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Kategorien > Aus dem Leben > Schuldfrage

Viktoria - Eine Frage Der Schuld

von Thecos Silvereagle

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Sie öffnete das Fenster und wollte den Vorhang wieder zuziehen, als sie ein schwarzes Auto auf der anderen Straßenseite an den Bürgersteig fahren sah. Viktoria schaute ungeduldig auf ihre Uhr und stöhnte. „Wo bleibt sie nur wieder?„, fragte sie sich selbst entnervt. Auf ihre Mutter wartend zog sie den Vorhang zu, als sie plötzlich einen Schrei hörte. Sofort zog sie den Vorhang wieder zurück und versuchte die schreiende Person auszumachen. Es war eine Person mit vermutlich blonden, längeren Haaren. Eine Frau. Oder ein Mädchen. Groß war sie jedenfalls nicht. Obwohl es aufgrund des Regens nicht gut zu erkennen war, konnte sie sehen, dass die Frau auf der anderen Straßenseite von zwei Männern am Arm und den Haaren ergriffen und gewaltsam in das schwarze Auto gezogen wurde. Viktoria’s Augen weiteten sich. Binnen von einigen Sekunden war das Auto so schnell verschwunden wie es gekommen war. Viktoria schluckte.
Sie stand noch drei Minuten regungslos da, bevor sie die Realität schnell einholte. Vor ihren Augen wurde jemand entführt. Zumindest sah es für sie so aus. Fassungslos dachte sie an die möglichen Konsequenzen. Sie sah Bilder vor ihr, wie sie immer in Krimiserien dargestellt waren. Misshandelte Kinder, vergewaltigte Frauen, in Blutlachen getränkte Leichen, verstümmelte Menschen. Es graute ihr und ihr Blick wanderte hinüber zum Telefon, doch sie konnte sich nicht dazu bewegen sich ihm zu nähern und den Hörer abzuheben. Ihre Beine weigerten sich sie zu befördern. Sie würde in einem Verbrechen verwickelt sein. Und was sollte sie dann der Polizei sagen? Es wurde jemand entführt. Bei weitem zu wenig Informationen. Sie hatte ja wegen des Regens nicht einmal das Nummerschild erkennen können, hatte die Gesichter der Entführer nicht sehen können und auch die Frau oder das Mädchen hatte sie nur sehr verschwommen wahrgenommen. Und dann wiederum musste es sich ja nicht gezwungen um eine Entführung handeln. Jugendliche heutzutage empfanden Aktionen wie diese als witzig. Handelte es sich vielleicht doch nur um einen Streich? Aber warum hatte die Frau dann geschrieen? Um Viktoria drehte sich alles, ihr wurde ganz mulmig zumute bei dem Gedanken eine Zeugin eines Verbrechens gewesen zu sein—tatenlos, willenlos.
Sie schaute ein letztes Mal auf die Straße, verängstigt. Sie war leer und der Regen hatte sich dezimiert. Nur einige Blätter wurden vom Wind über die Straße geweht. Sie zog den Vorhang zu und lief zum Telefon, wählte panisch die Nummer ihres Bruders.
„Hi, Chris,“ sagte sie nach der Abnahme des Telefons.
„Hallo, Schwesterherz. Was gibt’s?“ Es war beruhigend seine Stimme zu hören.
„Ich—“, begann sie, konnte aber keinen weiteren Laut von sich geben. Sollte sie ihm von ihrer Beobachtung erzählen? Was würde er zu ihrem passiven Handeln sagen?
„Was ist los?“ fragte eine plötzlich besorgte Stimme am anderen Ende der Leitung.
„Nichts, nichts.“, antwortete Viktoria. Nein, sie würde nichts von der vermeintlichen Entführung erwähnen. „Ich warte nur auf Mutter. Hat sie sich bei dir gemeldet?“ Manche Dinge blieben besser verschwiegen.
„Nein, warum?“
„Sie sollte eigentlich vor—“, Viktoria schaute auf die Uhr, „—zwanzig Minuten hier gewesen sein. Wollte noch was abholen.“
„Nein,“ antwortete ihr Bruder, „ich habe nichts von ihr gehört. Wird sicherlich bald kommen.“
