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Kategorien > Grusel > Kurzgeschichte

Virgin Mary

von CCPeters

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Ab und zu existieren Orte im Leben, die unvergesslich sind. Sie halten das Herz gefangen, lassen Bilder tanzen und die Seele beben.
Joachim Farwick zog den Kragen seines Mantels fest zusammen. Regen prasselte in Strömen auf ihn herab. Sein Blick schweifte zu dem nahegelegenden Hügel, der über die Stadt wachte. Tropfen liefen über sein Gesicht. Die Häuser am Hang standen, dicht gedrängt, mit flachen Dächern, ohne Fenster, wie grellweisse Grabsteine, leblos den Naturgewalten ausgesetzt. Der Himmel weinte. Er war zurück in Casablanca.
Nie mehr komme ich hier her, so lautete sein Vorsatz. In dieser Stadt starb sie. Das war nun ihre Welt und diese Ruhe war ihm heilig. Lange hatte er überlegt und mit sich gerungen, ob dieser Auftrag es wert wäre. Sie boten Geld, zuviel um nein zu sagen und das Leben musste weiter gehen. Trotzdem war ihm nicht wohl bei seiner Entscheidung. Diese Stadt hielt die Erinnerung gefangen, erstickte jede Zukunft.
»Verzeih mir«, murmelte seine innere Stimme.
Er stand auf einer Kreuzung, die Ampeln blinkten. Ein Blitz musste die Elektrik beschädigt haben. Ohne richtig zu wollen, kämpfte er gegen den Wind und strebte in Richtung Hafen. Die Schritte fielen leichter als erwartet, was ihn verwunderte. Eine unsichtbare Hand schien ihn zu führen, streichelte seine Seele, linderte den Schmerz.
Bei den Schiffen heulte eine Sirene. Der Wind ergriff den Ton und trieb ihn aufs Meer hinaus. Rinnsale aus Wasser durchfurchten den Marktplatz. Die Docks waren menschenleer. Das Meer rollte wütend über den Strand, Gischt spritzte über die Kaimauern. Die Lichter der Frachtschiffe im Hafen schaukelten ohne Unterlass und beleuchteten den Schaum auf den Wogen.
Einen Augenblick lang verschnaufte das Toben um ihn herum. Farwick rümpfte die Nase. Der Geruch von Fleisch in Knoblauch eingelegt, zog in seine Nase. Er steuerte in die Bar „petit trou“. Eine Wolke aus Wein und sanitären Einrichtungen empfing ihn. José stand hinter der Theke. Sein Blick sah immer noch verschlagen aus, nur die Haare fingen an grau zu werden. Über Farwicks Gesicht glitt ein Lächeln.
»Salu mec.«
»S´a va mon grand?«
José wischte seine Hände an der Schürze ab und streckte sie ihm entgegen. Seine vergilbten Zähne strahlten ein Willkommen.
»Schön, dass du wieder in der Gegend bist. Warst lange nicht hier.«
Joachim Farwick hatte Mühe, wieder französisch zu denken.
»Dein Gedächtnis ist ausnahmslos gut.«
José zauberte zwei Gläser Cognac auf dem Tresen und goß Pernod hinein. Farwick nahm ein Glas und prostete ihm zu. Es war wie früher, aber das lag lange zurück. Die Bar erschien ausgestorben.
»Das Geschäft geht gut?«
José zuckte mit den Achseln.
»Die Saison ist vorbei.«
Farwick nickte und verstand. Die Bar hieß nicht umsonst „le petit trou“, das kleine Loch. Während des Sommers blühte der Handel, aber jetzt, im Herbst begann die gefährliche Zeit für die kleineren Boote auf dem Mittelmeer und brachte den Schmuggel zum erliegen. Das Geschäft erledigten nun die Hochseeboote auf den kurzen Fahrten nach Gibraltar.
Farwick schaute in den Raum. Maria, Josés Frau, summte eine Melodie, während sie ein Hemd flickte und auf die Kochtöpfe auf dem Herd aufpasste. Zu ihren Füßen saß ein Kind im Schneidersitz und lutschte an einem Korken. Die Dekoration bot die gleiche herabgewirtschafte Atmosphähre. Zwei Matrosen hockten an einem Tisch und spielten Karten. In der Ecke neben der Tür saß ein junges Mädchen. Sie löffelte eine Suppe.
»Wer ist das?« Es war ungewöhnlich, dass ein junges Mädchen allein in Josés Bar speiste.
»Nie gesehen. Sie ist fremd.« José wischte mit einem Lappen auf der Theke herum. »Sei vorsichtig«, raunte er ihm zu. »Ihre Augen haben den bösen Blick.«
