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Kategorien > Kurzgeschichte > Alltägliches

Weiße Dunkelheit

von Sydney Sky Jones

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WEIßE DUNKELHEIT

16:00 Uhr. Zu spät. Schon wieder. Er setzte die Tasse auf den Tisch, der Kaffee schwappte auf die schon sowieso verfleckte, mal einst weiß gewesene Tischdecke heraus, aber es kümmerte ihn wieder nicht.
Er hastete Richtung Wohnungstür, zog sich schnell ein Paar Turnschuhe an und warf sich eine Lederjacke über. Dass er bereits in seiner Jeans und seinem Shirt geschlafen hatte, kümmerte ihn nicht. Er war Künstler.

Als er den Schlüssel im Schloss herumdrehte, überfiel ihn ein Schaudern. Er zögerte. Dann eilte er den Gang entlang. Die Türen links und rechts beachtete er nicht.
Er war schließlich Künstler. Maler. Maler waren exzentrisch und kamen immer zu spät. Ein Vorurteil. Er kam immer zu spät, nur exzentrisch war er nicht. Zugegeben, er hatte einen etwas unkonventionellen Lebensstil, weshalb sie ihn schon lange als „Spinner“ abgestempelt hatten.

Egal.

Als er den Lift erreicht hatte, überlegte er kurz, ob er nicht doch die Treppe nehmen sollte, entschied sich aber dagegen.
Hätte er zu diesem Zeitpunkt gewusst, was ihn noch erwarten würde - er hätte die Treppe genommen.
Die Aufzugtür öffnete sich, und er trat ein. Der Fahrstuhl war eng und wurde von billigem Blech umrahmt. Er drückte fest auf das „E“ und der Lift setzte sich in Bewegung. Er sah auf die Uhr. 16:03. In zwölf Minuten wurde seine erste Ausstellung eröffnet.
Er - so dachte er - malte Surrealismus. Seiner Meinung nach die einzig wahre Kunst auf dieser Erde. Er verehrte Dali. Nein, er vergötterte ihn. Früher hatte er versucht, die zerflossenen Uhren nachzumalen, sie zu verbessern. Er hatte versucht, das „Ticken“ einzufangen. Es war ihm nie gelungen, was ihn sehr deprimiert hatte.

Er lebte in seiner eigenen Welt. Das war auch einer dieser vielen Gründe, weshalb ihn die meisten Leute mieden. Er hasste die einheitliche Lebensweise der anderen. In seiner Jugendzeit konnte er sie nicht ertragen, aber jetzt hasste er sie.

Ein plötzlicher Ruck unterbrach seine Gedankengänge. Ihm kam es vor, als ob der Aufzug an Geschwindigkeit gewann. Er blickte auf die Anzeige und erkannte mit Schrecken, dass die Zahlen auf der Anzeige anfingen zu rasen, bis er nur noch vereinzelte Ziffern erkennen konnte. Er glaubt die „14“ zu sehen, was aber unmöglich sein konnte, da das Haus nur 12 Stockwerke besaß und er im 6. eingestiegen war. Nach einem weiteren Ruck normalisierte sich die Situation. Die Anzeige lief wieder wie immer und der Aufzug stoppte. Auf der Anzeige stand nun klar leserlich „E“. Er atmete tief durch. Dann blickte er wieder auf seine Uhr - 16:05 Uhr - , und als sich die Tür öffnete, trat er, ohne aufzusehen, instinktiv heraus. Dann schaute er auf. Und traute seinen Augen nicht. Statt dem gewohnten, kalten Treppenhaus fand er sich in einem ihm unbekannten Raum wieder. Als er sich umdrehte, konnte er den Lift nicht mehr entdecken. Er hörte ein lautes Grummeln. Dem Geräusch nach befand er sich in einem fahrenden Zug. Doch der Wagen war leer. Außerdem schien er sehr alt zu sein. Die Sitze waren mit rotem Samt überzogen und der Wagen war mit kunstvollen Schnitzereien verziert. Auch konnte er die neuen „Stop-Knöpfe“ nirgends finden. Die Fenster ließen kein Licht herein, es war auch keine Landschaft zu erkennen.

