Welten zwischen Klassen
von
Lilli
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Welten zwischen Klassen
Kapitel 1
Ich saß im silbernen Mercedes meiner Eltern und lehnte die Stirn gegen die kühle Fensterscheibe. Es war ein kalter Wintertag und zwei Wochen vor Weihnachten. Und genau 1 Woche nach meinem 17. Geburtstag.
Meine Koffer waren gepackt und im Kofferraum verstaut und meine schwarze Tasche lag auf meinem Schoß. Ich wollte das hier. Ich hatte diesen Weg gewählt.
Schon vor längerer Zeit hatte ich mich um ein Stipendium für die Odenwaldschule beworben, und wurde auch angenommen. Nun, zum Halbjahr der 11. Klasse war es endlich so weit. Ich zog in den Odenwald, und besuchte nun für die nächsten 2 ½ Jahre die Odenwaldschule. Ich hatte diesen Weg selbst gewählt. Ich weiß nicht, warum ich unbedingt in ein Internat wollte, aber es war nun mal etwas, dass ich wollte. Da gab es nichts zu erklären. Kein wieso, weshalb und warum. Ich wollte es nun mal… Und nachdem ich viel Arbeit in diese ganze Sache hineingesteckt habe, ernte ich nun endlich die Früchte. Ich habe das Stipendium. Natürlich kein Vollstipendium. Meine Eltern müssen immer noch einen Anteil daran zahlen. Und es ist immer noch nicht billig. Und nach mehrmaligen fragen, war ich auch ich davon überzeugt, dass es auch finanziell bei meinen Eltern klappt.
Und nun war ich am Ende eines Lebenskapitels. Ich verließ das Elternhaus am Neckar in Mannheim und schlug das neue Kapitel im Odenwald an der Odenwaldschule auf.
Das Konzept der Schule hat mir schon von Anfang an gefallen. Man durfte die Lehrer mit Vornamen anreden, und man wohnte nicht wie in einer Jugendherberge mit anderen Teenies zusammen, sondern wie in einer Familie in Häusern. Verschiedene Altergruppen mussten hier miteinander auskommen, und als Aufsichtsperson war immer ein Lehrer oder eine „Erziehern“ mit in diesem Haus.
Bis jetzt wusste ich noch nicht mit wem ich in eine „Familie“ kommen würde. Ich wusste allgemein nicht, was mich erwarten würde. Es war alles total unbekannt und neu für mich. Und ich muss gestehen ich hatte auch ein wenig Angst.
Nicht nur ein wenig! Ich hatte richtig viel Angst. Auf gut Deutsch, ich hatte die Hosen voll…
Meine Mutter, welche auf den Beifahrersitz saß, drehte sich lächelnd zu mir um. Ich weiß, sie wollte mich nur ermutigen, aber im Moment konnte ich ihr Lächeln nicht ertragen. Ich tat so, als würde ich ihr Lächeln nicht bemerken. Etwas genervt strich sie sich das blonde Haar hinter die Ohren. Dann seufzte sie kaum hörbar. Und ich dachte schon, dass sie aufgeben würde, doch stattdessen fragte sie: „Freust du dich?“
Ich nahm meine Stirn von der kalten Fensterscheibe und schaute sie an. Ich hatte keinerlei Ähnlichkeit mit ihr. Ihre Augen waren hellgrün und schmaler, meine waren groß und blau-grau, mit einem dunklen Grünstich, wenn die Sonne schien.
Ihre Haare waren blond, glatt und fein, meine waren braun, lockig und dick.
Ihr Gesicht war rund mit einfallenden Wangen und breiten Wangenknochen, meines war schmal, mit ebenso schmalen Wangen und hoch stehenden Wangenknochen. Und auch unser Charakter unterschied grundlegend.
Manchmal fragte ich mich echt, was wir überhaupt gemein hatten. Wahrscheinlich kaum etwas. Jeder der mich sah und kannte, und auch meine Vater kannte, sagte immer: Du siehst deinem Vater immer ähnlicher.
