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Kategorien > Aus dem Leben > Nachdenkliches

Von einem Tag auf den anderen

von Mel

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Nun stehe ich hier in diesem sterilen Zimmer und blicke auf ihn hinab. Ihn, der mich die letzten 23 Jahre meines Lebens als treuer Partner und Ehemann begleitet hat. Bleich und teilnahmslos liegt er in die weißen Lacken des Krankenhausbettes gehüllt. Seine Augen blicken starr geradeaus, sein Atem geht langsam und flach, sein Körper scheint bewegungslos dem Schicksal ausgeliefert.
Meine Finger streichen grau-schwarze Haare aus seinen Augen, gleiten über seine Wangen, berühren zärtlich die, wie es mir erscheint, leblose Hülle.
Ich lasse mich auf dem Bett nieder, beuge mich zu ihm hinab und bin froh, dass kein anderer Patient das Zimmer mit ihm teilt.
„Ich hab Dich so lieb“, flüstere ich. „Bitte, wach auf. Sprich mit mir. Ich brauche Dich doch“. Keine Reaktion, seine katzengrünen Augen sind ins Nirgendwo gerichtet.
Wie nur hat es soweit kommen können? Warum hat es ausgerechnet uns getroffen? Es war doch alles so schön.
Ich weiß, dass er mir keine Antwort geben kann. Nie mehr wird er mit mir sprechen können, nie mehr wird er mir in die Augen sehen und sagen: „Schatz, ich liebe Dich so sehr“.
„Weißt Du noch, im letzten Urlaub“ erzähle ich ihm und bin in Gedanken bei dem Ereignis, welches unser Leben für immer verändert hat.
Die verstopfte Ader im Hirn wurde nur durch Zufall entdeckt. Des öfteren gequält von den Nebenhöhlen ließ er an einem Donnerstag morgen eine Kernspintomographie vornehmen. Ich weiß noch wie er nach der Untersuchung nach Hause kam, ein Ausdruck im Gesicht, wie ich ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Ich sehe vor mir, wie er versuchte, das Zittern zu unterdrücken, wie er versuchte, mir vorzuenthalten was tatsächlich gefunden wurde.
„Schatz, ich werde nächste Woche operiert“ hatte er gesagt, mich in den Arm genommen und ganz fest gehalten.
Er hatte versucht mir Mut zu machen, Mut den er schon seit dem Morgen nicht mehr gehabt hatte. Ich weiß, dass er meine Angst gespürt und gerade deshalb seine eigene unterdrückt hatte.
„Mach Dir keine Gedanken“, höre ich ihn im Geiste sagen; es war kurz vor der Operation. „Ich bin 43 Jahre alt, ein junger gesunder Kerl, so schnell wirst Du mich nicht los. Mach Dir bloß keine falsche Hoffnungen“, hatte er gesagt und gelacht.
Jetzt muss ich stark sein und ich kann es nicht. Meine Urlaubsrede schon beim ersten Satz unterbrochen sitze ich auf dem Bett und schluchze. Mein Kopf fällt in seinen Schoß und ich kann es einfach nicht verstehen. Ich will es nicht verstehen. Heftige Weinkrämpfe durchzucken meinen Körper; ich befehle mir selbst aufzuhören.
‚Hör auf’, schreit mein Inneres. ‚Er braucht Dich. Was änderst Du, in dem Du hier rumsitzt und heulst?’
Aufrecht setze ich mich hin und sehe ihn an. Mit dem Handrücken wische ich meine Tränen ab. Ich schaue ihn an, den Mann den ich liebe, der jetzt nur noch eine menschliche Hülle ist, dem ich nicht helfen kann, und der immer noch mit leeren Augen ins Nichts blickt.
Kann er mich sehen? Kann er mich hören? Hat er Schmerzen? Weiß er, dass er hier liegt, mehr tot als lebendig? Was möchte er? Weiterleben oder sterben? Gibt es ein Leben danach oder ist da einfach nur nichts?
All diese Fragen stelle ich mir und niemand kann mir eine Antwort geben.
Ich weiß noch, an dem Tag der Operation; wie lange bin ich im Flur auf- und abgetrippelt und habe gewartet, gehofft. Jede Minute hatte ich einen Blick auf meine Uhr geworfen, jede Minute eine weitere, bange Minute und doch auch eine Minute der Hoffnung, des sich selbst Beruhigens; es wird schon alles gut.