Überhaupt, wenn er aus dem Fenster blickte, konnte er gar nichts außer nächtlicher Schwärze erkennen. Alles war einfach leer. Wie in einem Geisterzug. Er ging langsam auf einzig erkennbare Tür zu, der Holzboden unter ihm knarrte. Langsam glaubte er zu verstehen. Er träumte. Natürlich. Das war die einzig logische Erklärung dafür. Er hoffte bald aufzuwachen, da seine Ausstellung in wenigen Minuten eröffnete.

Während er sich noch ein wenig umsah, entdeckte er eine Art Durchgang. Als er die erste Tür passierte, befand er sich in einem weiteren Wagen. Doch dieser war nicht leer. Ein älterer Herr mit einer Zeitung in der Hand saß auf einem der Plätze weiter vorne. Je näher er an diesen Herrn heranging, desto unheimlicher wurde ihm diese Sache. Als er ihn erreicht hatte, konnte er erkennen, dass der Mann anscheinend vergessen hatte, sich etwas über seine verschrumpelte Haut zu ziehen, was ihn anekelte. Der Mann glubschte ihn an und zeigte dann mit seinem Finger auf eine Seite der Zeitung. „Wie denken Sie darüber?“ Er neigte seinen Kopf. Die Seite war eine dieser Rubriken in einer Zeitung, die Telefonnummern bestimmter Damen anbot. „Geschmacklos. Ich denke, Frauen werden durch so etwas nur ausgebeutet.“ Der angewiderte Unterton war nicht zu überhören. Und als er die Antwort des Mannes hörte, wurde ihm fast schlecht. „Ich selbst bin ein großer Verehrer dieser Nummern. Sie sollten ein wenig lockerer werden, mein lieber Künstler.“ Er hatte keine Ahnung, woher der Mann wusste, dass er Künstler war, aber er es war ihm egal. Er wollte nur noch weg. Weit weg. Er stürmte auf die nächste Tür zu.

Er hoffte, dass diese Geschehnisse nur eine simple Ausgeburt seiner lebendigen Phantasie wäre. Er passierte die nächste Tür. Der dahinter zum Vorschein kommende Raum war gefüllt mit Leuten. Unter normalen Umständen hätte ihn das nun erfreut, doch der Anblick, der sich ihm bot, war grauenhaft. Es war wie in seinem schlimmsten Alptraum. Die Menschen waren völlig entkleidet, um nicht zu sagen splitternackt. Er musste hier raus. Er kämpfte sich durch die Menge und zog dabei den Blick einer Blondine auf sich. Sie folgte ihm. Er fing an zu rennen, rempelte die Leute an, doch glaubte er, ihr nicht zu Entkommen. Er schaffte es aber, indem er die nächste Türe, die er durchquerte, hinter sich zuzog so fest er konnte. Es war nicht üblich, dass in einem Zug in deren Schlüssellöchern ein Schlüssel steckte. Doch dieses Mal war es der Fall, was ihn erfreute. Er sperrte die Tür ab und sah sich um. Langsam gewöhnte er sich daran, dass er sich in einer Bahn befand, in deren Räume seltsame Dinge vorgingen. Doch dieser Raum kam ihm bekannt vor. Er wusste nicht, woher, aber er kannte ihn. Der Raum war leer und ähnelte nicht im geringsten einem der heutigen Züge, trotzdem war die Ausstattung in diesem Waggon anders, als in den letzten drei. Der Bezug der Sitze war blau und an der Decke über ihm hing eine Uhr. Eine zerflossene Uhr. Sie zeigte 16:20 Uhr. Er schielte ums sich und glaubte am anderen Ende des Wagens ein Führerhaus zu erkennen. Endlich würde er Antworten finden! Dachte er jedenfalls. Er ging auf die Kabine zu und je näher er kam, desto erfreuter wurde er. Er wurde sogar regelrecht euphorisch. Sein Schritt gewann an Schnelligkeit, und als er an seinem Ziel angekommen war, sah er einen Mann vor ein paar Schaltknöpfen. Er hatte Recht. Es war eine Führerkabine. „Entschuldigen Sie die Störung. Ich würde gerne wissen wohin dieser Zug fährt.“ Er versuchte so ruhig wie möglich zu bleiben. Der Fahrer drehte den Kopf in seine Richtung und ein Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. „Wohin möchten Sie denn, dass er fährt?“ Diese Frage hatte er nicht erwartet. „Ich verstehe nicht...“ Der Fahrer grinste

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