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Kategorien > Fantasy > Emotionen

Wasserherz 1

von Lucia

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Der Anfang der Fortsetzung von Mittsommer. Für besseres Verständnis bitte meine Kurzgeschichte Mittsommer zuerst lesen. :)

Airu konnte sehen, dass sich Melas nach dem Fest liebend gern in die Wälder verzogen hatte. Um zu warten, bis alles wieder normal war.
Doch noch kehrte keine Ruhe ein. Nach der durchgefeierten Nacht und den Aufregungen über einen neuen Erfüllten brauchten die Menschen einen Beweis, dass die Kraft wirklich übergewechselt hatte.
Nicht einmal Airu selbst war sich da so sicher, denn sie fühlte ihre ewige Jugend wie ein eigenes, unverzichtbares Körperteil. Dagegen sagte ihr alles, dass Melas der neue Erfüllte war: die goldenen Augen, auch das schöne schwarze Haar färbte sich bereits grau, würde im Laufe der Zeit weiß werden. Unverkennbar. Der erste männliche Erfüllte seit ... der erste überhaupt, soweit Airu in der Geschichte zurückdachte. Und der erste, der kein Wort sprechen würde.
Alles deutete auf ein Missverständnis hin, da musste doch ein Fehler unterlaufen sein! Jede Faser Airus schrie in stummer Verzweiflung – Melas konnte, er durfte nicht der nächste Erfüllte sein! Die Götter hatten sich niemandem, nicht einmal ihr, mitgeteilt, niemanden darauf vorbereitet, und jetzt standen sie da – ratlos und unschlüssig, ängstlich, das ganze Desaster mit einer Geste noch schlimmer zu machen. Was war zu tun? Mutter Erde, was können wir tun?
Offensichtlich brauchte das Dorf die Lebensenergie von Bäumen und Wasser. Melas, der Erfüllte, sollte tanzen und sie den Menschen bringen. Seine Aufgabe. Routine.
Die Erfüllte war die Einzige, die den Bewohnern ihres Dorfes die Lebensenergie überbringen konnte, indem sie tanzte und so aus den weisen, alten Bäumen und dem fließenden Wasser der Quelle die Kraft hunderter Jahre empfing. Nur als Gefäß diente sie, und gab dann die ewige Jugend an jeden einzelnen im Dorf weiter. Einige Jahrhunderte konnten sie so leben, ohne von Altersschwäche gebeugt zu werden. Die Erfüllte bekam dafür beinahe ewiges Leben, bis es eine Nachfolgerin gab, goldene Augen und weißes Haar waren ihre Merkmale. Airu war allerdings aufgefallen, dass ihre Augen nach der Übergabe violett geworden waren – hatten sie denn Melas’ Farbe übernommen oder ihre ursprüngliche zurückerhalten? Darauf konnte sie sich vorerst keinen Reim machen, doch gab es jetzt Wichtigeres zu tun.
Die Leute wollten das Geschenk der Lebenskraft, einen Beweis, dass wirklich Melas der neue Überbringer war. Doch hier lag das Problem – wie sollte er wissen, wie er sich bewegen, was er fühlen musste? Beim Tanz mit den Elementen war die Erfüllte immer allein! Er hatte sie nie gesehen, nie gelernt, wie man sich mit der Natur verbunden fühlen, wie man selbst ein Teil seiner Umgebung werden musste und sich der alles durchströmenden Energie öffnete. Airu hatte seinerzeit schnell gelernt, doch auch sie hatte den Tanz nicht an einem einzigen Tag gemeistert! Sie hatte Erzählungen und Gerüchte von Erfüllten gehört, die nur einen falschen Schritt taten und für immer eins mit den Bäumen, der Erde wurden oder – schlimmer noch – von ihr feindselig zurückgestoßen wurden. Es war entschieden zu früh für Melas! Zu gefährlich!
Am liebsten hätte sie sich fallen lassen und um ihren geliebten, stillen Gefährten geweint, sich ihrem Kummer hingegeben und die Welt vergessen. Verdammt sollten sie sein, die Menschen, die nach Unsterblichkeit gierten, und die ach so liebenden Götter, die sich nicht einmal um das Schicksal ihrer Auserwählten Kinder kümmerten!
