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Kategorien > Weihnachten > Begegnungen

Weihnachtsgrüße vom Computer

von Mondenegel

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Weihnachtsgrüße vom Computer

Es war Heiligabend, und im Radio lief „Christmas Time“ Ich lehnte mich in meinem Schreibtischstuhl zurück und genoss die Musik. Gelangweilt sah ich aus dem Fenster, auf der anderen Straßenseite packten die beiden Zwillinge, die Töchter unserer Nachbarn, gerade ihre Geschenke, Barbie - Puppen aus. Eines der Mädchen lief zum Baum, und holte ein zerknautschtes Päckchen hervor, das es strahlend seinen Eltern überreichte. Ich lächelte. Die beiden Kleinen hatten mich letzte Woche gebeten, ihnen beim Basteln und Verzieren einer großen Weihnachtskerze zu helfen. Die wurde jetzt ausgepackt, die Mädchen bekamen Küsschen, und die Kerze wurde auf den prächtigen Baum gesteckt und angezündet. Traurig warf ich einen Blick auf den kleinen, zerzausten, künstlichen Baum, den meine Eltern mir gestern vom Einkaufen mitgebracht hatten. Damit du es schön hast, hatten sie gesagt. Klar, superschön. Weihnachten alleine zuhause herumzuhocken war echt klasse. Ich war jetzt 14 Jahre alt, und verbrachte das zehnte Jahr in Folge Weihnachten ohne meine Eltern. Tolles Jubiläum. Bis ich 10 war, kam jedes Jahr ein Mädchen, das mein Vater organisiert hatte, um auf mich aufzupassen. Sie war okay gewesen. Weihnachten war okay gewesen. Aber ich bin zu alt für einen Babysitter. Dabei war sie viel mehr als das gewesen. Sie war jemand, den ich eine Zeit lang mehr geliebt habe, als meine Eltern. Krank. Ich seufzte und wandte meinen Blick endlich von den unruhig tänzelnden Schneeflocken ab.
Vor mir stand das Geschenk, dass mein Vater mir aufgebaut hatte, als er mal 10 Minuten lang nicht mit seiner Krawatte beschäftigt war: Ein nagelneuer Laptop. Keine schlechte Idee, vielleicht hofften sie, dass ich so jemanden finde, der Lust hätte zumindest virtuell Weihnachten mit mir zu verbringen. Ich schnaubte wütend. Als ob Zweitausend Euro eine Familie ersetzen könnten. Aber gut, ich würde heute schließlich auch Punsch und Weihnachtsbraten notgedrungen durch Cola und Tiefkühlpizza ersetzen. Einen Baum hatte ich ja. Wenn man das erbärmliche Teil überhaupt so nennen konnte. War ja fast schon Festtagsstimmung. Ich hatte schlechte Laune. Ich habe an Weihnachten grundsätzlich schlechte Laune. War ja nicht weiter verwunderlich. „Frohe Weihnachten!“, rief es mehrstimmig aus dem Radio, und man konnte Sektgläser klingen hören. „Frohe fucking Weihnachten“, knurrte ich und schaltete das Ding aus. Es war gespenstisch still in der Wohnung. Ich legte die Hände auf die Tastatur und schaltete den Computer an. Sogar die Startmelodie von Windows nervte mich. Ich klickte auf Internet Explorer und fing an, ein wenig durchs Internet zu surfen: Nach einer Weile fand ich endlich einen Chatroom, der nicht vollkommen leer war. Einige Jugendlich unterhielten sich über irgendein idiotisches Browser-Game. Ich loggte mich wieder aus. Nächster Versuch. Singles 50+ ? Super. Ich suchte noch eine Weile vergeblich nach einem Chatroom, der mir gefiel, und gab schließlich auf und beschloss, erst mal meine E-Mails zu checken. „Sie haben Post“ Eingangszeitpunkt: 24.12. 07, 20:34. Wer schreibt mir denn jetzt E-Mails? Ich öffnete das Fenster und wurde augenblicklich in einen kleinen Chatroom eingeschlossen, in dem eine Tine Rent auf mich wartete.
Tine: Hallo Jana!
Jana: Wer bist du?
Tine: Einfach irgendwer.
Ich überlegte. Eigentlich wusste nur Alina, meine beste Freundin, dass ich jetzt alleine war. Und die feierte mit ihren Eltern in Mexico.
