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Kategorien > Märchen > Märchen

Vier Blätter

von Iva Schwarz

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Sein Tisch steht am großen, offenen Fenster, durch das es vier Bäume beobachten kann. Ihre Blätter sind verschiedener Form, Farbe und Herkunft. Einige sind schon verwelkt, fast trocken, können nur eine geringe Menge des Sauerstoffes erzeugen, die anderen haben noch viel Kraft, dem schicksalhaften Prozess des Verwelkens zu widerstehen, und bleiben seltsamerweise fest grün.
Ein grünes, frisches Blatt fällt vom Baum runter, wirbelt in der Luft, spielt mit dem Wind, ist von der Turbulenz begeistert, scheint glücklich zu sein, schnell erreicht er die feuchte Erde, liegt ganz ruhig und lebt noch, atmet ein und aus. Was war das? Ein ungewöhnliches und herrliches Gefühl, das Schweben in der Luft, die Schwerelosigkeit, das Abreißen und das Fallen. Warum ist es eben mir geschehen? Ich würde gern noch am Zweig hängen, jeden Morgen den Sonnenaufgang beobachten, das Zwitschern der Vögel hören. Ich liege hier unter den verwelkten Blättern und werde langsam sehen, wie ich in Nichts verwandeln werde: Ein trockens Blatt ohne Zellen. Seinen letzten Sonnenuntergang erlebt das grüne Blatt auf der weichen, moorstinkenden Erde.
Ein gelbes, blankes Blatt fällt langsam vom Baum runter, nimmt gut gelaunt Abschied von einem, dann von einem anderen Zweig, sagt allen Hängenden: „Adieu!“ und freut sich auf die gelungene Landung auf den bunten Herbstteppich. Wie schön ist das Leben mit seinen unvergesslichen Momenten und Überraschungen? Die gelbstrahlende Sonne, die warmen Sonnenstrahlen, die beruhigende Wärme und der weiche, aufwärmende Teppich beschützen mich, und ich fühle mich geborgen, als ob ich im Himmel unter dem Baum liege, als ob die ewige Ruhe meinen Körper umschlinge.
Ein hellbraunes Blatt mit kleinen Löchern fällt langsam, ganz ruhig vom trockenen Zweig des Baumes runter. Es hat keine Kraft, ein Abschiedswort zu sagen. Der Kampf um das Leben, die quälenden Tage, die Krankheit und Einsamkeit sind endlich vorbei. Wie schön war es im Frühling, als ich zum ersten Mal die Sonne gesehen habe, den warmen Wind gespürt habe, seine Brüderchen - Blätterchen begrüßt habe und den Sauerstoff habgierig gesaugt habe! Das war die sorgenlose Zeit, wenn man an nichts denkt, wenn man das Leben genießt und glaubt, dass dieser selige Zustand nie zu Ende sein wird. Mit der Zeit versteht das gesunde, glückliche Blatt, dass die Umgebung die unversiegbaren Kräfte des Körpers aussagen kann. Es schnappt nach Luft, es zittert vor Kälte, es hat Durst: Es braucht Wasser, viel Wasser. Vom Himmel fällt kein Regen, der Zweig wimmelt von Raupen. Ich wolle hier nicht geboren sein, aber das hellbraune Blatt hat keine Wahl, denn man wählt den Geburtsort nicht.
Ein dunkelrotes Blatt fällt vom Baum runter, es glänzt vor Freude und Glück. Das wirbelnde Fallen macht ihm Spass, der Wirbel des leichten Windes senkt es auf den Asphalt. Es liegt dort, ganz allein: ein schönes, ungewöhnliches, von Sonnenstrahlen und Kraft voll gefülltes Blatt. Es muss leben, diese Schönheit müssen die anderen auch sehen.
Das Mädchen geht runter, nimmt das dunkelrote Blatt mit nach Hause, legt es in ihr Fotoalbum und denkt, dass das Glück von einem Zufall abhängt.

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