Wagen 013
von
Benjamin Reuter
Die Sekundenzeiger auf seine Armbanduhr rückten auf Mitternacht zu. Jochen
Kesten, auf dem Parkplatz an der Endhaltestelle der Linien 10, 18 und 19
stehend fröstelte. Gleich würde es soweit sein. Überall würden die zahllosen
Sylvesterpartys ihren Höhepunkt erreichen, den Jahreswechsel 2002 / 2003.
Er tat noch einen Zug an seiner Zigarette, genoß die beruhigende Wirkung des
Nikotins, bließ genüßlich den Rauch durch die Nase und schnippte sie in den
Rinnstein. Zischend verlosch die Glut in einer Wasserpfütze.
Jochen machte auf dem Absatz kehrt und schritt zu seinem Bus.
Als er gerade die Tür öffnete, in frohem Gedanken an die laufende
Standheizung
schien der Himmel zu explodieren.
Raketen stiegen auf, ritten auf ihren Flammenstrahlen hinauf, detonierten
mit dumpfen Schlägen in schillernde Funkenkaskaden in allen Farben.
Explosionen von Böllern zerissen die Stille, tausendfach, von überall her.
Wie im Krieg fand Jochen kopfschüttelnd.
Er verstand nicht, wieso die Leute für Böller ihr Geld so aus dem Fenster
warfen.
Jammerten doch viele über Geldknappheit und sogar Armut, aber jedes Jahr
Sylvester veranstalten sie ein Getöse wie an der Ostfront.
Ihn ärgerte es vor allem das er nicht bei seiner Freundin sein durfte, das
man ihn stattdessen zur Nachtschicht eingeteilt hatte, um am Sylvestermorgen
Bus zu fahren. Gerissen hatte sich von seinen Kollegen wahrlich niemand, und
so entschied das Los, oder die Zeit der Betriebszugehörigkeit.
Alle Neuen mußten die verhassten Schichten an Weihnachten oder Sylvester
übernehmen. Das eine Mal würde er es überleben, hatte der
Schichtdienstleiter noch zu ihm gesagt.
Jochen war erst im Sommer eingestellt worden, war über das Arbeitsamt an die
3 monatige Ausbildung zum Linienbusfahrer gekommen, ist anschließend
übernommen worden und hatte seitdem einen einigermaßen gut bezahlten
Vollzeitjob, obwohl er als gelernter Bürokaufmann eigentlich etwas anderes
vorgehabt hatte. Aber die Zeiten waren hart, und dann doch lieber Busfahrer
sein als wieder Arbeitslos.
Und doch hatte Jochen im Laufe der Zeit Freude an seiner Arbeit gefunden.
"Hier arbeiten 300 Pferde und ein Esel" stand es auf einem vergilbten
Aufkleber, der oben über seinem Kopf neben dem Funkgerät klebte. Wer ihn
dort hingepappt hatte konnte niemand mehr sagen, aber ein wenig Selbstironie
tut auch mal ganz gut.
Jochen mußte darüber grinsen, während er die Klapptür mit dem
Fahrkartendrucker und der Kasse darauf neben sich zuschlug, nachdem er auf
dem Fahrersitz Platz genommen hatte. Alle Feiern, und du Esel mußt Bus
fahren. Das war bittere Ironie.
Aber rund 20 andere Fahrer teilten sein schweres Los.
Er hob den Kopf, um auf dem oben über der Windschutzscheibe angeklebten
Zettel die richtige Codenummer für die Linienanzeige abzulesen, die er noch
einstellen mußte, damit seine jetzige Tour auch auf der Leuchtschriftmatrix
"N 19 Wohnstadt Waldau" hieß. Viele Fahrer hatten die Codenummern im Kopf,
aber Jochen hatte ees schon gereicht, alle Straßen und Haltestellen
auswendig zu lernen. Es war eine der längsten Touren, quer durch die ganze
City, und auch mit die anspruchvollste. Er mußte einst stundenlang
Stadtpläne büffeln, um zu wissen wo er bei welcher Linie abzubiegen hatte.
