Was für ein Tag
von
Sven forever
Es war wieder so ein Tag den man am liebsten aus seinem Kalender streichen
würde. Bereits als mich gestern Morgen der Wecker aus dem Schlaf riss,
knallte ich mit meinem Kopf an den Schrank über meinem Bett, worin besagter
Wecker ununterbrochen dröhnte. Eigentlich wollte ich noch gar nicht
aufstehen. Ich drehte mich um und schlief weiter. Als ich gerade anfing zu
träumen, hörte ich entfernt ein Handy klingeln. Es hatte den selben
Klingelton wie meines. Sollte sein, denn es war mein Handy. Ich versuchte es
zu orten, irgendwie wollte das nicht funktionieren. Als ich es nach einer
halben Minute fand, war es still. Auf dem Display las ich erschrocken die
Uhrzeit. Vor genau einer Stunde begann ein wichtiges Meeting. Der Name,
welcher darunter aufblinkte, war der meines Chefs. Der erste Gedanke: "Der
Tag fängt ja gut an!" Hektisch warf ich mir meine Klamotten über und raste
am Bad vorbei in Richtung Haustür. Ein kurzer Blick in den Flurspiegel
verriet mir, das mit diesem Aussehen der Tag auch nicht wesentlich besser
werden würde. Ich legte einen regelrechten Sprint hin zur Tiefgarage, wo
mein schwarz metallic A6 oder sollte ich besser sagen grau melierter Audi
parkte. Mit der Fernbedienung wollte ich den Wagen öffnen, aber ich hielt
nicht die Fernbedienung für den Wagen in der Hand. In der Eile hatte ich mir
den falschen Schlüsselbund geschnappt. Ich musste noch mal zurück in die
Wohnung. Das kostete mich weitere vier Minuten ehe ich endlich auf der
Straße fuhr bzw. an der roten Ampel stand. Endlich grün, endlich! Ich musste
mich beeilen, so achtete ich nicht auf Dinge rechts von der Straße. Ich sah
nur geradeaus und wollte fahren, als ich plötzlich von einem kurz
aufblitzenden grellen Licht geblendet wurde. Das nächste Blitzen was ich
vernahm, war das Blenden des Uhrenglases am Arm meines Chefs, als ich in der
Firma ankam und er mir dieses vor die Nase hielt. Mein Chef war eher ein
friedliebender Mensch, nur gestern nicht. Gestern ganz und gar nicht. Ich
versuchte mich vorbeizumogeln und öffnete die Tür zum Raum, wo das Meeting
stattfinden sollte, bzw. stattgefunden hat. So ging ich zu meinem Büro, an
dessen Tür ein großes Schild hing: "Zu spät!" Ich war eingekesselt. Vor mir
das Schild, hinter mir platzierte sich mein Chef, der mir den Zettel noch
einmal vorlas. Als ob ich nicht lesen könnte und als ob ich nicht wüsste,
das ich mich verspätet hatte. Zum Glück ging die Tür auf und ich konnte
allein hineingehen. Auf meinem Schreibtisch lag wieder ein Zettel "Zu spät".
Ich wollte gerade anfangen, mich darüber aufzuregen, da las ich weiter. "Zu
spät ist es nie für einen Neuanfang. Planen Sie mit uns - JobKonzept." Ich
wurde den ganzen Tag das Gefühl nicht los, das auch diese Werbebroschüre ein
"Wink mit dem Zaunpfahl" war. Nur, ich suche mir keinen neuen Job. Nicht
wegen dem morgen. Dann ging es langsam auf fünf zu und ich konnte von fern
bereits die Feierabendglocken läuten hören. Diese Glocken haben einen
wunderbaren Klang. Eigentlich mag ich keine Glockenspiele, mit Ausnahme
dieser "Kurz vor fünf -Glocken". Sollte ich mich verhört haben? Denn in
meinem E-Mail Programm waren plötzlich innerhalb weniger Sekunden 13 neue
Nachrichten eingegangen. Und als ich sie kurz überflog, schien eine
wichtiger als die andere zu sein. So war es dann auch und ich verlies um
kurz vor 21:30 die Firma. Kein Mensch war mehr hier, auch bei allen
umliegenden Bürogebäuden leuchteten keinerlei Lichter mehr. Alles war
dunkel, das einzige Licht warfen die wenigen Straßenlaternen auf den Boden.
