Verlaufen, Prinzessin? (4)
von
Klara H
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Ich stand auf, stieß meinen Stuhl nach hinten und schritt stolz davon, wie ich es einmal in einem Theaterstück gesehen hatte, in dem ich mit meinen Eltern und Lewis gewesen war. Während ich davonstolzierte (Kate machte keine Anstalten, mir zu folgen), überlegte ich, wo ich mich wohl verstecken sollte, bis die Bediensteten –oder sogar Sir Henry persönlich- mich fanden und mir versprachen, mich mit nach London zu nehmen.
Ich hatte keine Ahnung, wo ich hinlief und rannte durch lange Korridore, kurze Korridore, große Zimmer, große Säle und kleine Säle. Nach schon kurzer Zeit fand ich mich auf einem Hof wieder. Wohin jetzt?
Keuchend blieb ich mitten im Hof stehen und schnappte nach Luft. Ich stand alleine da. Keiner stand hier draußen. Doch plötzlich hörte ich ein Lachen. „Verlaufen, Prinzessin?“ Verwirrt schaute ich mich um. Niemand war zu sehen.
„Verlaufen, Prinzessin?“ Ich saß im Zimmer, schrieb gerade Briefe an Lewis und Rebekka und lad sie ein, mich zu besuchen. Ständig schwirrten mir diese Worte im Kopf herum, bis ich mich schließlich zusammenriss und meine volle Konzentration für das Schreiben der beiden Briefe zuwand.
Rebekkas Antwortbrief kam prompt. Sie selber nur einige Tage danach. Inzwischen hatte ich mich auf dem Landhaus eingewohnt (auch wenn ich Sir Henry bisher erst einmal gesehen habe, und das auch nur von Weitem).
„Priscilla!“ Ein Freudenschrei hallte durch den Gang. Ich drehte mich gerade um, als jemand blitzschnell auf mich zurannte und mich beinahe zerdrückte. „Lady Rebekka!“, sagte ich in freudiger Überraschung. „Sie sind schon da? Wie war Ihre Reise?“ Ich befreite mich aus der Umarmung und Lady Rebekka fing sich wieder. „Sehr gut“, meinte sie. „Danke der Nachfrage.“ Rebekka hatte lange, glatte blonde Haare, ein schmales Gesicht und große blaue Augen. Ihr Vater kam aus Deutschland und ihre Mutter war Halb-Irin. Ich mochte Rebekka. Sie war wie meine bessere Hälfte.
„Wie ist dein Sir Henry eigentlich so? Ich hatte bisher noch keine Gelegenheit ihn näher kennen zu lernen.“ Rebekka und ich saßen draußen auf einer Bank und bewunderten wie so oft den Garten der Burns.
Ich suchte nach einer Antwort auf diese überraschende Frage. „Er ist...“ Ich überlegte. Wie war Sir Henry? Was für eine Frage! „...nett“, beendete ich schließlich meinen Satz. Was sollte ich auch sagen? „Liebst du ihn?“, fragte sie mich plötzlich. „Diese Frage ist gerade völlig unangemessen!“, wies ich sie zurecht und fuhr fort: „Gehen wir ins Haus! Mir wird allmählich kalt.“ Rebekka folgte mir ohne Widerrede und versuchte dabei möglichst verlegen zu schauen. Sie versuchte es, aber als professionelle Lügnerin fiel ich nicht darauf herein.
Gerade als ich wieder ins Haus gehen wollte, stieß ich mit jemandem zusammen. Ich stolperte und fiel hin, konnte mich aber noch mit den Händen vom Boden aufstützen. Ein lautes Reißen war zu hören. Mein neues blaues Kleid war an den Knien aufgerissen. Wütend schaute ich mich um, um zu sehen, wer mich umgerannt hatte. Doch ich sah nur noch einen Schopf blonder Haare wegrennen. Na toll! So etwas kam in letzter Zeit wohl öfters vor.
„Hast du gesehen, wer das war?“, fragte ich Rebekka aber sie zuckte die Schultern und sagte nur: „Ich habe gesehen, dass er blond war. Und er war ganz bestimmt ein Stallbursche oder so etwas. Seine Kleidung passt nirgendwo anders hin!“ ,Typisch!’, dachte ich und stampfte rauchend vor Zorn ins Haus. Mein schönes Kleid war zerrissen und meine Hände aufgeschabt.