Doch zu meinem leiblichen Vater hatte ich schon seit 3 Jahren kein Kontakt mehr. Am Anfang fand ich es sehr traurig und litt sehr darunter, doch mittlerweile war es mir egal.
Und auch, wenn ich mich mit meinem Stiefvater so gut wie gar nicht verstand, so mochte ich ihn doch. Und ich musste zugeben, dass er seine Vaterrolle gut übernahm.
„Ja“ War meine knappe Antwort und meine Mutter nickte zufrieden. Doch sie fügte noch hinzu: „Wollen wir’s hoffen. Denn jetzt gibt es kein Weg mehr zurück“
Sofort zog sich mein Magen zusammen. Sie hatte Recht. Jetzt war es endgültig. Ich würde bis zu meinem Abi an die Odenwaldschule gehen. Egal, ob ich dort Freude hatte oder nicht.
Jetzt konnte ich nicht mehr wegschmeißen, was ich mir so hart erarbeitet hatte. Also musste das hier ein voller Erfolg werden. Sowie Schulisch, als auch Sozial.
„Ich weiß was ich tue“ meinte ich leise und hoffte nur, dass ich mich damit nicht selbst belog.
„Das glaub ich dir, mein Schatz“ Meine Mutter lächelte noch mal, wandte dann aber ihren Blick von mir ab und schaute zu meinen beiden kleinen Brüder. Beide sahen meiner Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich. Selbst wenn sie schliefen, was sie – Gott sei Dank – gerade taten.
Die beiden würden mir am meisten fehlen. Vor allem der Kleinste, Phileas. Er würde nächstes Jahr im Juni gerade mal drei Jahre werden. Und der andere, Lysander, würde im September sechs Jahre alt werden. Ich würde sogar das Geschreie, Gezanke und Geweine vermissen – man glaubt es kaum…
Bei diesem Gedanken musste ich leicht schmunzeln, doch das Gefühl des Wohlfühlens wurde bald wieder von dem Gefühl der Angst überdeckt.
Wie um mich selber zu beruhigen schüttelte ich mit dem Kopf und begegneten dem Blick meines Stiefvaters im Rückspiegel. Schnell schaute ich wieder aus dem Fenster. Das Letzte, was ich gebrauchen konnte, waren seine Psychoanalysen, die er von seiner Mutter, Hilde, geerbt hatte. Denn im Moment war ich ein psychisches Frack.
Doch anscheinend hatte er mich schon durchschaut: „Hör mal, tu’ das hier nur, wenn du es auch wirklich willst… Wenn nämlich nicht, dann ist jetzt noch die Möglichkeit, dass wir umdrehen und einfach nach Hause fahren. Ich weiß, dass du Angst hast. Und wenn diese Angst zu groß ist…“
Ich unterbrach ihn barsch: „Ich habe so hart für diese Stipendium gekämpft. Ich will das und ich werde es auch durchziehen“
„Na dann… Setz’ dich aber nicht zu sehr unter Druck“ meinte er noch. Dann tauschten meiner Mutter und er einen Blick, den ich nicht ganz deuten konnte.
Ob sie es mir nicht zutrauten? Ich weiß nicht. Ich wollte aber, dass sie es mir zutrauten, obwohl ich mir meiner Sache selbst nicht so sicher war.
Ich schaute wieder aus dem Fenster und drehte eine Locke, die sich aus meinem Dutt gelöst hatte um den Finger.
Wir durchquerten das Dorf in dem die Schule lag. Jetzt waren wir also bald da…
Als wir über den Schotter der Einfahrt der Schule fuhren, blieb mit für einen Moment das Herz stehen. Ich atmete einmal tief ein und wieder aus, als der Mercedes zum Stehen kam.
Jetzt gab es keinen Weg zurück. Doch ich wollte das hier. Das war mein Weg, das war mein Wille, der mich hierher gebracht hatte, und ich wollte es durchziehen.
Immerhin konnte man hier sicherlich auch viel Spaß haben.
Ich würde sehen, was mich erwartet.
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Kommentare
chris schrieb am 2009-12-14 03:06:06:
wuderschoen geschrieben
Jenny schrieb am 2009-12-10 14:59:34:
schön :)
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