Wandelnde Dunkelheit
von
nico15
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Wandelnde Schatten von Nico15
Die Nacht war dunkel und stürmisch. Alles in dem großen Haus war ruhig. Leise schlichen seine Füße über den Teppich. Er bemühte sich, kein Geräusch zu verursachen, denn er wollte niemanden wecken. Der Ast, der ständig gegen die Rollläden seines Fensters schlug, hatte ihn aus seinem wohligen Schlaf gerissen. Das ungewohnte Geräusch hatte ihm Angst gemacht. Er hasste es, in diesem großen Zimmer zu schlafen. Dort war er ganz allein und manchmal, nein, eher oft, hatte er das Gefühl, dort von irgendjemandem beobachtet zu werden. In seinem Kinderzimmer lebten Schatten, die so ganz sicher nicht dorthin gehörten. Diese Schatten waren auch der Grund, warum er es sich angewöhnt hatte, in dem anderen Kinderzimmer, bei seinem besten Freund zu schlafen. Dort fühlte er sich sicher, denn er wusste, dass der etwas ältere Junge niemals zulassen würde, dass ihm jemand etwas tat. Dann hatte es sein Vater jedoch verboten, hatte gemeint, dass es schwach sei, vor seinen Ängsten davon zu laufen und er solle sich nicht anstellen. Wieder einmal hatte der alte Mann ihm nicht richtig zu gehört. Natürlich wollte er nicht schwach sein, weswegen er nun auch wieder in seinem eigenen Bett schlief. Meistens jedenfalls. Oft war er jedoch wach und wartete ungeduldig auf den nächsten Morgen.
In dieser Nacht jedoch hatte er es nicht länger ausgehalten, Die Schatten, die in seinem Zimmer hausten, waren wieder näher gekommen. Dieses Mal hatten sie ihn sogar beinahe erreicht. Da war er aus dem Bett geflüchtet. Eigentlich wollte er wieder zu seinem Freund ins Bett kriechen, allerdings hatte der fest geschlafen. Der Ältere hatte schon immer einen sehr tiefen Schlaf, doch die Aura, die ihn umgab, brachte dem Jüngeren ein sicheres und geborgenes Gefühl. Nun musste er etwas anderes finden, einen Ort, an dem er sich noch sicherer fühlte, an den er sich jedoch nie wagte, weil dort auch der alte Mann schlief. Der war aber nun nicht da, wie schon so oft in der letzten Zeit, so dass er beruhigt dorthin gehen konnte.
Mittlerweile war er bei der großen Treppe angekommen. Mit großen Augen blickte er hinab. Diese Treppe war so groß für einen so kleinen Jungen wie ihn. Und im Dunkeln war sie noch bedrohlicher als sonst. Die Schatten waren schon da… Er schluckte, nahm dann aber allen Mut zusammen. Langsam, Schritt für Schritt, stieg er die Treppe hinab. Dabei musste er für jede Stufe beide Beine benutzen, denn er war noch zu klein, um an das Geländer zu gelangen. Er hatte sich schon oft deswegen beschwert, doch sein Vater hatte nur gelacht und gemeint, dass er noch wachsen würde. Er sollte sich gedulden. Er wollte sich jedoch nicht immer gedulden. Sein Freund war schließlich gerade mal ein Jahr älter als er selber, aber dennoch um einiges größer. Er war schon an das Geländer gelangt, als er so alt gewesen war wie der jüngere jetzt. Das war so unfair… er hatte sich schon oft deswegen aufgeregt, doch auch sein Freund hatte nur gelacht, hatte ihm das Haar zerwuselt und gemeint, dass er noch wachsen würde und dass im Notfall er ihm bei allem helfen würde. Aber der Jüngere wollte diese Hilfe gar nicht. Er wollte alles alleine schaffen, was ihm aufgrund seiner Größe aber nicht sehr oft gelang und was ihn sehr frustrierte.
Endlich kam er am Fuße der Treppe an. Erleichtert atmete er durch, bevor er sich daran machte, den langen unbeleuchteten Gang hinab zu gehen. Es kostete ihn viel Kraft, denn schließlich waren die Schatten hier allgegenwärtig. Endlich, nach schier einer Ewigkeit, kam er an seinem Ziel an. Langsam und mit klopfendem Herzen wanderten seine Augen die
Tür hinauf. Sie erschien ihm so riesig, ein unüberwindbares Hindernis. Daran hatte er nicht gedacht. Seine Unterlippe begann zu zittern, sein Mund wurde zum Schmollen. Wieder einmal war er zu klein, er reichte nicht bis zum Türgriff hinauf. Trotzdem versuchte er es. Seine Hände langten nach oben, es war nicht genug, so stellte er sich auf die Zehenspitzen. Immer noch zu klein… Das Zittern verstärkte sich, ging auf den ganzen Körper über. Er befand sich inmitten der Schatten, sie hatten ihn bis hierher verfolgt. Er spürte, wie sie nach ihm griffen mit ihren kalten, toten Fingern. Seine Hand wanderte, legte sich auf seine Brust, krallte sich in sein Pyjamaoberteil… es begann schon wieder zu schmerzen. Das war nicht gut… Gerade wollte er sich in der Ecke verstecken, sich so klein wie möglich machen, damit sie ihn nicht sahen, da fiel ihm etwas auf. Die Tür war einen Spaltbreit offen, ein Lichtstrahl fiel heraus. Den hatte er in seiner Panik völlig übersehen. Sofort stieß er die Tür ein Stück weiter auf und stahl sich in den Raum. Als hätte sie gewusst, dass er in der Nacht zu ihr kommen würde… Sofort verschwanden die Schatten, ohne ein Geräusch zu hinterlassen. Erleichtert seufzte er. Suchend blickten sich seine Augen um, weiteten sich schließlich erfreut. Sie war noch wach.
Die junge Frau, die in dem gemütlichen Sessel saß, war in ein Buch vertieft. Auf dem kleinen Tisch neben ihr brannte eine kleine Lampe und spendete dem Raum Licht. Außerdem brannte in dem großen Kamin ein Feuer, das leise hin und wieder knackte. Sie genoss die Ruhe, die sie umgab. Da spürte sie die Anwesenheit einer weiteren unruhigen Seele. Ein sanftes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie zur Seite blickte und zwei große Augen bemerkte, die über die Armlehne ihres Sessels zu ihr auflugten. Sofort legte sie ihr Buch beiseite, griff über die Lehne und hob das kleine Kind auf ihren Schoß. Zärtlich fuhr sie durch das geschmeidige Haar.
„Warum schläft mein kleiner Engel denn noch nicht?“
Ihr gerade mal vierjähriger Sohn schmiegte sich an sie.
„Ich kann nich schlafen, Mami.“
„Sind die Schatten wieder da?“
Der kleine Junge nickte, woraufhin seine Mutter seufzte. So sehr sie den Kleinen auch liebte, seine Geschichten von den Schatten, die angeblich in seinem Kinderzimmer hausten, wurden ihr allmählich zuviel.
„Du weißt doch, dass es diese Schatten nicht gibt, mein Schatz. Dass dein Zimmer in der Nacht so dunkel ist liegt daran, dass das Licht aus ist. Hilft dir denn dein Nachtlämpchen nicht?“
Die kleinen Hände krallten sich in ihren Morgenmantel.
„Nein, das is viel zu klein, die Schatten sind viel viel stärker! Die gibt’s wirklich!“
Ihre Bewegungen hielten inne als die großen Kinderaugen zu ihr aufsahen. In ihnen glänzten Tränen der Verzweiflung. Ganz gleich, wie lächerlich die Vorstellung von lebenden Schatten auch war, für dieses kleine Kind war sie mehr als nur real. Es musste schrecklich sein, jede Nacht in dem dunklen Raum zu schlafen und zu wissen, dass niemand einem glaubte. Ihr kleiner Sohn glaubte so sehr an die Existenz der Schatten in seinem Zimmer, dass er nicht mehr schlief. Anfangs hatte er sich sogar geweigert, das Zimmer überhaupt alleine zu betreten. Das hatte er zum Glück abgelegt. Beruhigend küsste sie seine
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