Gleich zu Beginn führte die Strecke durch ein Wohngebiet bergab mit engen
Straßen, wo man mit einem elf Tonnen schweren NEOPLAN Niederflurnormalbus
ganz schön zu kämpfen hatte, vor allem jetzt, wo wahrscheinlich die Leute
alle auf der Straße feierten.
Sein Blick fiel vom Merkblatt auf die schwarzen Ziffern daneben "Wagen Nr.
013"
Manch einer könnte jetzt abergläubisch sein, doch Jochen tat es mit einem
Grinsen ab. Einige der Fahrer mochten angeblich den 013´er nicht leiden.
"Der ist irgendwie verhext" hatte er es auch schon einmal in der
Betriebswerkstatt von einem Mechaniker aufgeschnappt.
Aber wen wundert es, wenn es in Flugzeugen keine Sitzreihe 13 gab, Hotels
selten ein Zimmer Nummer 13 hatten. Aberglaube ist eben alles, auch solch
Blödsinn wie das mit schwarzen Katzen.
Ich fahre jetzt den Bus Nummer 13, gleich kommt eine schwarze Katze von
Links und ich bin eben unter einer Leiter durchgekommen, nachdem ich einen
Spiegel zerbrochen habe. Was für ein Blödsinn. Jochen tippte den Code in die
Tastatur des Fahrkartendruckers, der auch eine Schnittstelle mit der
Bordelektrik hatte.
Er konnte das leise Rasseln der sich zu neuen Buchstaben zusammenfügenden
Matrix hören, dann drückte er auch schon den Anlasserknopf neben dem
Lenkrad.
Der Diesel sprang an, Jochen hörte das leise Rattern hinter sich, griff nach
hinten und justierte die Nackenstütze, eher er die Feststellbremse löste.
Das Gefälle zog den Bus nach unten zwischen geparkten Autos durch.
An Sylvester sollte man seine Karre eigentlich in der Garage haben, dachte
er, nach dem er sich über eine ausgebrannte Rakete erschrocken hatte, die
direkt vor ihm auf die Straße geklatscht war.
Das Teil war bestimmt noch heiß, und wenn es auf ein Autodach prallte
vertrug sich das bestimmt nicht mit dem Lack.
Immer wieder sah er tanzende, sich zuprostende Menschen auf der Straße,
Nachbarn, die sich ein frohes neues Jahr wünschten.
Auch ihm rief man diesen Gruß hinterher.
Bestimmt würde er es heute noch hundert mal zu hören bekommen.
Und eigentlich muß es ja dann auch klappen, wen es einem so viele Leute
sagten, oder nicht? Ein Böller explodierte unter dem Bus, einige Jugendliche
lachten und gröhlten.
Jochen hupte erschrocken .Der reinste Spießroutenlauf. Endlich erreichte er
die erste Haltestelle, sah jemanden dort stehen und bremste ab. "Prost
Neujahr!" kam es ihm auch schon entgegen, als der Fahrgast einstieg und nach
hinten durch ging, um sich auf der Heckbank nieder zu lassen.
Er wartete, bis sich der Mann gesetzt hatte und fuhr an.
Laute Musikfetzen drangen durch die Motorgeräusche , immer wieder sprangen
Leute zur Seite, wenn der Bus sich näherte, Jochen hatte immer den Fuß auf
der Bremse.
Und immer wieder "Prost Neujahr!"
Das Feuerspektakel am Himmel hatte nachgelassen, als Jochen den Bus endlich
aus dem Wohngebiet heraus hatte und nun auf der breit ausgebauten Straße in
Richtung Stadtzentrum fuhr. Der Bus war voll, und die Leute feierten.
