Viva la Füller
von
Stift
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Viva la Füller
oder die heimliche Renaissance wahrer Handarbeit
Sagen Sie mal, ist es Ihnen nicht auch schon aufgefallen?! Also ich meine, na, wie soll ich es beschreiben ohne gleich anzüglich zu werden? Na, dass es derzeit immer mehr Menschen gibt, die es wieder selbst mit der eigenen Hand machen. So richtig aufmerksam wurde ich auf das Phänomen erst im Sommer letzten Jahres, vorher hatte ich vielleicht auch gar nicht so sehr drauf geachtet.
Es begann alles damit, dass unsere Dachluke nach einem Sommergewitter etwas rappelte. Und so bin ich dann auch „Ruck-Zuck“ schon nach einer Woche, vollgepfropft mit liebevollen Hinweisen, spaßigen Erinnerungen, sanften Ermahnungen, kleinen Drohungen, flehenden Bitten, wüsten Beschimpfungen und unerträglichen hysterischen Anfällen seitens meiner liebsten Ehefrau Gabriele Adele - richtig, meine lieben Leserinnen und Leser, genau das unverwechselbare Geschöpf meines Universums, welches mich immer noch in aller Öffentlichkeit Mausebär ruft - auf den stickig heißen Dachboden geklettert, um flugs den Rappelschaden zu beheben. Mir bot sich ein Bild, das ich sonst nur aus spannenden Hollywoodfilmen her kenne: Mitten ins stickige Dunkel des Speichers flutete ein schräg einfallender, rechteckiger Lichtkegel die gespenstige Szenerie. Aufgewirbelter Staub vollführte im gleißenden Sonnenlichtschein einen surrealen Elfentanz. Schnell nahm ich die Hürden aus überquellenden Pappkartons und allerlei sperrigen Guts, welches wir garantiert in den nächsten 30 Jahren noch einmal unbedingt gebrauchen könnten, und schon war ich an der Dachluke angekommen. Da stand ich nun in leicht gebückter Haltung. Das Rappeln sollte flott behoben sein, denn der Dachluken - Klemm- und Arretierungsbügel hatte sich allem Anschein nach gelöst und hing locker am Scharnier herab. Dadurch hatte der Wind leichtes Spiel gehabt und wir, die im Hause Lebenden, ein wenig geisterhaftes Rumpeln. Doch bevor ich besagten Hebel umbog und sicherte, öffnete ich kurz die Luke, um ein paar Züge frische Höhenluft zu atmen.
Eine tolle Aussicht von hier oben. In unserem Garten tollten meine Genexperimente Patricia und Jonas rum. Sie hatten ihren Spaß beim Softball-Tennis spielen. In Nachbars Garten entdeckte ich Herbert und Waltraud. Ihr Grünbereich ist normalerweise von unserer Grundstückseite her nicht einsehbar. Er ist hermetisch mit einem dunkel gebeizten Lamellenzaun umfriedet. Im Garteninneren wird der Lamellenzaun von einer Wand meterhoher Thuja Lebensbäume verdeckt. Das heißt, unter ebenerdigen Bedingungen bleibt der Makrokosmos der Beiden für uns Nachbarn stets fein verborgen. Von meiner Feldherren- luke hatte ich nun Einsicht in das mir bis dato Unbekannte und sah etwas, das ich weder sehen sollte, noch unbedingt sehen wollte. OK, ich hätte jetzt selbstverständlich an dieser Stelle das Fenster schließen können, um eiligst wieder in mein Habitat zurückzukehren. Ja, hätte ich, aber Hand aufs Herz, hätten Sie denn auch so gehandelt? Ne! Nä? Sehen Sie, ich auch nicht. In Nachbars Garten waren nämlich unsere Nachbarn Herbert und Waltraud zu sehen. Herbert hatte nichts anderes an seinem schweren, behaarten, schwitzigen Körper an als einen, jetzt kommt´s, winzig klitzekleinen Tigerstring, so ein echten Ritzenflitzer, also kaum mehr als ein wilder Eierbecher am Bändchen. Bei Waltraud sah es auch nicht viel besser aus. Sie blendete die hochstehende Mittagssonne mit ihrem drallen Körper. Oben herum hatte sie nämlich ebenfalls