Ich trottete zu meinem Audi, mein Magen knurrte, mein Schädel brummte
irgendwie noch von dem heftigen Stoß am Morgen, meine Wut kochte. Über
meinen Chef, über meine wichtigen E-Mails und über mich selbst. Ich knallte
die Wagentür zu, drehte ärgerlich den Zündschlüssel um verwechselte den
Rückwärts- mit dem Vorwärtsgang. Das Ergebnis waren kaputte Scheinwerfer,
eine eingedrückte Stoßstange und zwei schräge Betonpfeiler. Die Frage
"Warum?" sparte ich mir, denn die hatte ich mir gestern schon so oft
gestellt. Ich legte den richtigen Gang ein und fuhr mein Stammlokal an. An
der Tür hing ein kleines hässliches Schildchen mit den lieben Worten "Zu
spät - für heute haben wir bereits geschlossen." Ich hätte dieses Schild mit
meiner Faust durchschlagen können, aber da meine Hausratversicherung keine
fremden von mir zerbrochenen Türen bezahlen würde, verzichtete ich auf
Gewalt. So fuhr ich nach Hause und plünderte den Kühlschrank. Zwei Scheiben
Graubrot und etwas Schmierkäse. Wow, was für ein Essen. Das erste und
Einzige am heutigen Tag. Ich schaltete den Fernseher ein, um mich noch etwas
abzulenken. Ich zappte die dreißig Programme rauf und runter - nur Müll. Ich
griff zur Fernbedienung und als ich sie wieder weglegen wollte, hatte ich
noch ein halbes Brot mit Schmierkäse und ein halbes mit Fernbedienung auf
dem Teller. Ich ging ins Bad, lies mir eine Fuhre kaltes Wasser über den
Körper laufen, zog mein Schlafzeug über und auf dem Weg ins Bett rutschte
ich auf der Fernsehzeitung aus, die irgendwie von der Kommode
heruntergefallen sein musste. Jetzt lag ich da. Quer auf dem Boden und
wusste nun nicht mehr, ob ich schreien oder heulen sollte. Heulen schien mir
angebrachter, schließlich war ich ziemlich unglücklich gefallen und schlug
mit meinem Kopf gegen die Kommode. So lief ich deprimiert zurück in die
Küche und suchte nach Kopfschmerztabletten. Ein Wunder - es war noch eine
komplette Packung in der Schublade. Ich nahm direkt drei, danach setzte ich
mich auf die Couch anstatt ins Bett zu gehen. Also verbrachte ich einen Teil
der Nacht dort bis ich plötzlich aufwachte. Drei Tabletten auf fast leeren
Magen waren zwei zu viel. Mir war so übel, das ich es kaum zum Klo schaffte.
So verbrachte ich einen weiteren Teil der Nacht direkt vor der Schüssel und
den Rest dann auf dem Küchentisch nachdem ich mir eine Tablette gegen Grippe
gegessen hatte. Ich war so was von alle und genau mit dem Gefühl startete
der heutige Tag. Zum Glück war noch Zeit für Kaffee. Zwei Becher starken
Kaffee und ich würde es aushalten. Heute Morgen nahm ich mir auch den
richtigen Schlüsselbund mit, leider war der Wagen nicht mehr ganz derselbe.
