Weint ihr um mich?
von
Kaeera
Andrea Göppel
Ich. Hier. Alleine.
Sie lachen mich an. Alle. Ich sehe das Lächeln auf ihren Lippen, sehe, wie
sich ihre Mundwinkel nach oben verziehen, doch sie meinen nicht mich. Denn
ihre Augen sind leer.
Ich. Im Dunkeln.
Ich stehe mitten auf der Straße und sie gehen an mir vorbei, lassen ihre
leeren Blicke über meinen Körper ziehen, als ob ich durchsichtig sei. Und
wer weiß, vielleicht bin ich das auch. Es schmerzt, und gleichzeitig fühle
ich mich seltsam erleichtert. Sie sehen mich, doch sie sehen mich nicht.
Ich schaue zurück, lasse meinen Blick den Weg entlang wandern, den Weg den
ich gekommen bin. Die Rücken der Leute sind mir zugewandt; und ich muss
lächeln.
Warum?
Meine Füße bewegen sich automatisch, als ich weiter wandere. Ihre Gesichter
sind leer; die Frauen versteckt unter Make-up, wie Puppen, Masken, die sie
tragen, um ihr wahres Ich zu verbergen
Welches Ich?
Die Männer müde und grau, der Funken erloschen. Sie lächeln, doch sie
lächeln nicht.
Wo bin ich hier?
Ich möchte schreien und um mich schlagen. Ich will, dass mich jemand hört,
dass jemand sieht, was mit mir passiert. Doch ich weiß genau, dass ich auch
eine Maske trage. Bombenfest. Und keiner sieht durch. Niemand. Niemals. So
sicher. Unverletzlich. Und innerlich blutend. Wir schauen uns an, doch wir
sehen uns nicht. Keine Chance, den Gegenüber zu erkennen.
Die Dunkelheit.
Und ich wandere durch die Straßen, verloren, alleine, sehe diese leeren
Gesichter und muss daran denken, dass auch ich nur ein Spiegelbild dieser
Leere bin. Eines Tages werden sie sterben und die Welt verlassen, ohne dass
sich jemand an die wirkliche Person hinter dem Gesicht erinnert.
Sie rufen mich.
Man redet von Liebe. Was ist Liebe? Vielleicht bedeutet Liebe ja, dass man
den anderen erkennen kann. Dass man den Schlüssel für die Maske bekommt.
Aber keiner hat meinen Schlüssel. Oder wird ihn jemals haben. Ich lache.
Manchmal lache ich. Meistens lächle ich. Es ist eine Maske. Eine Maske mit
verlorenem Schlüssel.
Ich stecke fest. In mir selber. Tief drinnen. Irgendwie würde ich ja gerne
um Hilfe rufen, aber es geht nicht. Ich bin eingeschlossen, und habe den
Schlüssel weggeworfen.
Ich. Allein. Im Dunkeln.
Sie greifen nach mir, sie reden mit mir, doch ich höre nicht zu. Für mich
sind Worte bedeutungslos geworden. Ich sehe sie weinen. Sie schauen mich an
und weinen. Warum?
Ich antworte ihnen nicht. Ich rede nicht mehr. Ich bin gefangen. Hier.
Alleine.
Eingeschlossen.
Seht ihr mich? Seht ihr mich weinen? Nein. Ihr hört mich nicht. Keiner hört
mich. Und wenn ich manchmal klagend um Hilfe rufe, ist meine Stimme stumm.
Wehklagen, das keiner wahrnimmt.
Holt mich zurück...gebt mir den Schlüssel...lasst mich fliegen...lasst mich
aus diesem Gefängnis entkommen.
Die Stimmen verfolgen mich...
Das Lächeln ist auf meinen Lippen eingefroren. Hilfe. Helft mir. Ich bin
gefangen. Ich weine. Ich schreie. Ich leide. Doch ich kann es nicht sagen.
Es tut weh. Warum?
Weint ihr um mich?
Immer noch im Dunkeln.
Ganz alleine.
Ohne Schlüssel.
Ohne Hoffnung.
Kommentare
Ninja.Schokobussy@hotmail.de schrieb am 2006-04-01 14:55:53:
wow hätte fast geheult
Lutzfm@yahoo.de schrieb:
Wow. Sehr eindrucksvoll.Musste lange über den Text nachdenken.
r.rosenfeldner@hotmail.de schrieb:
Tränen. Ich und mein Mann weinten Tränen, denn wir lasen dieses beindruckende Schriftstück im Duett.
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