unserem Zentralgestirn nichts entgegen zu setzen. Statt dessen schwangen ihre mächtigen, barocken Glocken bei jeder kleinen Bewegung so heftig hin und her als wolle der Kölner Dom noch den letzten Atheisten von der Schäl Sick ins Hochamt locken. Unten herum war sie mit so einer Art filigranem bösen Bären Zwingerchen bekleidet. Doch damit nicht genug. Der stark behaarte, heftig transpirierende Herbert hockte, leicht vorn über gebeugt, vor einem wackeligen Campingtischchen und tat es tatsächlich selbst mit der rechten Hand. Er wippte ganz leicht in seinem Rhythmus dabei auf und ab. Waltraud störte es offensichtlich nicht einmal, sie schaute hin und wieder zu ihm herüber und gab noch ein paar Anweisungen, die Herbert gern befolgte. Er nickte jedenfalls zustimmend. Endlich, nach rund zehn Minuten, war der Zauber dann vorbei. Er schüttelte zum Schluss noch einmal sein Handgelenk aus und streckte sich gemütlich auf seiner Gartenliege aus. Weinig später schien er sichtlich entspannt zu schlafen. Beim genaueren Hinsehen entdeckte ich, dass er weder üble Kleckse verursacht hatte noch von oben bis unten total versaut war. Das fand ich durchaus beachtlich. Ich verschloss die Dachluke gründlich und kehrte herab zu den Meinigen. „Du Mausebär, was hast du denn oben auf dem Speicher so lange gemacht?“, wollte mein Lieblings-Eheweib von mir wissen. „Ach nichts, nichts.“, entgegnete ich ihr und begab mich in meine Schreibstube. Ich brauchte etwas Zeit zum Grübeln.
Der Nachmittag kam und Anneliese, meine Lektorin, ebenfalls. Sie ist nicht nur eine alte Germanistin sondern auch meine Ansprechpartnerin in Sachen „verzwickte Situationen“. Als Schreiberling, der von allen nur STIFT genannt wird, brauche ich eine nüchterne, knallharte Kritikerin, die mich frühzeitig auf eventuelle literarische Sackgassen und abstruse Kafkaesken hinweist. So kommt es, dass wir in unseren Kreativ-Gesprächen stets Ross und Reiter beim Namen nennen.
Also fragte ich sie nach anfänglichem Zögern frei heraus, ob und wann sie in der letzten Zeit – ich pantomimte dabei mit meiner rechten Hand eindeutige Bewegungen - mal wieder selbst in Sachen Handarbeit tätig war. Ihre spontane, ehrliche Antwort verblüffte mich dennoch.
„Weißt du Stift, eigentlich habe ich nie damit aufgehört. Ich mach´s halt gerne, immer noch“. Sie schilderte mir mit viel Körpersprache und Gesten, wie sie es schon vor ihrer Schulzeit gelernt hatte. Ihre Performance machte mich ganz wuschig. Vorbild sei dabei ihre große Schwester Lydia gewesen. Sie tat es, so oft und wo immer es ging. Anneliese hatte Lydia in ihrem Mädchenzimmer dabei beobachtet und erstaunt gefragt, was sie denn da mache!?. Worauf Schwester Lydia stolz geantwortet habe, Mamma habe ihr gesagt, dass müsse jeder Mensch können, auch die Erwachsenen, und wenn man es richtig gut könne, sei das ganz toll. So ließ sich Annliese fortan jeden Nachmittag von ihrer großen Schwester darin unterrichten. Freilich sei sie mächtig stolz darauf gewesen, es als Erste in der Schule so richtig gut zu können. Es lief bei ihr wohl wie geschmiert. Die Mädels waren ohnehin in Ihrer Klasse darin federführend, die Jungs hatten zwar irgendwann auch endlich den richtigen Dreh heraus, aber das hatte naturgemäß etwas später eingesetzt. Ich erzählte ihr freiwillig von meinen ersten Versuchen und wie ich mich dabei abgemüht hatt. Ich erinnerte mich, wie verkrampft ich anfangs am ganzen Körper dabei war, außerdem schmerzten mir schon nach gut zwanzig Minuten des Übens stets
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