Die Ampel schaltete direkt auf grün, als ich mich ihr näherte, dabei musste
ich mich gar nicht so beeilen. Heute würde ich mindestens zwanzig Minuten zu
früh sein. Ich hielt mich an die Geschwindigkeitsbegrenzungen, ich fuhr mit
einem großen Abstand zu den Betonpfeilern in die Parklücke auf dem
Firmengelände. Mein Chef war heute nicht da und als ich Outlook Express
öffnete, erschien links unten im Feld der kleine Satz "Keine neuen
Nachrichten". Ich hörte von einer auf die andere Sekunde so ein komisches
fiepen. Es wurde immer lauter und höher, dann sah ich an meiner Wand
plötzlich kleine Sterne aufleuchten, dann wurde es ganz hell und dann war
ich weg.
"Hallo!" "Hallo!" rief mir immer wieder jemand zu. Immer wieder und wieder.
Ich wollte es nicht mehr hören. Ich suchte nach dem Knopf um die Stimme
auszuschalten. Aber den Knopf gab es nicht. Dann hörte ich eine tiefe Stimme
meinen Namen rufen. Ich öffnete meine Augen und sah den Mann im weißen
Kittel sich über mich beugen. Sie haben uns aber eine schöne
Schauergeschichte erzählt. Ich begriff erst nicht, was er damit meinte. Gut,
das er mir es noch mal schilderte. "Sie haben geschlafen und im Schlaf
phantasiert. Sie haben im Schlaf geredet wie ein Wasserfall. Können Sie sich
gar nicht mehr erinnern? Das verpasste Meeting etc." "Was für ein Meeting?"
wollte ich fragen, da viel es mir wieder ein. Ich hatte ein wichtiges
Meeting und das letzte was ich sah, war ein Scheinwerfer, welcher von der
Zimmerdecke direkt auf mich zu viel. "Was für ein Tag."
Kommentare
moritz@countingcrows.de schrieb:
ähm... mir fehlen grad die worte. geil! nein echt, ich finde die geschichte wirklich wirklich gut. am anfang mit hast du die schnelllebigkeit so gut rüber gebracht, dass ich selbst meine autoschlüssel suchen wollte und überlegt hab ob ich heute nicht noch ein meeting habe. ein tag den wohl jeder kennt, aber man freut sich immer wieder wenn sowas nur ein traum war. und genau das klappt in deiner geschichte hervorragend. zum schluss war ich eins mit deiner protagonistin und war echt erleichtert festzustellen, dass alles nur ein traum war.
mach weiter so! echt exzellent, begeb mich demnächst an die anderen geschichten von dir. wenn die alle so gut sind, wie diese, wird das ein interessanter abend.
bis dann
gruß
moritz
p.s.: "... Es hatte den selben
Klingelton wie meines. Sollte sein, denn es war mein Handy.... "
-> das einzige was mich ein wenig zweifeln hat lassen. die ausdrucksweise 'sollte sein'. müsste da nicht 'so sollte es auch sein' oder vergleichbares stehen? ich mein man versteht sicherlich was du meinst... naja, sowas geht glaub ich auch als künstlerische freiheit durch. das macht die geschichte auf jeden fall nicht schlechter.
major-von-tellheim@web.de schrieb:
kann mich nur anschließen. nich schlecht. respekt! hat mir gut gefallen und ich find, wenn man schon sowas tolles schreibt, hat man auch das recht es zu erfahren! also: weiter so!
pi.pichler@edumail.at schrieb:
Das ist eine voll gute Geschichte!!!
Ich könnte so was gar nicht schreiben
bin zu Blöd dafür!!!
Voll gute Geschichte!!!
izabella_nagy@freenet.de schrieb:
Das Tempo war toll (ich glaub, ich hab' noch nie so schnell gelesen)! I like it (bin grade in Amerika)!
Was mir nicht so gut gefallen hat...
Titel "Was fuer ein Tag", und spaeter schreibst du ueber den naechsten Tag... Ich musste durchatmen, um weiterzulesen (denn das Tempo war ein wenig verrloschen)...
Wie auch immer... Mir gefaellt die Geschichte sehr gut, hat einen guten Humor (heutzutage liest man sowas gerne). Good job!
Izi
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