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Kategorien > Nachdenkliches > Traurig

Wenn Trauer Freunde stiehlt

von Jululu

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Wenn Trauer Freunde stiehlt
„Bis dann.“
Er hatte sich verändert. Seine Wangen waren hohl, seine Haut blass und über den dunklen Augenringen zogen sich die Augen Woche zu Woche, Tag zu Tag immer weiter in ihre Höhlen zurück.
Mit wachsender Sorge betrachtete ich meinen alten Freund Tom, wie ich es in den vergangenen Monaten immer öfter getan hatte. Er gab es nicht zu, mied das Thema, doch im Herzen wusste ich, dass er den kürzlichen Tod seiner Eltern noch nicht überwunden hatte. Ihn wahrscheinlich nie überwinden würde.
Stets war er der Stärkere von uns beiden gewesen. Ich war der reinste Spargel-tarzan und litt zudem auch noch unter starkem Asthma. Und er: Er war ein richtiger Sonnyboy gewesen, auf den mehr Mädchen flogen, als Fliegen auf Zuckerwasser.
Doch nun. Nun glich er eher mir – einem asthmatischem Schlaffi – als einem Sportstar. Er sah sogar noch klappriger aus als ich.
Am Anfang – kurz nach dem Tod seiner Eltern – war Tom unberechenbar gewesen. Er war bei der kleinsten Provokation explodiert. Einmal hatte er die gesamte Schultoilette zu Kleinholz verarbeitet. Nach dem ganzen Ärger mit dem Direktor und den schriftlichen Abmahnungen, hatte er sich schließlich ganz in sich zurückgezogen.
Ich hatte viel Zeit mit ihm verbracht. Ihm geholfen, wo ich konnte. Gerade in dieser schweren Zeit. Doch immer, als er bei mir gewesen war, hatte er stets geschwiegen.
Und nun spürte ich im Herzen, dass Tom am Ende war. Dennoch wollte ich es noch nicht ganz wahrhaben. Zu sehr klebten meine Gedanken und Hoffnungen an den Erinnerungen der Vergangenheit. Tom – der fröhliche, selbstbewusste Typ von Nebenan – konnte einfach nicht zu einem solch seelischen Wrack geworden sein.
Doch die Art, wie er mich jetzt beim Abschied vor dem Schultor ansah, ließ die schlimmsten Befürchtungen in mir aufkeimen. Sie war so endgültig.
„Okay, bis morgen.“
Er lächelte schwach zum Abschied und ging dann. Eine Weile noch sah ich ihm nach und machte mich schließlich grübelnd auf den Weg nach Hause.
Gerade als ich die Haustür öffnete, kam der Postbote. Außer den üblichen Kram für meine Eltern, war auch ein Brief für mich dabei. Ich ging mit ihm in mein Zimmer und erkannte Toms Handschrift.
Neugierig öffnete ich ihn und las:

Was oben beginnt wird unten enden.
Das Schicksal lässt sich niemals wenden.
Voll Trauer besteige ich die Brücke zum Licht.
Du warst mir ein treuer Freund
Vergiss das nicht.

Erst war ich verwirrt, dann irritiert. Doch schließlich überkam mich die bittere Gewissheit. Dies war kein Brief, der mir einfach nur Toms literarische Begabungen zur Schau stellte. Dies war ein Abschiedsbrief. Der Kerl wollte sich umbringen! Und ich wusste auch schon wie und wo.
Er wollte sich von der Brücke zur Stadtmitte stürzen. Die Brücke, die immer von der Sonne beschienen wurde. Die Brücke zum Licht.
Panik erfasste mich. Und dann rannte ich los. Stürmte aus dem Haus, durch die Straßen.
Ich sah sie schon. Die Brücke. Es war nicht mehr weit. Voller Schrecken erblickte ich Tom auf dem Geländer stehen und in die Tiefe starren.
Ich rannte so schnell mich meine Beine trugen. In dem Moment bekam ich einen Asthmaanfall. Ich spürte wie sich meine Atemwege schmerzhaft zusammenzogen. Nein!
Obwohl die Atemnot mir Schwindel in den Kopf jagte, lief ich weiter. Ich war zu weit weg. Ich würde zu spät kommen. Das war mir klar. Mit dem letzten Atem entrang ich meiner Kehle einen Schrei: „Tom!“
Er sah mich an, lächelte dünn und sprang.

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