Was ist mit Matilda
von
Eve
7.30 Uhr, wie immer klingelt der Wecker und reißt mich aus den Träumen. Automatisch stehe ich auf und gehe ins Bad, nach einer halben Stunde bekommt auch endlich das Wohnzimmer seinen Besuch abgestattet. Wasser angesetzt, 3 Löffel Kakao in die Tasse, genau 3, ein Schluck Milch.
Mit der heißen Tasse auf dem Weg zur Cousch, schnell zur Fernbedienung gegriffen, wird das morgendliche sinnlose Fernsehprogramm eingeschaltet. Um wach zu werden, richte ich meinen Blick direkt auf den Bildschirm und lasse die vielen Bilder an mir vorbei ziehen. Langsam entpuppt sich mein Körper zu den täglich geforderten Ansprüchen und meine Augen sind weit geöffnet.
Wie im Wahn versuche ich mal wieder, das richtige Outfit für den Tag zu finden. Schwarze Hose, blauer Rolli oder vielleicht doch lieber Jeans und grauer Pulli, das erstere sagte mir dann nach langer Überlegung doch zu und in der Windeseile zog ich mich an.
20 Minuten nach 8. Uhr, jetzt wird es aber Zeit, schnell den Beutel mit den frisch gewaschenen Arbeitssachen gepackt und der Rucksack voller täglicher Gebrauchsgegenstände, nun endlich alles zusammen und aus dem Haus gestürmt. Zweimal dreht sich der Schlüssel im Schloss. Es ist so ein schöner Tag, die Sonne scheint und nicht eine einzige Wolke am Himmel. 7 Minuten noch bis zu Bahnhof, in schnellen Schritten gehe ich meinen Weg. An den 2.Telefonzellen vorbei, am Bäcker an der Ecke und am Rathaus, jetzt noch die Ampel und ich bin da. Auf dem Bahnhof haben sich wieder Menschenmassen gebildet, ich gehe an ihnen vorbei zu meiner Bank, die 2. von vorn. Stelle meinen Beutel ab und schaue starr auf das immer wechselnde Plakat. Plötzlich spricht mich eine völlig verstörte Frau an, sie sagt: sie muss unbedingt wegfahren, Rom, Paris oder nur in die U-Bahn bis zur Endstation. Ich sollte ihr doch unbedingt helfen. Sofort ziehe ich mich in meine graue Schale zurück, werfe den Blick nach unten und gebe ihr keine Antwort. Sie mag Anfang 30 sein, lange zerzauste schwarze Haare, ausdruckslose Augen und leicht verdrehte Kleidung. Das Kleid schief auf dem Boden, Turnschuh völlig abgelaufen und von Löchern geziert, über dies allem eine Wattejacke. Sie wechselte zu den nebenstehenden Menschen von mir und sagte wieder das gleiche: ?Ich muss wegfahren, Rom, Paris oder nur mit der U-Bahn bis zur Endstation?. Dieser Mann reagierte völlig abgenervt und sagte: ?Sie solle ihn in Ruhe lassen und weggehen, sich allein um ihren Dreck scheren?. Ich wendete meinen Blick vom Boden ab. Ihr kamen die Tränen und sie wurde allmählich hysterisch, so schritt sie von einer Person zur nächsten. Als sie anfing zu schreien und am Aufseherhaus vorbei gehen wollte, rannten ihr 3 Männer hinterher und riefen ihr irgendwelche obzönen Wörter zu.
Jetzt war sie aus meinen Blickfeld, die Massen auf dem Bahnhof stellen sich alle in Sichtweite des Geschehens. Ich unterdessen blieb stehen und ließ mir die Szenen noch mal durch den Kopf gehen. Am Ende des Bahnhofs rief ein Mann mit vollendet lauter Stimme den Namen ?Matilda? und rannte los. Ich weiß nicht ob sie zusammen gehörten, doch es kam mir vor wie in einem Bühnenstück, in all den Jahren, wo ich hier von diesem Bahnhof abfahre, ist nichts passiert und nun auf einmal dies. Im gleichen Gedankenmoment traf die Bahn ein, einen Moment leer bis die Leute, die das Geschehen genau betrachteten, herein schritten. Das Gesprächsthema war klar, völlig fremde Menschen sprachen sich an, um ihre Ansichten des Vorfalls zu äußern.
Ich nahm meinen Walkman heraus und schaltete ihn ein, um meinen eigenen Gedanken
freien Lauf zu lassen. Was war mit der Frau, die den Namen Matilda wahrscheinlich trug, warum wollte sie unbedingt weg, was geschah, das ihre Kleidung so aussah, was ist hier vorgefallen, meine Gedanken spekulierten und es verfolgte mich den ganzen Tag. Hätte ich ihr helfen können, helfen sollen, jetzt am Abend, wo ich in meiner Bar sitze und mir den Kummer des Tages herunter spüle, kommt der Zeitungsausträger an meinen Tisch.
Nie habe ich mir sonst eine Zeitung geholt, doch wie aus einer Vorahnung heraus, kaufte ich mir eine. Auf der 4. Seite war ein Bild von ihr abgebildet, nur eine kleine Anzeige, aber die Überschrift sagte alles aus.
Frau stürzte sich aus Verzweiflung vor die U-Bahn ?Matilda, 32 Jahre verlor ihr Kind und dann sich selbst?.
Kommentare
abansleben@online.de schrieb am 2009-04-26 20:48:35:
eine sehr trauriger Tatsachenbericht, sehr gut und spannend geschildert,
polo6n16v@msn.com schrieb:
nicht schlecht
TobiasLeube@web.de schrieb:
Krass... Aber sehr gute Geschichte!!
fossilblumen24@yahoo.de schrieb:
Hmm...schön und traurig!Ich kenne auch einige denen das passiert ist, aufjedenfall gut geschrieben!
Liebe Grüße!
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