Viktoria schüttelte den Kopf. „Das ist doch wieder typisch Mutter. Sagt sie kommt um die und die Zeit und dann kommt sie wieder nicht. Würde mich nicht wundern, wenn sie mich wieder versetzt.“ Natürlich war sich Viktoria bewusst, dass sie ihre Mutter hätte auf ihrem neuen Handy hätte anrufen können, aber wollte nicht unbedingt deren nervenraubende Stimme hören. Sie konnte das Telefon nicht mal richtig bedienen und hätte sich ja mal selbst melden können.
„Ist doch egal.“, beschwichtigte sie Christopher, „Wenn sie kommt, dann kommt sie halt. Warum diese Hektik?“
„Ich wollte noch mal raus hier, Chris.“ Viktoria wurde wütend. Es war immer dasselbe mit ihrer Mutter. Sie beendete das Gespräch eilig, sich über ihre Mutter ärgernd.
Viktoria legte den Hörer wieder zurück auf das Telefon, schaltete den Fernseher an und besorgte sich aus der Küche ein Stück des selbstgebackenen Kuchens ihrer Mutter. „Werde wohl eine Weile hier bleiben müssen.“, erzählte sie sich selbst genervt. Sie warf sich auf die Couch, legte die Beine hoch, trennte ein Stück ihres Kuchens ab und schob es sich in den Mund. Die Bilder der Entführung malträtierten immer noch ihren Kopf, während sie versuchte den Kuchen zu genießen, aber die Wut auf ihre Mutter stieg. Es war immer dasselbe. Ihre Mutter meinte sie wäre etwas Besonderes, etwas Besseres, dachte sie könne sich alles erlauben. Sie behandelte Viktoria stets wie Dreck, lästerte arrogant über sie und redete schlecht von ihr hinter ihrem Rücken. Viktoria wusste, dass ihre Mutter Christopher bevorzugte, der dies aber nicht wirklich registrierte. Er war ein Musterkind, ganz im Gegensatz zu Viktoria. Das letzte Stück Kuchen wanderte in ihren Mund, der Teller fand sich auf dem Tisch wieder und sie beschloss duschen zu gehen. Die Klingel würde sie ja hören. Wenn nicht, war ihr das mittlerweile egal. Sie würde nun nicht mehr auf ihre Mutter warten. Das hatte sie nicht verdient.
Nachdem Viktoria ihre Haare gefönt hatte, inspizierte sie erneut die Uhr. „Drei Stunden zu spät.“, spottete sie über ihre Mutter. Sie erinnerte sich noch gut an den Moment, als ihr ihre Mutter sagte sie könne nicht mehr. Sie verstehe ihre Tochter nicht und konnte es nicht fassen wie abtrünnig sie geworden war. Sie drohte Viktoria sogar als Kind sie in ein Internat oder ein Heim zu stecken, so dass sie nichts mehr mit ihr zu tun haben müsse. Und dann ist ihre Mutter wieder anders, liebevoll, backt Viktoria freiwillig einen Kuchen, unterstützt sie finanziell und sagt, sie ist froh ihre einzige Tochter zu haben. Alles Heuchelei, dachte sich Viktoria. Verdammter Hypokrit. Letztes Jahr hatte sie die Küchenstühle ihrer Mutter entsorgt und jegliche Bilder verbrannt, die diese abbildeten. Manchmal wollte Viktoria, dass ihre Mutter sie für immer in Ruhe lässt, konnte ihre Heimtücke, ihre Niedertracht nicht ausstehen. Diese Vertrauen missbrauchende Frau, der sie manchmal nicht mal mehr ins Gesicht schauen konnte, deren Betrüge und Lügen sie nicht ertragen konnte. Sie kannte nicht mal diese Frau, wollte sie nie wieder sehen. Ja, manchmal wünschte Viktoria ihrer Mutter sogar den Tod. Sie sprach diese Gedanken nie aus, war aber nicht zufrieden damit, da sie es manchmal gern täte. Ihrer Mutter würde die Wahrheit mal gut tun. Viktoria legte den Fön beiseite und ging wieder in das Wohnzimmer, sich auf die Couch setzend.
Sie bekam den Rest eines Berichtes mit, der von einer in einer Seitenstraße gefundenen toten Frau handelte, die einige Stunden zuvor entführt worden war. Viktoria stockte kurz, dann überfiel sie die Erleuchtung. Sie dachte über ihre Beobachtung nach. Hätte sie doch die Polizei rufen sollen? Vielleicht hätte es doch etwas genutzt. Sie

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Kommentare

Edwin schrieb am 2009-10-10 07:26:55:
Geile Story!! Haste sehr gut geschrieben und ausgedacht^^! Weiter so!

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