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Vertrauen

von Boreas

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Vertrauen

Es war Oktober, mitten in der Nacht. Der Wind heulte durch die Ritze der Fenster.
Sie war alleine zu Hause. Im Sessel in eine Wolldecke eingekuschelt, saß sie mit einem Liebesroman vor dem flackernden Kaminfeuer.
Vor zwei Jahren hatte sie das Haus von ihrer Mutter geerbt und wohnte von nun an darin.
Tief versunken in ihrem Lieblingsroman, stellte sie sich vor, dass sie die Frau sei, welche in den starken Armen ihres Liebhabers lag.
Schon lange wünschte sie sich einen Mann, aber bis jetzt hatte sie nie den Richtigen kennen gelernt.
Auf einmal wurde sie aus ihren Träumen gerissen. Etwas Schlug gegen das Fenster.
Erschrocken zuckte sie zusammen. Langsam und schweren Schrittes ging sie nachschauen.
Erleichtert atmete sie auf, als sie sah, dass es nur ein Ast war, welcher heftig vom Wind hin- und hergeschleudert wurde.
Nun wollte sie wieder zurück in ihren Sessel und wieder in ihren Träumen versinken, als sie ein Poltern hörte.
Wieder erschrak sie.
Was war das, dachte sie sich. Ihr Herz pochte, der kalte Angstschweiß stand ihr auf der Stirn und sie fing an zu zittern. So war sie doch völlig alleine in diesem alten Haus. Was also konnte das gewesen sein?
Sie überlegte, ob sie vielleicht ein Fenster aufgelassen haben könnte und der Wind hätte vielleicht etwas heruntergeworfen von der Fensterbank.
Als sie noch am überlegen war, hörte sie ein Rufen. Es klang wie von einer alten Frau.
Das Blut in ihren Adern gefror und ihre Nackenhaare stellten sich auf. Mit einem Mal verspürte sie einen kalten, eisigen Windhauch hinter ihrem Rücken.
Blitzartig drehte sie sich um. Doch dort war nichts.
Ihr schien es, als würde sie langsam verrückt. Sie hatte panische Angst, also griff sie nach dem Telefon und wollte ihre Freundin anrufen.
Doch das Telefon war tot. Vom Fenster aus konnte sie sehen, dass ein Baum die Überlandleitung unterbrochen hatte.
Sie war alleine, vollkommen alleine. Als sie ein kleines Kind war, hat ihre Mutter ihr ein Gedicht beigebracht, welches sie immer sagen sollte, wenn sie Angst hatte.
Sie versuchte ihre Gedanken zu ordnen, um sich an das Gedicht wieder zu erinnern.
Doch es klappte nicht. Ihr viel es nicht mehr ein, so stark war ihre Angst.
Sie war zwar nicht gläubig, aber sie schickte ein Stossgebet zu Gott, dass er ihr helfen möge.
Kurz bevor sie es beenden konnte, hörte sie wieder diese Stimme. So lieb und durchdringend.
So sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte nicht verstehen was die Stimme sagte.
Schweren Herzens und mit der Angst im Genick, wollte sie eine Etage nach oben steigen, um zu sehen was dort ist.
Die alten Stufen knarrten unter ihren Füssen und ihr Atem wurde immer schwerer.
Langsam, ganz langsam stieg sie die Treppe empor, als ihr ein wohlbekannter Duft in die Nase kroch. Es hatte was von Jasmin und Sandelholz. Sie kannte diesen zarten und doch sehr betörenden Duft, konnte aber auch ihn nicht wirklich zuordnen.
Oben angekommen schlängelte sich vor ihr ein dunkler Gang entlang. An seinem Ende, war eine Tür. Sie war offen und Licht schien an zu sein.
Ein Schauer nach dem anderen, jagte ihr über den Rücken. Es war schwer für sie zu gehen, denn eigentlich wollte sie umdrehen und wegrennen, aber irgendwas hielt sie.
Schleppend und langsam, schritt sie in die Dunkelheit des Ganges. Durch den Sturm waren anscheinend alle Stromleitungen durchtrennt worden, denn der Lichtschalter funktionierte nicht. Aber was war das dann für ein Licht, welches aus dem Zimmer kam? Sollte es eine Kerze sein? Sie hatte aber doch keine angemacht, geschweige denn angelassen. Sie hatte Respekt vor Feuer und würde nie eine Kerze alleine brennen lassen.
Nein, das konnte nicht sein.
Sie hatte das Gefühl, etwas drückt ihr die Luft ab, so verdichtet war die Luft.
Doch sie musste weiter, sie musste. Mit ihren letzten Kraftreserven fasste sie sich an die Kette und an den daranhängenden Talisman.
Es war eine kleine, silberne Eule auf deren Rücken
ein lateinisches Wort eingraviert war: „confidere“
Da sie aber kein Latein konnte, war es ihr schleierhaft, was es bedeutet, aber sie hatte es von ihrer Mutter geschenkt bekommen, kurz bevor sie starb.
Auch wenn sie nicht abergläubisch war, aber dieser Talisman, gab ihr die Kraft zum Weitergehen.
Schließlich schaffte sie es und gelangte zu der halboffenen Tür. Zitternd packte sie die Türklinke.
So leise wie es ging drückte sie die Tür weiter auf und schaute ins Zimmer.
In diesem Moment erstarrte sie und man sah den Schreck in ihren Augen.
Nichts konnte sie tun. Sie stand da, atmete hastig, zitterte am ganzen Körper und der Angstschweiß lief ihr die Stirn hinunter.
Vor ihr am Boden stand eine brennende Kerze. Keine einfache Kerze.
Es war ihre Kommunionskerze, die ihre Mutter eigenhändig und mit Liebe gegossen hatte. Damals fand sie diese Kerze hässlich und hatte sie in die hinterste Ecke verbannt und irgendwann vergessen. Doch da stand sie. Das Kerzenlicht flackerte und tauchte das Zimmer in ein geheimnisvolles und angsteinflössendes Licht.
Und wenn dies nicht schon genug wäre, sah sie einen Schatten an der Wand.
Den Schatten einer Frau. Im ersten Moment sehr bedrohlich, im zweiten Moment aber, eher traurig. Denn dieser Schatten hatte eine gebückte Haltung.
Als sie nun den nächsten Schritt ins Zimmer tat, sah sie es....
Eine Frau stand in der Ecke. Jedenfalls sah es aus wie etwas Weibliches. Das graue Gewand, welches das Wesen an hatte, vermochte nicht erkennen zu lassen ob Mann oder Frau.
Ihr Gefühl sagte aber, es sei eine Frau. Alleine schon, weil sie vorhin doch diese weibliche Stimme hörte.
Und nicht nur vorhin, jetzt auch und jetzt verstand sie die Worte:

