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Kategorien > Wahre Geschichten > Alltag

Wege zur Musik

von frank leroy

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In Buenos Aires haben mich meine Eltern mit 6 Jahren zu einem Musiklehrer gebracht. Dieser hatte sich in Buenos Aires niedergelassen und auch dort seine Frau kennen gelernt. Ein Egozentriker wie er im Buche steht. Er haderte mit den Dingen, die ihm wiederfahren sind, ungerechterweise wie er meinte.
Meine Eltern schickten mich nun zu Ihm. Meine Mutter und auch mein Vater und auch die Mutter meiner Freundin Julia. Da wo wir herkamen, kümmerten sich die Mamas nur um die Familie. An Traditionen wurde festgehalten, Kultur hatte keine Bedeutung. Eines Tages, aus einem mir nicht plausibel erscheinenden Grund, gründete eine Gruppe von Müttern, unter anderem auch die Mutter meiner Freundin Julia einen Verein. Er unterstützt die Kinder in gewisser Hinsicht und förderte Kunstunterricht und Musikerziehung. Die eigenen Kinder sollten an die Kunst herangeführt werden. Das könnte ihnen die Tür zu einer besseren Welt, vielleicht in Europa oder Amerika öffnen.
Da es niemanden gab der in dieser Provinz Musikunterricht geben konnte, arrangierten die Mütter einen Lehrer von der Universität. Er gab meiner Freundin und mir 7 schöne Jahre Klavierunterricht. Der Unterricht war sehr streng, gesteigert noch durch die oftmals schlechten Launen unseres Lehrers. Sergio, so hieß unser Lehrer vertrat die Auffassung, das wir, seine Schüler aus besserem Haus, seinen Unterricht nicht verdient hätten, er tat es eben des Geldes wegen, aber es sei wohl vergebene Müh. Seiner Meinung nach übten wir nie genug. So gingen wir immer mit schlechtem Gewissen zu Ihm, wohl wissend, dass wir es Ihm nie recht machen würden.
Manchmal kam es vor, dass er während des Unterrichts grundlos herumschrie. Er sagte, er hätte während seiner Kindheit jahrelang noch nicht einmal ein eigenes Klavier besessen. Er übte auf einem Tisch mit aufgemalten Tasten. Er sagte zu uns, wir wüssten nicht, wie gut wir es haben und überhaupt wären wir viel zu faul, das aus uns mal irgendwas werden könnte. Dann sagte er, mit uns wäre es Zeitverschwendung und schmiss uns aus dem Haus.
Dann rief er Tage später wieder bei unseren Eltern an und flehte Sie an uns wieder zum Unterricht zu schicken. Er war damals nicht reich, hatte gerade geheiratet. Seine Frau erwartete das erste Kind. Eine junge Familie. Mit den seelischen Entgleisungen lernten wir umzugehen, Wir hatten natürlich riesigen Respekt vor Ihm, beinahe ängstlich betraten wir sein Refugium. Wenn wir den Unterricht betrachteten lernten wir viel, das ganze Handwerk der Musik, das viel Fleiß dazugehört um ein Musiker zu werden. Talent konnten wir an uns nicht entdecken. Die Jahre vergingen, meine Freundin Julia und ich unternahmen fast alles gemeinsam, wie es sich für Freundinnen gehört. Ballett, Englisch, Deutsch und Klavier. Mittlerweile hatte Georgia, die Frau unseres Lehrers das dritte Kind bekommen. Wir gehörten schon fast zur Familie. Gelegentlich passten wir auf die Kinder auf, wenn Sie in der Stadt unterwegs waren. Das Verhältnis zur Familie wurde durch den Umgang mit den Kindern besser. Wir schliefen im Haus der Familie, breiteten Bettlaken über den Flügel aus und versteckten uns darunter und erzählten uns Geschichten. Sergio und Georgia stritten sich öfter. Mittlerweile hatte unser Lehrer eine gut bezahlte Stelle an der Universität bekommen, unbefristet. Er wurde gegenüber seiner Frau immer rabiater im Umgang, er behandelte Sie, wie er uns behandelte, wir waren nichts Wert in seiner Vorstellung. Menschen, die ohne Ihr eigenes Zutun zu Wohlstand gekommen waren. In seiner Welt hatten solche Menschen keine Berechtigung. Immer sah er sein eigenes Schicksal. Jedenfalls, irgendwann berührte er meine Beine während des Unterrichts. Ich sollte das nicht weiterzählen, sagte er mir.
Der Schreck saß tief, ich rannte davon und erzählte alles Julia und meiner Mutter. Sie waren total hysterisch. Alle Mütter des Vereins lösten den Unterricht mit Sergio auf. Dann suchten sie einen neuen Lehrer. Er sollte nicht so streng sein und eine Frau wäre auch gut, damit so etwas nicht nochmal passiert. Wir bekamen also eine Lehrerin.
Sie war der interessanteste Mensch, den ich bis dahin kennen gelernt hatte. Ja vielleicht hatte ich nicht viele Menschen bislang getroffen, aber Sie war so anders als die anderen.
Sie war zierlich, lange schwarze Haare, etwas zu große Augen. Ihr Auftreten war sehr verbindlich, wir fühlten uns gut aufgehoben bei Ihr. Vom ersten Moment betrachteten wir uns als Freundinnen. Sie hatte Chemie studiert, dann eine Balletausbildung absolviert, schließlich studierte Sie Klavier und nahm Unterricht bei verschiedenen Lehrern in den USA, Schweden und Ungarn. Und diese Person sollte uns nun unterrichten, was das wohl werden sollte, zum quatschen vielleicht ok, aber würden wir auch was lernen? Ihre Jugend verlief nicht nach Plan. Als Sie fast Erwachsen war, nahm sich Ihre Mutter das Leben. So war Sie gezwungen zeitig auf eigenen Beinen zu stehen. Sie förderte uns in unserem gesamten Tun und war überzeugt vom Erfolg der sich sowieso von allein einstellt. Eure Talente will ich entwickeln, nicht eure Schwächen bekämpfen. Sie baute uns sehr auf, vermutlich erkannte Sie unsere zerrüttete Seele, wir bekamen eine Verbindung zu der Musik die wir spielten, zu unserer eigenen Musik und wir bekamen unseren Ausdruck. Sie hat uns die Liebe zur Musik gegeben. Wir lernten die Musik lieben, na ja…. meistens jedenfalls. Mit der Zeit waren wir 40 Schüler, ungelogen, die meisten studierten Musik, niemand hat mir die Musik so nahe gebracht. Heute noch telefonieren wir und besuchen uns. Sie arbeitet jetzt an einer schweizerischen Musikschule und ist dort der Star. Also, wenn irgendjemand wirklich Interesse hat die Musik zu verstehen, dann gibt es keinen besseren Lehrer als Sie. Es gibt noch viel über die Musik und Sarah, so heißt Sie, zu erzählen, aber dass vielleicht später.


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Kommentare

tira schrieb am 2010-04-29 21:24:58:
Ist das eine wahre Geschichte? Klingt so! Schön zu lesen!
annett schulte schrieb am 2010-01-24 13:31:52:
Ich finde die ideenreiche, farbige Sprache sehr schön....
Annett Schulte schrieb am 2010-01-22 23:00:24:
Mir gefallen die feinen Unterschiede und Nuancen Deiner Sprache, gibt es bald eine Fortsetzung?
W.Pold Frankfurt schrieb am 2010-01-20 15:05:21:
Eine super Geschichte, flüssig und mit Stil!

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