Einmal hörte er sogar das Schnalzen eines Sektkorkens,
die Munition war verschossen, aber der Alkohol noch lange nicht.
Eben war ihnen auch schon der erste Rettungswagen entgegen gekommen.
An Sylvester ist Hochbetrieb in den Notaufnahmen der Krankenhäuser.
Abgesprengte oder verletzte Finger, Verbrennungen und Alkoholvergiftungen.
So sah Sylvester in der Klinik aus, dachte er sich.
Jemand kam nach vorn und bot Jochen einen Pappbecher mit Sekt an.
Doch selbstverständlich mußte er dankend ablehnen, der Fahrgast verstand es
auch auch und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. "Schon gut, Meister,
fahr du mal!"
In der Innenstadt war auf dem Königsplatz eine große Sylvester - Discoparty,
die vom Hessischen Rundfunk veranstaltet wurde.
Dorthin wollen wohl alle.
Jochen war auch froh darüber, die feucht fröhliche Partygesellschaft
loszuwerden, als sie schließlich allesamt am Königsplatz ausstiegen.
Laut plärrende Musik, tausende Menschen bevölkerten den Platz, die schweren
Reifen des Busses fuhren über leere Pappbecher und Flaschen.
Hier würde es später aussehen wie nach der Loveparade.
Niemand stieg hier ein, und das würde auch bei den nächsten Touren so sein.
Weiß der Himmel, wann sich das hier auflöst, aber wenn, dann würden die rund
zwanzig Busse, die heute im Einsatz, waren an die Grenzen ihres
Fassungsvermögens stoßen.
Aber Jochen hatte ja seinen festen Sitzplatz. Er lachte kurz bei dem
Gedanken daran, das sie sich nachher hier drin stapeln würden. Ob seine
Freundin auch hier irgendwo war? Sie feierte mit ein paar Leuten aus ihrer
Clique, und hundertprozentik würde sie hier zu finde sein. Sehnsüchtig
wanderte sein Blick über die Menschenmenge, doch nirgends sah er ihren
hellen Blondschopf.
Der Bus fuhr durch sich auflösende Menschenmengen, die jetzt außerhalb des
Stadtzentrums zurück in ihre Wohnungen gingen, weil es doch etwas kühl ist.
DerBus war wieder leer, und Jochen genoß die Ruhe.
Schon von weitem sah er, das die Haltestellen leer waren, und er fuhr auch
einfach daran vorbei. Er würde einen guten Vorsprung zum Fahrplan
herausfahren auf dieser Tour, und das würde auch für eine extra Zigarette an
der Endhaltestelle reichen. Die Tachonadel stand bei konstant fünfzig, und
kaum ein Auto war unterwegs. Die meisten Ampeln waren abgestellt und
blinkten gelb.
Trotz Sylvester wirkte die Stadt trostlos, nachdem die Leute wieder rein
gegangen waren. Kaum noch jemand war unterwegs.
Die Straße verlief jetzt in eine langezogene Kurve, Jochen drehte das
Lenkrad leicht nach rechts, um die Spur zu halten.
Doch plötzlich merkte er in der Lenkung einen starken Widerstand.
Das sich sonst butterweich drehen lassende Lenkrad lag ihm schwer entgegen,
ja ließ sich beinahe kaum noch bewegen, als wenn die Lenkstange blockiert
wäre.
Jochen wurde nervös, er zerrte an dem Lenkrad, doch es ließ sich mitlerweile
gar nicht mehr bewegen. War jetzt die Servolenkung ausgefallen?
Aber selbst wenn, dann sollte es sich dennoch bewegen lassen, oder?
Schnell nahm er den Fuß vom Gaspedal und griff zum Hörer des Funktelefons.