„Geliebtes Kind, ob groß ob klein,
sollst nie im Leben alleine sein.
Angst und Leid brauchst du nicht zu haben,
denn der große Gott wird dich behüten und tragen.
Habe Vertrauen in deinem Herzen,
so wirst du behütet sein vor Schmerzen!“

Ihr standen Tränen in den Augen. Sie wusste nun nichts mehr, außer das dies das Gedicht war, welches sie aufsagen sollte, wenn sie Angst hatte.
Da sie Angst hatte, sagte sie es laut auf:
Unter Tränen und Gestammel sprach sie Worte:

„Geliebtes Kind, ob groß ob klein,
sollst nie im Leben alleine sein.
Angst und Leid brauchst du nicht zu haben,
denn der große Gott wird dich behüten und tragen.
Habe Vertrauen in deinem Herzen,
so wirst du behütet sein vor Schmerzen!“

Als sie den letzten Satz beendete drehte sich die Gestalt um zu ihr und sie sah in die Augen ihrer verstorbenen Mutter.
So lieb und weich ihr Antlitz, so freundlich und liebevoll ihre Augen.
Ihre Mutter breitete die Arme und wollte ihr Kind umarmen.
Doch es ging nicht. Zu sehr war noch die Angst in ihrem Kopfe und sie konnte sich nicht in die Arme ihrer Mutter fallen lassen. Es ging nicht.
Ihre Mutter sagte nichts, sondern schaute sie lieb lächelnd an und nickte verständnisvoll mit dem Kopf.
Es war komisch. Sie wollte zu ihrer Mutter, aber diese Angst war ihr im Wege.
Tränen liefen ihre Wangen

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