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Kategorien > Fast wahr > Dramatisches

Waldmärchen

von Sidy

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Mein kleiner Bruder Inken hatte mich schon immer genervt. Seit er kurz nach der Trennung unserer Eltern auf die Welt gekommen war, fanden ihn alle viel lieber und viel süßer als mich. ER war derjenige, der bemitleidet wurde, er hätte es so schwer, mit nur einem Elternteil aufzuwachsen. Das ist lange her. 25 Jahre kämen gut hin. Wie alt mein Bruder heute wäre, vermeide ich auszurechnen. Schließlich starb er, als er fünf war, und das war alles nur meine Schuld.

An jenem anfangs noch sonnigen Herbsttag waren Inken, meine Mutter, die ich sehr liebte, und ich zu einem Spaziergang in den Wald aufgebrochen. Meine Mutter hatte eine schwere Krankheit, bei der sie stark zunahm, zumindest dachten wir damals noch, es sei eine Krankheit. Was eine Schwangerschaft war, hatte Mutter und zu diesem Zeitpunkt noch nicht erklärt, und von ihrem neuen freund wussten wir auch noch nichts. Jedenfalls geriet sie bei allen möglichen Anstrengungen schnell ins Schnaufen, und mein Bruder und ich mussten langsam laufen, damit sie mitkam. Aber auf einem Spaziergang ist das ja der Sinn der Sache. Wir waren noch nicht lange unterwegs, als wir an einem See im Wald ankamen. "Mami, dürfen wir unsere Füße im Wasser baden?", bat ich hoffnungsvoll, doch sie schüttelte den Kopf. Einige Wolken waren aufgezogen, ein leichter Wind wehte. "Viel zu kühl."
Eine Pause allerdings hielt sie für eine gute Idee, da ihr langsam die Puste ausging. Auf einer Bank in der Nähe ließ sie sich nieder, um uns im Auge behalten zu können. Inken und ich fingen an, aus Blättern, Ästen und Tannenzweigen kleine Häuser auf den Ameisenhügeln am See zu bauen. "Finn, nicht da hin, da können doch die Ameisen nicht mehr raus!" Sauer kickte Inken einen Tannenzapfen zur Seite, welchen er kurz zuvor selbst auf der Spitze des Ameisenhaufens plaziert hatte. Ich verkniff mir jeglichen Kommentar und suchte mir einen neuen Ameisenhaufen, den ich ganz allein gestalten wollte. "Finn", jubelte mein Bruder, "wir spielen <<Wer das schönere Haus baut>>! Mami entscheidet dann, wer gewonnen hat!"
Natürlich spielte ich mit, obgleich ich wusste, dass unsere Mutter wieder behaupten würde, beide Bauwerke seien gleich schön. Aber eigentlich würde meines einen Tick schöner werden... Eifrig suchte ich buntes Herbstlaub zusammen, die kleinen Beinchen meines Bruders trugen ihn fast ebenso schnell um den See, wenn er lief, um die schönsten Tannenzapfen vor mir aufzusammeln.
Inzwischen war unsere Mutter auf ihrer Bank eingeschlafen. Sie brauchte die Ruhe, sie sah erschöpft aus. Ich ließ sie also in Frieden und lief ein Stückchen weiter in den Wald, wo Inken garantiert noch nicht gewesen war. Offensichtlich entfernte ich mich etwas zu weit von unserem Spielplatz. Ob Inken um Hilfe gerufen hatte, als er in den See gestürzt war, weiß ich nicht, aber ich gehe davon aus, denn meine Mutter schrie wutentbrannt nach mir. Tatsächlich wurde ich nicht gerade freundlich empfangen, als ich erschrocken und gespannt, was wohl passiert war, am See durch das Gebüsch brach und meiner triefnassen Mutter gegenüberstand. "Finn, du bist neun Jahre alt! Kann man wirklich keine zehn Minuten seine Augen zumachen, ohne dass dein Bruder halb ersäuft?!Bist du wirklich dermaßen unfähig auf ein Kind aufzupassen?! Ich glaub das einfach nicht, was hast du dir nur dabei gedacht einfach abzuhauen?! Ich dachte, von dir kann man etwas mehr Vernunft erwarten! Ich gehe frische Kleidung für Inken und mich holen, und du, Finn, wirst dich nicht vom Fleck rühren und mit BEIDEN Augen fest an ihm kleben! Ich bin in zehn Minuten wieder da, in Ordnung?!" Sie gab mir noch eine schallende Ohrfeige und verschwand. Inken stand tropfnass da und grinste mich an, als ich wimmernd meine brennende Wange hielt. "Na warte, du..." Getreu dem Motto unserer Mutter - "eine kleine Ohrfeige hat noch keinem geschadet" - stürzte ich mich auf meinen kleinen Bruder und rächte mich für meine Schmerzen. Gnadenlos und blind dreschte ich auf ihn ein, ohne zu merken, wie wir langsam auf das Ende des Stegs zutaumelten, auf welchem wir standen, immer ineinander verhakt und am Rangeln. Als mein gepeinigter Bruder erneut ins Wasser fiel, stand ich nur da und starrte ihn an. Plötzlich spürte ich das Verlangen zu laufen. Zurück zum Ufer, hinein in den Wald, tiefer, immer tiefer hinein. Als ich nicht mehr konnte, glitt ich erschöpft an einer großen Tanne nieder. So eine hatten wir immer an Heiligabend gehabt, fiel mir ein. Dann brach ich in Tränen aus. Als man mich, Stunden später, zitternd und wimmernd im Wald fand, war mir nicht klar, dass diesmal niemand da gewesen war, der meinen Bruder aus dem Wasser gezogen hatte.

Dass meine Mutter ihr neues Kind später Inken nannte, verzieh ich ihr niemals.

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