Im nächsten Augenblick schrak sie zusammen und schalt sich für ihre lästerlichen Gedanken. Erst einmal musste etwas getan werden, um die Leute zu beruhigen, danach konnten sie sich immer noch selbst etwas überlegen, um die Dinge zu ändern.
Auf der Suche nach einem ruhigen Ort war sie tief in den Wald eingedrungen. Vielleicht lag es auch daran, dass ihre Gabe, die Präsenz der Menschen zu spüren, nachgelassen hatte. Langsam aber sicher schienen ihre Fähigkeiten als Erfüllte sich ihr zu entziehen. Die Fähigkeiten, die ihr ganzes Leben lang, hunderte von Jahren, ein selbstverständlicher Teil von Airu gewesen waren! Plötzlich fühlte sie sich verletzlich, nicht mehr Herr der Lage, und versuchte ängstlich, sich zu schützen. Sie war nicht mehr sicher – sie war genauso wie alle anderen Menschen um sie herum. Das machte ihr Angst. Obwohl sie versuchte, damit klarzukommen, hatte sie rasende, panische Angst.
Als sie sich jetzt so leise wie möglich wieder Richtung Dorf zurückbewegte, wurde sie von Melas überrascht. Plötzlich trat er hinter einem dicken Baumstamm hervor. Airu zuckte mit einem Schreckenslaut zusammen, fuhr zurück und stolperte. Jedoch konnte sie sich abstützen und fiel nicht der Länge nach zu Boden.
Stumm, wie immer, trat Melas an ihre Seite. Seine Gegenwart war stets von einer so allmächtigen Stille und Ruhe erfüllt, dass man automatisch weniger sprach, nur das Nötigste sagte. Sinnloses Geplänkel war überflüssig.
Sein Blick drückte Verzeihen aus, als er ihr wieder aufhalf, dann hob sich fragend eine Augenbraue. Es war so leicht, in seinen Augen zu lesen – als würden sie die fehlende Stimme ersetzen. Auch wenn sie jetzt golden waren.
„Meine Fähigkeiten verlassen mich. Jetzt spürst du alle anderen um dich herum, du bist es, der allen einen Schritt voraus ist“, sinnierte sie und dachte mit Schmerz daran, wie sie das alles so selbstverständlich besessen hatte. Niemals hatte sie den Göttern für das gedankt, was sie war.
Es war keine Frage gewesen, doch Melas nickte nachdenklich. Dann musterte er sie. Starrte ihr mit prüfendem Blick ins Gesicht und verzog die Lippen. Eine typische Geste, wenn er sich bei etwas Mühe gab. Verwundert erwiderte sie seinen Blick.
Am Rande erkannte sie, dass sein Haar weiter ausgebleicht war: ein staubiges Hellgrau. Schwacher Protest kam auf, schwarz hatte ihm so viel besser gestanden, doch das reine Gold seiner Augen hielt sie gefangen, schien sie in seine Mitte aufzunehmen. Es spiegelte ihr Gesicht wieder wie echtes Metall.
Plötzlich war etwas in ihrem Kopf, und sie wusste, dass es Melas war. Wie kam er denn da hinein? Sie fühlte seine Gegenwart mitten in ihrem Allerheiligsten, zwischen ihren Gedanken, und hatte keinen Schimmer von der Hintertür, die er benutzt hatte!
„Was tust du da?“, rief sie laut und außer sich.
Er prallte zurück. Taumelnd entfernte er sich einige Schritte, der Kontakt brach ab und der Bann war gebrochen.
Gleich darauf schämte sich Airu für ihre Reaktion. Sie fuhr ihn aufgebracht an, obwohl er nichts getan, nicht einmal ihre Gedanken erspürt hatte. Er war ja nur da gewesen, still und unbewegt.
„Es tut mir leid“, sagte sie leise. Sie hatte maßlos überreagiert. Warme Röte färbte ihre Wangen, und sie fuhr verlegen mit den Händen darüber.
Melas hatte sich wieder aufgerichtet und sandte ihr Verständnis.
Allerdings – woher hatte er diese Fähigkeit? Sie konnte sich nicht erinnern, jemals so tief in das Bewusstsein anderer eingedrungen zu sein. Hätte sie es gekonnt, dann

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