Er mußte jetzt anhalten, so konnte er auf keinen Fall weiterfahren. Die
Leitstelle mußte informiert werden, ein Ersatzwagen für ihn mußte raus und
auch ein Wagen vom Reparaturtrupp, der ständig in Bereitschft war. Jochen
sah eine günstige Stelle mitten zwischen den Straßenbahngleisen, wo er den
Bus abstellen konnte und ohne das er zu lenken brauchte. Hier konnte nichts
pasieren, es würde für den Verkehr gunügend Platz bleiben.
Der linke Fuß drückte die Bremse.
Drückte sie bis zum Boden durch.
Doch der Bus reagierte nicht.
"Scheiße" zischte er erschrocken, während es ihm siedendheiß über den Rücken
lief. Die Tachonadel stand noch immer auf 50 KmH.
Jochen trat so fest er konnte auf die Bremse, trat sie förmlich in den
Fußraum hinein.
Eigentlich müßte jetzt der Bus langsamer werden, im Leerlauf ausrollen, weil
beim Bremspedal treten die Antriebswelle automatisch auskuppelt.
Doch der Motor lief weiter auf niedrigem Gas, hielt das Tempo konstant.
Der Drehzahlmesser zitterte bei 2.000. Er sah sich gegen eine Hauswand
rasen, wie die Wand sich immer größer vor ihm aufbaute,
Seine Hand griff zur Motorbremse, doch auch der Hebel ließ sich nicht
bewegen.
Jochen bekam es mit der Angst zu tun. Unweigerlich mußte er an den Film
"Speed" denken. "Mit meinem Bus stimmt was nicht!" schrie er panisch in den
Sprechfunk.
"Wer meldet dort?" kam es schroff zurück
"Wagen 013! Die Lenkung und die Bremse gehen nicht mehr, ich kann nicht
lenken und nicht anhalten!" Seine Stimme überschlug sich. Verzeifelt ließ er
die Bremse springen und trat sie erneut durch.
"Bleiben sie ganz ruhig, wo ist ihr momentaner Standort?"
"Nähe Kreisel!" Jochen trat immer wieder auf die Bremse, ohne Erfolg.
"Die Motorbremse geht auch nicht?"
"Nein"
Jochen spürte, wie es hektisch in der Leitstelle wurde.
"Stellen sie den Motor ab, versuchen sie´s mit der Feststellbremse!" kam die
hektisch gewordene Stimme aus dem Lautsprecher.
Jochen versuchte den Ausschaltknopf rechts neben dem Lenkrad zu drücken,
doch so fest er auch drückte, es tat sich nichts. "Scheiße, Scheiße
Scheiße!". Seine Bewegungen wurden fahrig, hastig legte er den kleinen
Feststellbremshebel um, doch die Tachonadel schien ihn förmlich zu
verhöhnen. Nichts reagierte.
"Geht nicht, geht nicht geht nicht!" Jochen war der Verzweiflung nahe,
drücke immer wieder die Bremse, sah, das der Bus nun von der Straße abkam,
auf den Bürgersteig ud die Schaufensterfront eines Teppichladens zuhielt.
Gleich würde er in die Schaufensterfront rammen
Wütend zerrte er am Lenkrad, immer wieder trat er auf die Bremse, die
Schaufensterfront kam immer dichter. Das Lenkrad war wie angeschweißt,
Jochen traten die Adern auf der Stirn hervor, er biss die Zähne zusammen.
Nichts ging. Nun würde es gleich vorbei sein, er riß die Arme vor das
Gesicht, drehte dabei den Kopf von der Windschutzscheibe ab, bereitete sich
auf den unweigerlich folgenden Aufprall und die Schmerzen vor.
In kurzen Gedankenblitzen hörte er schon das Glas bersten.
Sekunden verannen zur Ewigkeit. Der Aufprall blieb aus.
Und dann hörte er den Motor plötzlich aufheulen, spürte eine Lenkbewegung.
Hastig riß er den rechten Fuß vom Gas weg, doch er wußte plötzlich auch, das
sein Fuß nicht darauf gestanden hatte.
