Weihnachten 1973
von
Wolfgang Scholmanns
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Es war zur Adventszeit. Ein Abendspaziergang würde noch gut tun, und ich machte mich auf den Weg. Violettrote Schleier wanderten im schon welken Mondlicht am Himmelzelt entlang, und im fahlen Laternenschein, warfen die an der Strasse stehenden Bäume, mächtige Schatten auf den gefrorenen Schnee. Viele Fenster zeigten sich in buntem, weihnachtlichen Schmuck, und manchmal sah ich auch Kinder an ihnen sitzen, die erwartungsvoll zum Himmel hinaufschauten. Vielleicht glaubten sie ja, irgendwann, den Nikolaus mit seinem großen Schlitten und den vielen Geschenken zu entdecken. Ich musste schmunzeln, erinnerte ich mich doch an meine Kinderjahre. Genauso, stand ich oft am Fenster, voller Erwartung dort den mächtigen Schlitten, mit den vorgespannten Rentieren, zu erspähen. Bei uns zu Hause ging diese vorweihnachtliche Zeit immer ganz gemütlich vonstatten. Es war damals auch nicht alles so hektisch wie es heute ja oft der Fall ist. Ich half meiner Mutter dann immer beim Plätzchenbacken. Mmmh, wie das duftete. Abends saßen wir dann oft zusammen im Wohnzimmer, knackten Nüsse, sangen Weihnachtslieder und so manches Mal, gab`s auch einen Bratapfel. Geheizt wurde zu dieser Zeit noch mit Kohle, und die Wärme dieser alten Kohleöfen war viel angenehmer als die von den heute üblichen Zentralheizungen. Ich erinnere mich an ein Jahr, ich war so zwölf oder dreizehn Jahre alt, da schlug mein Vater mir vor, mit ihm zusammen eine neue Krippe zu bauen. Ich war begeistert, und so verbrachten wir einige Abende im Keller, sägten, hämmerten, leimten und schraubten, bis schließlich ein wirkliches Meisterwerk entstanden war. Traurig darüber, dass nun unsere Bastelabende, die mir doch so viel Freude bereitet hatten, beendet waren, hatte ich plötzlich eine Idee. Meine kleine Schwester, die zu Weihnachten von mir eine Puppe geschenkt bekommen sollte, würde sich doch bestimmt darüber freuen wenn sie diese in einem kleinen Bettchen vorfinden würde. Als ich meinem Vater von dieser Idee erzählte, holte er aus einer Schublade seines Schreibtisches eine Zeichnung hervor, die das Modell einer Puppenwiege darstellte. Er hatte also die gleiche Idee gehabt und sogar schon ein Modell zu Papier gebracht. Wieder verschwanden wir für einige Abende im Keller und bastelten und werkelten, bis wir am Ende ein wunderschönes Puppenbettchen vor uns stehen hatten. Meine Mutter war begeistert und meinte:“Da wird sich die Kleine aber freuen. So ein großzügiges Christkind!“ Der heilige Abend kam, und ich durfte, schon am Morgen, meinem Vater dabei helfen den Christbaum zu schmücken.
Wunderschön sah er aus. Rote Kugeln, goldenes Lametta und goldene Glöckchen schmückten ihn. Meine Mutter meinte allerdings, dass wir das Wichtigste vergessen hätten, nämlich die Strohsterne die sie mit mir gebastelt hatte.
