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Kategorien > Humor > Der andere Blickwinkel

Vom schlechten Gewissen verliebt zu sein

von Hildegard Grygierek


Hoffentlich merkt es keiner, dass ich sie begehre.
Aber was wenn man mir ansieht, dass ich verliebt bin? Bestimmt es so, dass
es alle sehen. Nun bin ich schon so vorsichtig, und trotzdem kriegen es
irgendwie alle mit. Das verstehe ich nicht, auf meiner Stirn bewegt sich
doch kein Laufband "Ich habe mich verliebt!"
Damit sie nicht merken, wie sehr ich mich der Liebsten verbunden fühle, rufe
ich sie aus dem Büro schon immer seltener an. Und das obwohl ich mich nach
ihr verzerre und sie sich nach mir. Wenn die "Assistentin" doch nur zu Tisch
gehen würde, aber arbeitsmoralisch wie sie ist, macht sie permanent die
Mittagspause durch. Sage ich ihr, in der Kantine gibt's heute aber was
Gutes, mit fast ohne Fett, denkt sie immer gleich ich will nur telefonieren.
Hach, ständig schaut sie hinüber, sie glaubt wohl ich merke nicht, wie
krampfhaft sie damit beschäftigt ist mir die Gedanken abzulesen. Ganz zu
schweigen, wie sie mich beobachtet wenn ich eine dienstliche Mail versende.
Könnte ja auch eine Nachricht an meine Herzallerliebste sein.
Wenn sie doch nur mal wegschauen würde, hat sie noch nie einen Geliebten
hat? Nein, hat sie nicht, dass würde ich ihr ansehen.
Dieses ständige Hinterherspionieren bin ich bald leid, auch dass die anderen
Kollegen sich neuerdings so merkwürdig verhalten. Wie neidisch sie doch
sind. Kein Wunder, bei der süßen Maus, die ich da seit einigen Wochen an der
Strippe habe. Wenn die wüssten, wie liebreizend sie ist, würden sie vor Neid
vom Stuhl fallen. Und erst mal die inneren Werte, da ist sie unschlagbar.
Auch wieder so ein Grund warum sie so missgünstige Blicke zu mir
rüberwerfen.
Erst neulich, ja gestern war´s, wollte ein Kollege im Aufenthaltsraum doch
allen Ernstes von mir wissen, wie mir der Kaffee schmeckt. Wenn das keine
Anspielung ist, will ich Casanova heißen.
Garantiert weiß dieser angeberische, angeblich büropraktische Typ, welch
vorzüglichen Kaffee mein Herzblatt kocht.

Wenn ich dann echt geschafft, von solch nervenaufreibenden Tag nach Hause
komme, geht's da weiter. Nein, das halt ich nicht aus. Fragt mich meine
Ehefrau, ob wir gemeinsam am Abend den Film ansehen? Das macht sie doch
absichtlich. Nur damit ich bloß nicht auf die Idee komme, mich an den
Computer zu setzen um vielleicht E-mails zu versenden. Nein, den Gefallen
tue ich ihr nicht. Weder meiner Liebsten noch meiner Ehefrau, ich werde mich
an den Computer setzen, um mich festnageln zu lassen. Ich bin doch nicht
blöd.
Dieser Tage, als ich meiner Gattin Blumen mitbrachte, einfach nur mal so
außerhalb der Reihe, fragt sie mich ob ich was gutzumachen hätte. Glaubt sie
doch wahrhaftig ich hätte eine Geliebte! Und das nach fünfundzwanzig
Ehejahren! Was sind das nur für Frauen? Meine kleine Maus würde so was nie
von mir denken, sie verwöhnt mich mit Streicheleinheiten ohne Ende. Moment
mal ohne Ende?
Da bin ich mir auf einmal gar nicht so sicher? Auf meine Anfrage ob sie mich
noch liebt, hat sie mir nicht geantwortet. Ach Du liebe Güte, bin ich
durcheinander. Sie hat mich ja gefragt, ob ich sie noch liebe und ich habe
ihr noch nicht geantwortet.
Sie wird Verständnis zeigen müssen, bei dem Durcheinander und bei dem was
ich so alles um die Ohren habe. Gerade frisch verliebt, theoretisch zum
erstenmal nach meiner Trauung, stellen mir alle nach. Sie scheuen nicht mal
davor mir zu unterstellen.
Was ist das nur für ein Kreuz, mit dem Verliebtsein. Ich glaube, ich sollte
drei Kreuze machen, dann brauch ich mich auch unangenehmen Fragen von meinem
Sohnemann nicht mehr zu stellen.
Papa, grinste er mich vorgestern Abend respektlos an, du siehst so frisch
aus, vielleicht holst du uns mal eine Flasche Bier aus dem Keller. Mein
Arbeitstag war wirklich hart, griente er mich an. Stell man sich mal so was
vor! Ne, ne, die Jugend von heute! Alle Nasenlang eine andere und nehmen
sich so was raus. Was geht ihn das an ob ich eine Freundin hab? Ich habe
mich doch auch noch nie für seine Beziehungsprobleme interessiert. Und
überhaupt, als wenn ich seiner Mutter so was an tun würde.
Nix da, das lass ich mir nicht länger bieten. Von niemanden. Dass die süße
Knubbelmaus nichts mehr von sich hören lässt, ist sie selbst Schuld. So ein
ungeduldiges Frauenzimmer habe ich ja noch nie gesehen.
Ne, da versteht mir einer die Frauen.
Wie gut dass ich ein Mann bin, ein auf-richtiger, der zu seinem Ja-Wort
steht.


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