Er nahm die Arme vom Gesicht, und sah, wie der Bus wieder auf der Straße
fuhr, Wie sich das Lenkrad von allein bewegte, sah vor sich unten das
Gaspdeal, das von unsichtbarer Hand nach unten gepresst wurde.
Das Getriebe schaltete hoch, das Motorgeräusch wurde lauter, wieder
schaltete es.
"Der fährt plötzlich von allein!" Jochen nahm die Hände vom Lenkrad, zog die
Füße zu sich heran. Er fühlte sich ausgeliefert. Was lief hier plötzlich ab?
Der Bus schien von außen Ferngesteuert zu sein, er war nicht mehr der Herr
über den NEOPLAN
N 4016 Niederflur Normalbus, den er vorhin vom Kollegen der Spätschicht
übernommen hatte. Da war er noch in Ordnung, doch jetzt...
"Der macht was er will!"
In der Leitung war es still geworden.
Irgendetwas hatte die Kontrolle übernommen, und der Bus beschleunigte noch
immer, er raste über den weiten Radius des Straßenkreisels, bog plötzlich
nach links ab und kam auf die Südtangente, die in Richtung Stadtautobahn
führte. Dort hätte Jochen auch abbiegen müssen, doch der Bus schien auch
ohne sein Zutun auszukommen. Hatte sich etwas verklemmt, drehte deswegen der
Motor jetzt auf?
Aber das Lenkrad, was war damit? Der Bus fuhr sauber auf seiner Spur, selbst
in Kurven schien er exakt den gleichen Abstand zur Bordsteinkante
einzuhalten. Für Jochen war das kein Zufall. Der bus führte ein plötzliches
Eigenleben.
Verzweifelt griff es noch einmal, doch er kam nicht gegen seinen Willen an.
Er drückte mit aller Kraft gegen, zerrte und riss, die Schweißperlen rannen
ihm über das Gesicht, versuchte das Rad festzuhalten, doch die andere Kraft
war stärker, bei jeder Drehung rutschte ihm das Hartgummi des Lenkrads heiß
durch seine zugepressten Fäuste.
"Wo fährt der Bus jetzt?" kam es plötzlich mit einer anderen Stimme.
Jochen kannte sie nicht. In der Leitstelle mußte jetzt helle Aufregung
herrschen.
"Auf der Stadtautobahn nach Süden! Verdammt, tut doch was!"
Jochen sah plötzlich Blaulicht, sah plötzlich, wie ihn zwei Streifenwagen
überholten und sich vor ihn steuerten.
"Die Polizei müßte jetzt bei ihnen sein!"
Jochen bestätigte. Doch das alles war für ihn nur noch ein Alptraum.
"Die Funkverbindung reißt ab!" kam es, von statischen Störgeräuschen
überlagert.
Im selben Moment klingelte auch schon Jochens Handy.
Hastig griff er nach hinten zu seinem Anorak, der über der Lehne des
Fahrersessels hing, angelte mit zitternden Fingern das Gerät aus der Tasche.
Er ließ es beinahe fallen wie eine heiße Kartoffel, sein Finger fand den
Knopf, mit letzter Anstrengung hielt er sich das Gerät ans Ohr.
"Ja" presste er hervor, völlig ausser Atem. Rebecca, seine Freundin? Wie
würde er ihr erklären, in welcher Lage er steckte? Doch sie wußte, das er
erst in 10 minuten an der Endhaltestelle war. Doch sie kannte seinen
heutigen Fahrplan auswendig, um ihn nicht während der Fahrt zu stören. Sie
wußte, wann er an einer Endhaltestelle war, und würde sich auch daran
halten.
"Kommissar Bachmann hier von der Polizei! Spreche ich mit Jochen Kesten?"
Jochen bestätigte. Ein Stein viel ihm vom Herzen.