Im Saal traf ich jemanden, den ich absolut nicht erwartet hätte. „Sir Henry?“ Sir Henry drehte sich um, erkannte mich und lächelte. „Lady Priscilla!“, sagte er, so charmant wie immer. „Welch Freude, Sie hier bei bestem Wohle zu sehen. Ich hoffe, Sie genießen den Aufenthalt in London.“ „Es könnte nicht besser sein. Vielen Dank!“, erwiderte ich mit meinem schönsten Lächeln, was wahrscheinlich nicht halb so attraktiv war, wie Sir Henrys!
„Und Sie werden sich heute beim Dinner zu uns gesellen?“, fragte ich nach. „Es scheint, wir haben uns die letzten Male immer verpasst.“ Mein Lächeln wurde noch schöner und breiter. „Leider kann ich Ihnen das noch nicht sagen“, antwortete Sir Henry.
„Oh“, sagte ich traurig und senkte enttäuscht den Kopf. „Aber ich glaube“, erklärte er plötzlich, „Der Termin heute kann noch einmal verschoben werden. Ich muss mich ja schließlich auch um meine Gäste kümmern.“ Strahlend sah ich zu ihm auf und klimperte adrett mit meinen Wimpern.
Am Abend zog ich mein feinstes rosa Kleid an, holte Rebekka in ihrem Zimmer ab und wir gingen zusammen hinunter in den Speisesaal. Den Unbekannten Blonden sah ich nicht.
Nach dem Essen ging ich nochmals hinaus in den Garten, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Im Haus war es furchtbar stickig. Ich trat in den Hof. Eine kalte Abendbrise wehte mir ins Gesicht. In diesem Kleid konnte man ja kaum Luft holen.
Obwohl es schon Abend war, arbeiteten noch eine ganze Menge Leute hier im Hof. Ich setzte mich auf eine Bank und schaute ihnen dabei zu wie sie Wasser holten, Pferde striegelten, Hecken schnitten und den Hof fegten. Und plötzlich sah ich ihn. Er war es- unverkennbar! Und er war ein Bediensteter- ebenfalls unverkennbar. Selbst im dunklen Schatten des Stalles, den er gerade ausmistete, erkannte man ihn. Wer prägt sich auch nicht den ungehobelten Kerl ein, der das beste Kleid zerreißt?!
Noch traute ich mich nicht zu ihm hinzugehen und ihn wegen der Sache heute Nachmittag zur Rede zu stellen. Also wartete ich.
Ich wusste nicht, wie lange ich dort saß. Der kleine Hof leerte sich allmählich. Ich war geduldig und wurde schließlich dafür belohnt: Schon bald waren nur noch wir beide draußen! Er schien meine Anwesenheit gar nicht wahrzunehmen. So etwas konnte ich nicht ausstehen! Immerhin war ich keine bedeutungslose Bedienstete, sondern adlig!
Es wurde dunkel, aber niemand kam hinaus, um mich zu holen. Irgendwann legte der Bedienstete alles ordentlich zur Seite und ging vom Hof.
Ich war unentschlossen. Warum sollte ich ihm nachgehen? Wer war er denn schon?! Doch letztlich siegte meine Neugier und ich folgte ihm. Schließlich nähte sich mein Kleid nicht selbst wieder zusammen!
Der Fremde führte mich durch noch kleinere Höfe, unbekannte Gänge und enge Zimmer. Und immer noch schien er mich nicht zu bemerken, bis-
„Warum folgst du mir, Prinzessin?“
Völlig verdattert blieb ich stehen. Ich kam mir mit einem Mal so dumm vor!
„Ähm“, stotterte ich und suchte angestrengt nach einer guten Ausrede. Wenn er sich doch nur mal zu mir umdrehen würde!
„Ich will wissen“, fing ich an, immer noch zögernd. Warum nicht einfach die Wahrheit?
„Ich will wissen, ob du der bist, der ich denke, der du bist. Wenn ja, dann bist du der ungehobelte Kerl, der mich heute Nachmittag umgerannt und mein bestes Kleid zerrissen hat!“
„Oh nein“, sagte er spöttisch. „Wie tragisch!“ Und endlich drehte er sich um und ich sah sein Gesicht im flackernden Licht einiger Kerzen.
Zischend sog ich die Luft ein und versuchte einen Schrei zu
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Kommentare
Barbie in a christmas carol schrieb am 2009-11-03 18:10:40:
cool, da taucht deine leseprobe wieder auf! ;)
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