Jana: Alina?
Tine: Nein, Tine.
Jana: Wo kommst du her?
Es war, als würde plötzlich leises Gelächter aus den Lautsprechern kommen. Ein leiser Schauer kroch über meinen Rücken, und mein Herz klopfte wie wild. Das war doch nur Einbildung! Oder wurde ich langsam verrückt? Computer können doch normalerweise nicht reden! Und lachen sowieso nicht!
Oue: Das ist eine gute Frage.
Jana: ??? Ich verstehe dich nicht.
Oue: Das musst du auch nicht, keine Angst.
Jana: Warum feierst du nicht mit deinen Eltern Weihnachten, wie jeder andere auch?
Oue: Warum tust du das nicht?
Jana. Weil meine Eltern lieber mit Freunden feiern, als mit mir.
Es fiel mir schwer, diese Zeilen zu schreiben. Aber es war wahr.
Oue: Oh, das ist traurig. Meine Eltern…Nun ja, ich habe keine Eltern.
Jana: Sind sie…gestorben?
Oue: Nein, aber ich habe keine Eltern.
Jana: Und ich verstehe dich wieder nicht.
Wieder bildete ich mir ein, dieses leise Lachen gehört zu haben. Aber diesmal ganz sicher!
Jana: Wo bist du gerade?
Oue: Hier. Im Computer.
Jana: Haha. Sehr lustig. Nein, im Ernst, wo bist du wirklich?
Oue: Das habe ich dir doch gerade gesagt, das meine ich ernst.
Ich betrachtete den Bildschirm ungläubig. War sie verrückt? Oder war ich es?
Jana: Du bist seltsam. Das ist überhaupt das seltsamste Gespräch, das ich je geführt habe.
Oue: Das kann ich mir vorstellen.
Jana: Wie alt bist du?
Oue: Ich…Ich weiß es nicht.
Jana: Wie Bitte? Du weißt nicht, wie alt du bist?
Oue: Ich bin nicht wie du, Jana.
Jana: Wie bist du dann?
Ich lehnte mich zurück und atmete tief durch. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich in den letzten Minuten in die Tasten gehauen hatte, wie eine Bekloppte.
Oue: Willst du das wirklich wissen?
Jana: Würde ich sonst fragen?!
Oue: Okay. Aber erschrecke nicht.
Erschrecken? Vor was? Plötzlich verschwamm der Bildschirm vor meinen Augen und die Stimme des Radiosprechers klang nur noch verzerrt in meine Ohren. Dann kam der Bildschirm mit einer irren Geschwindigkeit auf mich zugerast und für einen kurzen Moment blieb einfach die Zeit stehen. Mein Herz stand still, ich hörte auf zu atmen, und um mich herum war völlige Finsternis. Dann, so plötzlich, wie der Moment gekommen war, verschwand er auch wieder und es riss mich fast schmerzhaft nach vorne, dann fiel ich, und landete unsanft auf dem Hintern. Ich rappelte mich hoch und klopfte mir den Schmutz von der Jeans. Wo in aller Welt war ich? Ich schaute mich um, und stand in einem Raum voller Schränke, mit tausenden von Schubladen. Ich fragte mich, was darin wohl war. Plötzlich tippte mich jemand von hinten an die Schulter. Ruckartig schnellte ich herum und erblickte ein Mädchen in meinem Alter. Es hatte lange braune Locken und trug einen roten Pulli und Jeans. Sie hatte eine schwarze Jacke darüber und trug schwarze Turnschuhe. „Tine?“, fragte ich verblüfft. Das Mädchen lächelte und nickte. Wieder kroch die Angst in mir hoch. „Wo sind wir? Wie bin ich hierhergekommen?“ Sie sah mich mit einem fast mitleidigen Ausdruck in den Augen an. Dann senkte sie den Blick. „Das kann ich dir nicht sagen“, antwortete sie. Langsam wurde ich wütend. Was war das hier für ein verdammtes scheiß Spiel? „Ich will es aber wissen“, entgegnete ich schärfer als beabsichtigt. „Wo – bin – ich?“ Endlich sah sie mich wieder an. „Es tut mir leid“, entgegnete sie. „Ich will nach Hause!“, schrie ich sie an. „Bring mich wieder heim! Sofort!“ Ich wusste, dass ich ungerecht war, aber ich hatte verdammte Angst. Wieso war ich hier? Tine legte den Kopf schief. „Wieso denn? Du bist

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