"Passen sie auf! Versuchen sie hinten die Bodenklappe vor der Heckbank zu
öffnen und schneiden sie die Kabel durch, auch die Kraftstoffleitung, wenn
sie rankommen. Aber vor allem alle Kabel! Das reicht schon! Haben sie ein
Messer? Sie müssen den Bus zum Stehen bekommen! Wir können ihnen leider nur
den Weg freiräumen!"
Hurra, die Kavalerie ist da, schoss es ihm durch den Kopf, während er den
Dreikantschlüssel und sein Schweizer Messer aus der tasche zog.
"Habe ich!" antwortete Jochen.
Woher kannte Bachmann das? Warum war er selbst nicht schon auf diese Idee
gekommen? Aber die Leitstelle hatte bestimmt einen Mechaniker aus dem Bett
geklingelt, der Anweisungen weitergab. War er jetzt schon ein Fall für die
Polizei? Aber warum eigentlich nicht, auch wenn sich Jochen keinen Reim
darauf machen konnte, was selbst die Polizei gegen diesen Bus ausrichten
konnte.
"Was, wenn das nicht klappt?" fragte Jochen, während er nach hinten ging.
Es war verrückt, völlig verückt, der Fahrer geht nach hinten, während der
Bus herrenlos weiterfährt-
"Das wird klappen! Nun mach schon!" kam es schroff zurück.
Jochen bückte sich, während er von den hektischen Fahrbewegungen immer
wieder gegen die Bänke gedrückt wurde.
Mühsam steckte er den Spezialschlüssel auf eine der vier Schrauben, die die
Bodenplatte hielten. EIn paar Umdrehungen, und die Schraube war lose.
Er arbeitete schnell, der Alptraum mußte zu Ende gehen.
Nachher bin ich reif für den Psychiater.
Die Schrauben waren nun alle lose, und Jochen hebelte mit der Klinge des
Taschenmessers die Platte hoch, griff in den Spalt und zog sie nach hinten
weg.
Die Platte war schwer, unten war sie mit Alufolie und Schaumwolle isoliert
Hitze schlug ihn entgegen, lauter, ohrenbetäubender Krach.
Dieselgeruch hing in der Luft, warmes Schmierfett.
Und jetzt sah er den Motor unter sich, die vielen schwarzen und grauen
Kabel.
Hoffentlich bekomme ich keine gewischt.
Jochen schnitt das erste Kabel durch, es ging leicht durch die Isolierung,
aber der Draht war eine harte Nuss. Doch er schaffte es.
Er lauschte, ob sich unter ihm etwas tat, aber er konnte nichts feststellen.
Schnell griff er sich das nächste Kabel, packte sich dann gleich ein ganzes
Bündel, das er fassen konnte und schnitt sie durch.
Die Enden plumpsten wie geköpfte Schlangen zu Boden, doch der Motor lief
noch immer. "Ich weiß, wie ich dich kriege!" Jochen spürte eine panische
Verzweiflung, als er den dicken Kraftstoffschlauch fand, der aus der Pumpe
zum Verteiler lief.
"Ich habe dein Herz gefunden, sieh nur her was ich damit mache! Wer ist hier
der Boss?" Er packte den dicken Schlauch und zog die Schneide einmal
ruckartig darunter hindurch. Das Messer war relativ neu, und die Klinge
scharf.
Sofort spritzte ihm Diesel über die Hände und Arme, pumpte aus dem
abgeschnittenen Stück heraus wie aus einer Aterie.
"Jetzt hab ich Dich! Wer ist hier der Boss?"
Der Kraftstoff spritzte in den Motorraum hinunter und troff über die
Eingeweide des 290 PS MAN Dieselmotors hinunter auf die Straße.
Doch der Motor lief noch immer.
Da ist doch noch ein Rest im Motor, aber gleich... Jochen grinste.
Die Höllenfahrt würde gleich vorbei sein. Sie musste vorüber sein.
Doch Jochen ahnte nicht, wie sehr er sich täuschte.
