lady Priscilla“, sagte er. „Sir John und Lady Mary lassen ausrichten, sie sollen doch nachher bitte in den kleinen Saal kommen. Dann wird Sir Henry auch anwesend sein.“ „Oh“, sagte ich verwundert. „Sie sind außer Haus?“ Ich öffnete die große Flügeltür, um in den Saal zu schauen, doch dort war niemand. „Sie hatten doch nach mir gerufen.“ Arthur lächelte jetzt auch: „Ihr Vater war sehr enttäuscht und hofft, sie mögen das nächste Mal etwas weniger schlafen und sich etwas schneller anziehen.“ Dann fügte er noch schnell hinzu: „Und verzeihen sie mein Lächeln.“ Ich nickte ihm höflich zu, um ihm zu bedeuten, dass ich ihm verzieh und er sich nun wieder zurückziehen dürfe. So, so! Sir Henry, mein zukünftiger Gemahl, würde also etwas später am Tage hier auftauchen, um mich kennen zu lernen.
Ich beschloss, mich überraschen zu lassen, und ihn bis zum Treffen heute zu vergessen. Stattdessen ging ich wieder hoch in mein Zimmer, wo Kate und mein Bruder sich
1
2
Kommentare
lu schrieb am 2009-10-19 16:31:25:
Freue mich auf eine Fortetzung
Kommentar hinzufügen