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Verrückt

von isa

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>>Sie kamen näher. Das konnte er deutlich spüren. Und doch waren sie noch weit weg.
Er stand mit den anderen auf der weitläufigen Wiese, auf der man aus der Vogelperspektive sicher kein grünes Fleckchen mehr erkennen konnte, so viele waren sie. Das Areal, auf dem sie sich gesammelt hatten, war sanft ansteigend, sodass er problemlos auf den Horizont blicken konnte, trotz dessen, dass sie so viele waren. Es fing an zu dämmern, doch man konnte noch alles genau erkennen, obwohl es nicht wirklich viel zu sehen gab. Sehen konnte er nur die Köpfe seiner vielen Kameraden und den Horizont. Doch er konnte ganz deutlich spüren, dass der Feind im Anmarsch war, er bildete sich sogar ein, das Geschrei und Getrampel der Feinde zu hören! Nichtsdestoweniger bildete er sich das wahrscheinlich nur ein. Aber er wusste:
Sie kamen... <<

Schweißgebadet wachte er auf. Er schlug die Augen auf und starrte mit ausdruckslosem Blick auf die Zimmerdecke. Er hatte irgendwas Furchterregendes geträumt, doch er konnte sich nur noch schemenhaft daran erinnern. Soviel er auch nachdachte, es fiel ihm nichts Konkretes mehr von seinem Traum ein.
Doch dann wusste er es plötzlich wieder. Wie ein Blitz trafen ihn die Erinnerungen an seinen höchst merkwürdigen Traum. Er schloss die Augen und versuchte, sich das Geträumte bildlich vorzustellen, was ihm auch gelang. Er sah die Wiese, “seine Kameraden“, konnte den Schweiß riechen und den Einbruch der Nacht spüren. Und seine innere Angst, die Angst vor einem erneuten Angriff...
Er stand auf und schlurfte in die Küche, um Kaffee zu kochen, denn ohne seinen Kaffee war er morgens nicht ansprechbar.
Wie jeden Tag meisterte er seine Arbeit und kam – wie immer – sehr spät nach Hause. Heute war er sogar so geschafft von der Büroarbeit, dass er sich sofort ins Bett legte, als er sein Schlafzimmer betrat. Sobald er im Bett lag, schlief er auch schon ein.

>>Es war stockdunkel. Keiner seiner Kameraden sagte auch nur ein Wort. Stille – nur hin und wieder der Schrei eines Nachtvogels, der auf Beute wartete. Seine Augenlider waren schwer, doch er befahl sich, wach zu bleiben, trotz Übermüdung. Die Nacht und die Dunkelheit wollten einfach nicht vergehen. Zwischendurch kam der hinter dicken Wolken am schwarzen Nachthimmel verborgene Mond zum Vorschein und beleuchtete die Wiese, auf der sie standen, für ein paar Sekunden. Dann verschwand er wieder. Plötzlich herrschte Aufruhr unter den Kameraden, jemand wollte eine Person unweit ihres Truppenplatzes gesichtet haben. Einen Feind...
Er war nun wieder hellwach, als er die „Neuigkeit“ gehört hatte und versuchte, etwas in der Dunkelheit am Horizont zu erkennen, doch vergebens. Irgendwann war er doch zu müde, um noch die Augen offen zu halten – er nickte im Stehen ein. Die „Pause“ tat ihm gut, wie er feststellen würde.
Aber sie kamen... <<

