Vom eigenen Vater begraben
von
Yezidia Al-Haldid
1
Er weckte uns ständig mit Hieben in den Rücken.
" Steht endlich auf, die Kühe müssen auf die Weide!" Es war ein kleiner, quadratischer Raum. der einzige, den wir hatten. Das Haus, in dem wir lebten. Ich lag hinter meinen drei Brüdern, ganz versteckt in der Ecke. Ich beobachtete ihn dabei, wie er jedem meiner Brüder einen kräftigen Hieb gab und langsam auf mich zukam. Mir war bewusst, dass mir der kräftigste drohte...und trotzdem hoffte ich, dieses Mal würde er gnädig sein. Mit zusammengekniffenen Augen wartete ich auf den Schmerz, doch er kam nicht. Ich hörte wie Mustafa, Ibrahim und Mehmet aufstanden und aus dem Haus rannten. Dann kehrte eine unheimliche Stille ein. Ich spürte seine Nähe und diese Nähe verspürte ich als die größte mir bekannte Gefahr.
Sein Atem streifte mein Ohr, er war ganz nah an mir dran.
Oh nein, dachte ich mir nur...schlag mich lieber, als mir das anzutun.
Eiskalt durchfuhr es mich, als seine Hand unter meine Decke glitt und sich zwischen meine Beine schob. "Mein Herz, meine kleine Prinzessin...du bist alles was ich habe. meine Schönheit! Lass deinen Vater daran teilhaben."
Ich wollte versuchen mich schlafend zu stellen, aber mein Schluchzen konnte er nicht überhören. Ich spürte wie er mich hochriss, mich in der Luft zerreissen wollte. "Du verdammtes Miststück! Hab ich dir nicht was gesagt? Du sollst gefälligst die Beine breit machen, wenn ich es dir sage!", schrie er und schleuderte mich gegen die harte Hauswand. Zu Boden fallend gelang es mir nicht, davonzulaufen, bevor er mich nochmals packte. Mit Tritten jagend, scheuchte er mich aus dem Haus und Freude überkam mich, als ich wieder frei atmen konnte. Nun. Das schien mein Leben zu sein, seitdem meine Mutter uns verlassen hatte...in das Reich Gottes. Einst wünschte ich mir, bald zu sterben, doch nun wollte ich einfach schnellst möglich heiraten, um den Fängen meines agressiven und verhassten Vaters zu entkommen.
Es gab ihn tatsächlich. Diesen Mann, den ich begehrte. Er war ein Junge aus unserem Dorf. Schön war er und fleißig. Jede Woche begab er sich in das fünfzig Kilometer entfernte Khalaiyar, um dort zu arbeiten. Ich mochte ihn wirklich und ich hoffte, dass er auch Gefallen an mir hatte.
Die Sonne brannte mir in mein kurdisches Gesicht und blendete mich dermaßen, dass ich für einen Augenblick nur Weiß um mich herum sah. Als ich mich an die Helligkeit gewohnt hatte, ging ich zum Stall, um die Kühe zu holen. Ich wollte ihn gerade öffnen, als ich Schritte hinter mir hörte. Das konnte nicht mein Vater sein, dachte ich. Er ist doch auf der anderen Seite bei den Schafen. Aus Angst er könnte es doch sein, drehte ich mich um und starrte plötzlich in das Gesicht von Cuan. Den Jungen, den ich liebte.
" Hallo Evin," sagte er freundlich. Er schaute mir tief in die Augen und trieb mir die Schamesröte ins Gesicht. Mir gelang es ein zögerliches Hallo von mir zugeben. Was war bloß los mit mir, dachte ich? Was hat dieser junge Mann, das dich so nervös macht?
" Du bist sehr schön, Evin. Lass uns heiraten, wenn du möchtest", sagte er und mein Herz machte einen gewaltigen Sprung.
Mit einem Male überfiel mich die Freude. "Ja! ich möchte! Ich möchte das so gerne!", stammelte ich nur noch.
Er beugte sich zu mir vor und gab mir einen Kuss auf die Wange. " Ich werde heute abend mit meinen Eltern reden...dann kommen wir und halten um deine Hand an." Das waren seine letzten Worte, bevor er sich umdrehte und ging.
Worte, die ich auf ewig nicht vergessen werde, doch zu diesem Zeitpunkt schien der Kuss, dieser kleine Kuss, den er mir gab viel entscheidender als alles andere. Denn jemand hatte uns beobachtet, Özlem, meine Nachbarin. Das Schlimme hier war, dass sie mich nicht mochte. Was würde jetzt wohl geschehen?
Was geschehen würde, hatte ich mir ausmalen können. Özlem verriet es natürlich jedem, den sie sah...auch meinen Vater. An Meiner Jungfräulichkeit zweifelte von diesem Augenblick an jeder hier im Dorf.
Ich wollte nicht wimmern, aber es gelang mir nicht dies einzustellen.
Mehr und mehr Erde fiel auf mich herab und reichte mir bereits bis zum Bauch. Die Hände hinter den Rücken gebunden, die Füße gefesselt musste ich mit ansehen, wie die Erde, die mein Vater in das Loch schaufelte, in dem ich saß, meinem Gesicht immer näher kam, empor stieg...und mich ersticken würde. Mein Stolz unterband es mir, ihn um Gnade zu bitten. Ich wollte nur zu meiner Mutter nach da oben. ich starb in einem Erdloch hinter unserem Haus. Begraben von meinem eigenen Vater-.
1
Kommentare
Keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen