Wanderschuh Trauma
von
Stift
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Mein Wanderschuh Trauma
oder wie ich lernte damit um zu gehen
Alle nennen mich Stift, nur Stift. Man ruft mich so seit einer dösigen Verlegerparty, wo sich alle Gäste mit Ihren Spitznamen vorstellen mussten. Da ich bis dato noch keinen hatte, taufte mich die Bussi-Schickeria kurzerhand nach meinem Beruf. Long Dong traf es da, so gesehen, schon härter. Geboren wurde ich als kleines, dickes Baby nach der Mitte des letzten Jahrhunderts. Meine Eltern gaben mir sogar einen eigenen Namen und das, obwohl ich nicht unbedingt ein schönes-niedliches, offengestanden sogar grottenhässliches Baby war. Wäre ich damals – was ja bis heute noch unmöglich ist - meine Eltern gewesen hätte, ich mich unbemerkt und klammheimlich in der Wahner Heide ausgesetzt oder bestenfalls mich als „es“ bezeichnet. Unbestechliche alte schwarz-weiß Fotografien sind Zeugen aus dieser Zeit. An meinen richtigen Namen kann ich mich aber dennoch kaum noch erinnern, denn - wie im Rheinland allgemein üblich - wurde ich damals „ Jung, liebe Jung oder Du Sauballesch“ gerufen. Da beide Elternteile den ganzen Tag fleißig arbeiteten um die notwendige Kohle für ein kleines Siedlerbund-Häuschen zu verdienen, verbrachte ich viel Zeit bei meinen jeweiligen Großeltern. Sie riefen mich „Eh du, pass eh mal auf“ – und – „komm ens her“. Ich sehe in diesem Augenblick gerade vor meinem geistigen Auge unsere alte Dachwohnung wieder und nehme sogar den Geruch von Bohnerwachs wahr, mit dem der rot-gelbe Linoleumboden der Küche gebohnert wurde. In dieser Dachgeschoßwohnung herrschten das ganze Jahr über zwei Temperaturen: im Sommer viel zu heiß und im Winter sibirisch kalt. Meine Eltern waren damals sehr arm und ich glaube, wenn ich nicht ein kleiner Junge gewesen wäre, hätte ich wohl gar nichts zum Spielen gehabt.
Meine Großeltern wohnten am Rand einer kleinen Benediktinerabtei-Stadt. Sie liegt an den Gestaden zweier kleiner Flüsse, Agger und Sieg, und bildet den süd-östlichen Rand der Wahner Heide. Bei klarem Wetter kann man vom Michaelsberg aus, dem Sitz des Benediktiner-Ordens, am südlichen Rand des Horizontes das Siebengebirge mit Hollands höchstem Berg, dem Drachenfels, sehen und den Kölner Dom am nördlichen Horizont entdecken. Kein Wunder also, dass mich meine Großeltern bei allen sich bietenden Gelegenheiten mit hinaus in die Pampa zum spazieren gehen schleppten. So lernte ich von der Pike auf die Agger-,Sieg- u. Rheinauen , das Siebengebirge und den ehemaligen kaiserlichen Schieß- u. Übungsplatz, die Wahner Heide, kennen. Meine Großeltern spazierten für ihr Leben gern. Sie hatten echt Spaß daran, sangen dabei fröhlich Wanderlieder, lobten den blauen, den grauen, den regnerischen und den verschneiten Himmel. Ich hingegen mochte, für mein bis dahin recht kurzes Leben, die elend langen Wanderungen über Stock und Stein um so weniger. Mann, hatte ich schon früh einen Hals! Mindestens fünfmal die Woche wandern und singen oder aber singen und wandern.. Auf der Kirmes Karussell fahren, Schokoladeneis lecken und Lassi Nachmittags um vier Uhr im Fernseher schauen, das war damals so richtig toll, davon konnte ich wenigstens ganz stolz meinen Kumpels im Kindergarten was erzählen. Bei Wind und Wetter durch die Heide gejagt wurden wir hingegen allesamt. Ein kollektives Schicksal von uns Kleinstadtkindern der Noch-Nicht-Gameboy-Generation. Gelernt habe ich in dieser frühen Jugendzeit natürlich auch `ne Menge. Vor allem, dass es eine ganze Reihe verdammt unmusikalischer Waldviecher gibt. Egal ob Igel, Häschen, Elster oder Specht, alles was fliegen oder fliehen konnte machte sich vom Acker, sobald das atonale Trio oder Quintett Infernale auf den schlecht angelegten Waldwegen auftauchte. Riesige Stechmückenschwärme und Pferdebremsen hatten mit unserer Anwesenheit schon weniger Berührungsängste. Das alles wurde aber zur reinen Nebensache, denn am meisten stand ich während diesen ausgedehnten Spaziergängen mit meinen Kinderschuhen auf Kriegsfuß. Im Sommer ging`s natürlich mit Sandalen oder Sommerschühchen raus. Mal mit, mal ohne Strümpfe. Ich hasste die elenden kleinen , scharfen Steinchen zwischen meinen Zehen und unter den Fußsohlen wie die Pest. Bei mir sah es ungefähr so aus: fünf Doppelschritte meinen Großeltern hinterherlaufen, stop, linke Sandale ausschütteln, harmlosen Fluch loslassen. Drei bis vier Doppelschritte weiter hinterherdackeln, stop, rechte Sandale ausschütteln, noch mal einen kleinen harmlosen Fluch anhängen. Und so weiter und so fort. Warum?!? Na, weil ich kleiner Junge noch nicht die echten, kräftigen Flüche gelernt hatte. Bei den Wörtern: Stöckchen, Tannennadel oder Kiefernzapfen kommt mein Blutdruck und Kreislauf noch heute so richtig in Wallung. Das sich skuril fortbewegende Stillleben „ Oma /s und Opa/s mit Enkel auf der Wanderschaft “ mag für den stillen, aus der Ferne betrachtenden Beobachter durchaus einen hohen Unterhaltungswert besessen haben. Beide Omas hatten kurioser Weise ein recht ähnliches Gangbild. Sie schaukelten wie betagte Hochseebojen bei starkem Seegang mit jedem Schritt hin und her. Bei den oft gemeinsam unternommenen Ausflügen hatte ich stets Sorge, dass meine beiden Omas mal aus ihrem sehr bewegten Gleichtakt gerieten. So lang die beiden Schnatterbojen sich auf ebenem Terrain befanden war es ja echt lustig an zu schauen. Ich lief gerne mit ein wenig Sicherheitsabstand hinter ihnen her und stellte mir dabei zwei Kirchenglocken im gleichen Rhythmus läutend, umgekehrt baumelnd, vor und sang dazu im Takt „ bim – bam – bim – bam – bim –bam – bim - bam“. Ich breche jetzt mal mit dem Gebimmel ab, ich kann sonst mein eigenes schreiben nicht mehr hören (bitte stellen sie sich einfach noch rund fünf Minuten meine beiden Omas vor und singen dabei ganz leise“ bim – bam – bim – bam -…….).
!!! NICHT SCHUMMELN !!!, das waren noch keine fünf Minuten!. Beginnen Sie deshalb wieder von vorn, die Zeit läuft jetzt. --------------------- so, das reicht. Und weiter lesen.
Aber wehe es lagen einmal Wurzeln oder Äste auf dem Wanderweg herum , dann wurde es gefährlich. Immer, wenn sich die imaginären Bojenspitzen oder Glockenränder bedrohlich nahe kamen, befürchtete ich jeden Moment ein lautes Scheppern und „Schluss mit Omas“. Eigenartiger Weise ist es aber nie dazu gekommen. Gut so, denn ich mochte meine Omas sehr. Nebenbei bemerkt: Das Gangbild war in der Stadt nicht anders oder etwa besser. Ihrer beiden Schuhwerk sah recht klobig aus, beige oder braunfarbig und besaß einen dicken, dreiviertelrunden Absatz. Beide Großmütter klagten stets über ihre schmerzhaften Hühneraugen. Aber alle älteren Frauen klagten damals darüber. Da ich noch nicht wusste, dass betagte Oma - Frauen durch Hühneraugen nicht noch zusätzlich mehr sehen konnten, glaubte ich noch bis ins dritte Schuljahr hinein, ältere Frauen ohne Hühneraugen seien per se halb-blind.
Mit meinen beiden Opas verhielt es sich dagegen anders. Ihre Siluhetten ähnelten, von Weitem betrachtet, etwas an Dick und
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