Ich sehe das Kopfschütteln des Arztes, die Worte, die ich zuvor nur aus dem Fernsehen kannte: „Tut mir leid“.
Er hat überlebt, aber zu welchem Preis? Hier liegt er vor mir, aschfahl, wie das Überbleibsel einer zu Ende gerauchten Zigarette.
Ich ziehe die Decke über seine Schultern, weil ich mich daran erinnere, dass er es nie mochte wenn seine Schultern frei lagen.
„Reden Sie mit ihm“, hatte der Arzt nach der Operation gesagt. „Er kann sie hören, auch wenn er im Koma liegt.“
Ich gehe im Zimmer auf und ab und überlege was ich ihm erzählen kann. Vielleicht hört er mich, aber selbst wenn er erwacht, tue ich ihm einen Gefallen wenn ich ihn durch meine Stimme aus seinem Schlaf hole? Er wird nie mehr sprechen können, nie mehr gehen können, nie mehr alleine essen können. Er ist kein freier Mensch mehr, immer angewiesen auf meine Hilfe, Hilfe die er vielleicht gar nicht will? Bin nicht vielmehr ich es, die möchte, dass er am Leben bleibt?
„Ich will Dich nicht verlieren. Bitte, ich kann nicht ohne Dich leben, wach doch auf“, jammere ich leise und doch laut genug um es ihn hören zu lassen.
Haben wir uns wirklich noch vor kurzem darüber gestritten ob wir den Tatort schauen oder Fußball? Habe ich ihn nicht letztens noch angefleht zu Hause zu bleiben und nicht in die Kneipe um die Ecke zu gehen?
Ich möchte gerne so viele Dinge rückgängig machen; doch es ist zu spät. Ich möchte ihm sagen, dass ich ihn liebe, weil ich es ihm viel zu selten gesagt habe. Ich möchte, dass kaltes Bier durch seine getrocknete Kehle fließt, auch wenn er danach sturzbetrunken ist; weil ich weiß, dass er ab und zu mal gerne so gefeiert hätte. Ich möchte ihn in die Arme nehmen und nie mehr los lassen, weil wir zusammengehören und nichts uns auseinanderbringen darf. Ich möchte nicht mehr leben, weil auch er nicht leben darf.
Langsam nähere ich mich ihm wieder. Ich küsse seine kalten Lippen die starr und unbeweglich nichts erwidern.
„Bis gleich, mein Schatz“, flüstere ich in sein Ohr, sehe ihn an und sehe ... nichts.
Ich drehe mich um, doch bevor ich das Zimmer verlasse schaue ich ihn noch einmal an. Sehe ich da ein Lächeln auf seinen Lippen?
Leise fällt die Tür in ihre Angeln und ich gehe zum Aufzug. Höflich murmele ich einen „schönen Tag“ an die anderen Patienten und Besucher gewandt, die teilweise antworten, mit dem Kopf nicken oder einfach nur bedrückt zu Boden blicken.
Im obersten Stockwerk steige ich aus, gehe durch den fast leeren Flur und nicke den zwei Schwestern zu, die gestresst mit ihren Essenswägelchen durch die Gänge fahren. Sie nehmen kaum Notiz von mir.
Ich stehe auf dem Balkon, schaue in den Himmel und warte auf den richtigen Moment. ‚Manche Menschen sind so verdammt stark’, denke ich und springe.

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Kommentare

Dos, Susanne schrieb am 2008-05-13 21:56:32:
Hallo.
Ich finde die Geschichte sehr gut geschrieben, nur beim Ende bin ich mir selbst noch nicht sicher, was ich davon halten soll.. Einerseits kann ich es sehr gut nachvollziehen, warum sie das getan hat, andererseits denke ich mir, sollte man nciht in einem solchen Moment gerade stark sein, auch wenn man es eigentlich nciht ist.. Und schafft man es dann nicht meistens auch, die Gefühle&Gedanken, die einen durchdringen, zu verbergen?.. Aber ansonsten gefällt sie mir.. Die Emotionen werden auch sehr gut rübergebracht:-(
Liebe Grüße

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