In den nächsten Tagen war er überhaupt nicht konzentriert während seiner Tätigkeit in der Firma. Er musste andauernd an die Träume der vergangenen Nächte denken. Was ging da vor sich? Jede Nacht träumte er sozusagen eine Fortsetzung dieser „Illusionen“, wie er seine Traumserie zu nennen pflegte. Doch schön langsam wurde ihm das alles zu viel. Irgendetwas Schreckliches schien geschehen zu sein und zog ihn in seinen Bann – ob er wollte oder nicht.
„Vielleicht sollte ich mal zu einem Psychiater gehen...“, überlegte er geistesabwesend und realisierte nicht, dass der Zettelstapel auf seinem Schreibtisch schon bedenkliche Ausmaße angenommen hatte. „Meine Bekannten und sogar meine Familie schauen mich zweifelnd an, wenn ich anfange, über meine Träume - nein Albträume! - zu reden. Sie nehmen mich einfach nicht ernst...Vielleicht glauben sie sogar, ich wäre verrückt, nur weil ich einen „Serientraum“ habe!? Aber mir erscheint das alles, was ich in meinen Träumen erlebe, so real! Fast so, als ob ich das selber erlebe oder erlebt habe! Vielleicht sehe ich mich ja selber, meine Taten und Entscheidungen aus der Vergangenheit... Oh, Gott, Markus, du solltest dich mal reden hören! Na ja, eigentlich denken, wenn man es genau nimmt. Aber egal, ich glaube, ich drehe langsam durch. Vielleicht sollte ich mir doch Hilfe suchen, Hilfe von Profis, die sich auf dem Gebiet „Sehr reale Träume aus der Vergangenheit“ auskennen..."
Auf seinem Nachhauseweg rief er einen Psychiater an und vereinbarte für kommende Woche einen Termin.

An diesem Abend fiel er wieder einmal total übermüdet ins Bett, da er sich im Internet noch ein bisschen durch diverse Foren durchgearbeitet hatte, um zu sehen, ob es anderen Menschen vielleicht ähnlich wie ihm erging – ergebnislos. Sobald er die Augen geschlossen hatte, war er auch schon wieder eingeschlafen.

>>Er vermeinte, das Getrampel der Feinde hören zu können. Doch wahrscheinlich täuschte er sich bloß – er hoffte jedenfalls, dass er sich täuschte. Doch schon gaben seine Kameraden, die die äußeren Posten innehatten, Alarm, dass sie angegriffen wurden! Er wünschte sich so sehr, das, was jetzt passierte, nur geträumt zu haben.
Sie wurden angegriffen. Von drei mal so vielen Männern, wie sie selbst waren – sie hatten keine Chance gegen sie. Die mit den neuesten Waffen ausgerüsteten Gegner kämpften sich immer mehr in ihre Mitte vor, dorthin, wo auch er stand. Der Großteil seiner Kameraden war bereits gefallen – nur noch wenige leisteten Widerstand, der eigentlich nutzlos war, da die Situation hoffnungslos erschien.
Plötzlich erwischte ihn eine Klinge des Feindes mitten im Gesicht und hinterließ einen tiefen, äußerst brennenden Schnitt. Er stürzte zu Boden und bemerkte erst jetzt, dass auch seine Arme bluteten. Doch er spürte keinen Schmerz – trotz seiner zahlreichen Schnittwunden.
Vergeblich versuchte er wieder aufzustehen. Er war bereits am Ende seiner Kräfte und betete, dass die Angreifer ihren unterlegenen Feinden, die größtenteils schon tot am Boden lagen, nicht noch weitere Stiche versetzten, nur um sicherzugehen, dass ja alle tot waren.
Aber er hatte Glück. <<

Er spürte einen stechenden Schmerz im Gesicht und schreckte hoch – und bekam fast einen Nervenzusammenbruch, da seine helle Bettwäsche voller Blut war. Er griff sich mit der Hand vorsichtig an die rechte Wange, die fürchterlich schmerzte, und sah voller Entsetzen, dass diese stark blutete. Er stürzte sofort aus dem Bett und rannte ins Badezimmer, wo er schließlich feststellte, dass er eine tiefe Schnittwunde quer über die rechte Wange hatte.
Panisch rief er seinen besten Freund an und erzählte ihm von seinem Traum und der plötzlichen Verletzung im Gesicht, doch dieser schenkte seiner Erzählung keinerlei Glauben und unterdrückte nur mühsam seinen Verdacht, dass sein guter Freund verrückt geworden sei und sich das alles nur einbildete. Und er versicherte ihm, dass es für die Verletzung sicher eine gute und normale Erklärung gab. Kopfschüttelnd legte er auf und machte sich daran, seine Wunde zu verarzten, da er nicht den ganzen Tag mit einem feuchten Handtuch im Gesicht herumlaufen konnte.

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