"Sie verlieren Flüssigkeit! Haben sie es geschafft?" kam es aus dem Handy,
das die ganze Zeit neben ihm gelegen hatte.
Er stand auf und sah nun hinter dem Bus einen weiteren Streifenwagen.
Vor dem Streifenwagen auf der Straße dunke Flecken, wie eine Blutspur.
"Ich bin direkt hinter ihnen!" sagte Bachmann.
Noch immer lief der Motor.
"Ich hab den Kraftstoffschlauch einmal gekappt!"
"Prima, dann hat sich das gleich erledigt. Der kommt gleich keinen Meter
mehr weit!"
Jochen stand auf und schritt nach vorn.
Und dann sah er etwas vorn im Innenspiegel.
Eine Glatze mit ein paar schwarzen, lockigen Haaren darauf.
"Was zum..." Jochen rieb sich die Augen.
Doch die Gestalt am Steuer war noch immer da.
"Da sitzt einer am Steuer!"
Keine Antwort, nur ein Knistern in der Leitung.
Jochen ging mit schnellen Schritten nach vorn.
Und prallte entsetzt zurück.
Das Wesen am Steuer hatte kein Gesicht mehr.
Dort wo es war klafften zwei dunkle Augenhöhlen, unter der zu teigigen
Flatschen verbackenen Haut klaffte der blanke Schädelknochen.
Der Lippenlose Mund entblößte eine Reihe gelber, spitzer Zähne, die wie halb
umgestoßene Grabsteine aus dem Kiefer ragten.
Ein teuflisches Grinsen bleckte ihm entgegen.
Jochen stieß einen spitzen, hohen Schrei aus.
"Steigen sie aus! Nun machen sie schon!" kam es plötzlich aus dem Handy in
seinen völlig verwirrten Verstand geschossen.
Im selben Moment hörte er Schüsse, sah im Fenster einen Beamten mit seiner
Dienstpistole auf die Reifen des Busses schießen.
Ein Ruck ging durch das Gefährt, ohrenbetäubendes Schleifen von blankem
Metall auf Asphalt. "Raus da, schnell!"
Die Karosserie setzte auf, das Fahrzeug wurde nach links weg gerissen.
Der Bus wurde langsamer, kam schließlich zum Stehen.
Erst jetzt reagierte er, seine Füße dirigierten ihn der Vordertür, seine
Hände rissen den Tür Not -Hebel um, seine Schulter warf sich gegen die Tür,
die unter seinem Gewicht aufklappte. Er plumpste wie ein nasser Sack auf den
Asphalt, neben dem zum Stehen gekommenen Bus.
"Stehen sie auf, schnell hier herüber!" gellte die Stimme Bachmans.
Jochen rappelte sich auf und lief vorn über gebeugt auf den Streifenwagen
zu.
Während aus der richtung des Busses ein zischen zu vernehmen war, als
sich der zerschossene Reifen plötzlich wieder von selbst aufpumpte.
Der Motor heulte auf, und der besessene Linienbus setzte seine höllische
Fahrt in den Sylvestermorgen fort.
Jochen sah ihn noch an einer Kreuzung abbiegen.
Er hatte Straßenkarten auswendig lernen müßen.
Und er wußte nun auch, das der Bus zum Königsplatz wollte.
Dort wo auch seine Freundin war, wo sie alle waren.
Martinshörner und Blaulichter verfolgten den Bus.
Und Jochen begann zu beten...
Kommentare
Sarina schrieb am 2006-11-14 11:08:08:
Hammer Geschichte, wie übrigens alle deine Werke... Mir gefällt die Verknüpfung zu Nachtschwärmer äusserst gut & ich mag auch deinen Stil.
Aber sag mal, woher kommt eigentlich dein detailliertes Wissen über Züge/Busse? Würd mich echt interessieren...
Mach weiter so, ich hoffe auf neue Geschichten von dir...
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