Ach ja, die hatte ich tatsächlich vergessen und dabei war es doch so spannend gewesen sie herzustellen. Die Strohhalme wurden in Wasser gelegt, dann vorsichtig mit einem Messer der Länge nach halbiert und zum Schluss mit einem heißen Bügeleisen glatt gebügelt. Mit einer Schere wurden unterschiedliche Längen geschnitten, die Ränder vorsichtig eingekerbt und die Halme sternförmig zusammengelegt. Dann kam das Schwierigste, nämlich mit einem Zwirnsfaden diese Konstruktion zusammenzubinden. Aber meine Mutter war darin eine Künstlerin. Wie schnell und ordentlich ihr diese Bindetechnik doch von der Hand ging. Mir war diese Montage zu aufwendig und so beschloss ich, die Halme, so wie ich es in der Schule gelernt hatte, mit einem Kleber zu verbinden. Na ja, das war auch wesentlich einfacher. Ich holte den Schuhkarton aus dem Schrank, in die wir die Strohsterne gelegt hatten, und kurze Zeit später, zierten auch diese zarten Strohsternchen unseren Christbaum. Als wir ihn eine Weile betrachtet hatten, waren wir uns darüber einig, dass diese Sternchen seinem Aussehen doch das - gewisse Etwas- gaben. An diesem heiligen Abend setzte, so etwa nach dem Mittagessen , leichter Schneefall ein der, wie sich hinterher herausstellte, bis zum Morgen des ersten Weihnachtstages angehalten hatte. Die Bescherung sollte um 19Uhr sein, und vorher gingen wir, wie in jedem Jahr, zum Gottesdienst. Nur mein Vater blieb zu Hause. Er musste angeblich schon mal das Essen vorbereiten. Ich wusste natürlich, dass er die Geschenke unter den Baum legte und alles gemütlich herrichtete. Meine kleine Schwester war schon ganz unruhig, und auch in der Kirche zappelte sie hin und her. Endlich, der Gottesdienst war vorbei und voller Vorfreude auf die Bescherung, stapften wir, durch den mittlerweile zu einer stattlichen Schicht angewachsenen Schnee, nach Hause. Im Haus duftete es nach Tannengrün und brennenden Wachskerzen. Wir Kinder setzten uns zur Mutter in die Küche, die jetzt mit der Vorbereitung des Essens beschäftigt war. Den Weihnachtsbraten hatte unser Vater schon in die Backröhre geschoben und die Mutter begoss ihn jetzt manchmal mit heißer Butter. „Damit er schön knusprig wird!“, lächelte sie. Dann war es so weit. Das Bimmeln eines Glöckchens kündigte an, dass wir jetzt das Wohnzimmer betreten durften. Langsam, und mit hochroten Köpfen, gingen wir hinein. Aus dem Lautsprecher unseres Radios klang leise das alte Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“, und am Christbaum flackerte tänzelnd das Licht der Kerzen. Einige Wunderkerzen, die an den Ästen des Baumes hingen, warfen ihre feurigen Sterne kreisförmig in das Tannengrün, und die neue Krippe, die mit Moos und Stroh ausgelegt war, leuchtete mit ihren bunten Figuren im Schein des Kerzenlichtes. Dann wuchs die Spannung, denn die Geschenke wurden ausgepackt und bestaunt. Meine Schwester war so voller Freude, dass sie mit ihrer Puppe, samt Bettchen, hin und her tanzte. Ich bekam einen Chemiekasten und einige Bücher, die ich mir gewünscht hatte. Natürlich hatten wir auch etwas für unsere Eltern. Mein Schwesterchen hatte für sie ein Bild gemalt und ich für jeden von ihnen, von meinem Taschengeld, ein Buch gekauft. Alle wünschten wir uns ein gesegnetes und frohes Weihnachtsfest, sangen noch ein Weihnachtslied und setzten uns anschließend an den Tisch. Der Vater las das Weihnachtsevangelium vor, und dann wurde erst einmal gespeist. Es schmeckte wie immer köstlich, und die Mutter freute sich, dass alle mächtig zulangten. Ja, es war eine besinnlichere Zeit, damals. Alles war viel gemütlicher und die Menschen zufriedener. Heute, wo der Materialismus im Vordergrund steht, und viele Menschen von der Ichhaftigkeit besessen sind, fehlt es oft an Wärme und Nähe.
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Kommentare
Basti schrieb am 2007-12-14 22:21:40:
Ist ja ein ding! Genau so läuft weihnachten bei uns JEDES Jahr ab!
Klasse, tolle Geschichte!
Juli84 schrieb am 2007-02-03 02:45:21:
Genau dasselbe habe ich vor ein paar Wochen auch über die Weihnachtszeit gedacht.
Ihre Beschreibungen über Gerüche usw. gefallen mir sehr gut. Dadurch fühlt man sich beim lesen, als wäre man selbst dabei. Tolle Geschichte!
Liebe Grüße Juli84
hilal cetin schrieb am 2006-12-18 14:33:38:
Es ist sehr schönes geschichte (text).
Es wir auch mal spannend,sonst ist es immer schön.
Ich fühle mich als würde ich in dieser geschichte gewesen.
ciao ihr hilal cetin
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