Farwick musterte sie genauer. Der anziehende Mund untermahlte ein schmales Gesicht. Ihre spitze Nase verlieh ihrem Gesichtsausdruck etwas Nobles. Die Haut war so blaß, dass die Haare umso dunkler wirkten. Sie strahlte Verletzlichkeit aus, die anziehend wirkte und zu seinem Erstaunen war sie ungeschminkt.
Zeitweise nippte sie an ihrem Glas Wasser und irrte mit den Augen umher. Ihr Blick traf ihn. Das junge Mädchen lächelte nicht, er auch nicht. Trotzdem gab es ein Lächeln, tief im Verborgenen, einer stummen Vereinbarung gleich. Einer der Matrosen sprach sie an, bot ihr einen Drink an, sie verweigerte. Sie nippte wieder an dem Glas und wehrte auch ein erneutes Angebot dankend ab. Farwick beobachtete sie. Ihre Augen faszinierten ihn. Das kristallklare Blau strahlte Ehrlichkeit aus. Etwas Böses konnte er nicht entdecken.
Der erneute Seitenblick von ihr war das Signal. Er ging zu ihr. Seine Neugier überwog. Sie lächelte und überraschte ihn mit einem „guten Tag, setzen sie sich“. Ihr Tonfall in deutsch klang ohne Akzent. Er erwiderte ihre Freundlichkeit und nahm Platz.
»Ich habe auf sie gewartet«, begann sie und löffelte weiter ihre Suppe.
Farwick stutzte.
»Wie bitte?«
»Mein Name ist Mary. Sie haben mich gerufen, schon vergessen?«
»Ich wüßte nicht, dass …«
»Mein Bruder, der Alp, kommt häufig zu ihnen. Er hat mir erzählt, dass sie Vergeltung wünschen.«
»Wer sind sie?«, stieß Farwick hervor. Die Situation erschien ihm surreal. Niemand weiss von meinen bizarren Träumen, dachte er. Natürlich wollte ich den Tod meiner Liebsten rächen, aber das war anfänglich unter dem Schock der Ereignisse. Das junge Mädchen lächelte wieder und legte den Löffel neben den Teller.
»Man nennt mich „virgin Mary“. Wahrscheinlich weil ich so jung bin.« Ihre blauen Augen strahlten ihn an.
»Ich muss noch viel lernen. Sie sind mein dritter Kunde.«
»Kunde?«
»Ja«, sagte sie und nickte zustimmend mit dem Kopf. »Ich suche mir natürlich die Menschen selbst aus, die meine Hilfe benötigen. Und meine Wahl ist auf sie gefallen.«
Farwick war sprachlos.
»Ich…«, stotterte er. Sie winkte ab.
»Bevor sie mir von ihrem Plan erzählen. Sagen sie mir, wird es blutig? Wäre schön, ich habe schon lange solche Phantasien.«
Das junge Mädchen nahm ihren Löffel und liess ihn spielerisch zwischen den Fingern durchgleiten.
»Sie wissen doch, Träume können wahr werden. Ich will ihnen nur helfen. Wirklich.«
Farwick hatte genug gehört und wollte zurück an die Theke. Die Nähe zu diesem Mädchen bereitete ihm Unbehagen. Sie ist verrückt, schoss es ihm durch die Gedanken. Besser ich gehe jetzt. Er wollte aufstehen, aber seine Beine verweigerten den Dienst. Erst jetzt bemerkte er, dass alles in seiner Umgebung ruhig war. Kein Laut war zu hören. Sein Kopf zuckte herum. Die Personen in der Bar verharrten in atemlosen Stillstand. Angst kroch in ihm hoch.
»Gut so«, munterte ihn das Mädchen auf und machte einen zufriedenen Eindruck. »Sie schaffen eine gute Grundlage. Furcht, das ist mal was Neues. Ein guter Nährboden für spontanes Handeln.«
Sie öffnete ihre Handtasche und holte einen Zettel heraus.
»Hätte ich doch glatt wieder vergessen. Ich brauche ihr Einverständnis. Unterschreiben sie

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Kommentare

bazinga schrieb am 2012-03-20 16:46:43:
das war echt verdammt gut, hätte mir gewüscht, dass sie länger ist!
der schluss war gut gemacht, hätte aber drastischer eintreten können.
zum französisch: es heißt SALUT
und falls du "Wie gehts" sagen wolltest: CA VA? mit accent cedille am c
(höhö schreibe morgen franze)
nein im ernst - unheimlich gut gemacht nur zu kurz
Michelle,13 schrieb am 2011-12-23 15:38:42:
cool beste geschichte allerzeiten

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