Wenn das Kind das Leiden kennt
von
firefoxlady
1
Es ist jetzt schon 26 Jahre her. Da war ein kleines Mädchen, welches auf den Namen Nadine hörte. Es war vier Jahre alt, hatte rote gelockte Haare und sang immerzu ein Liedchen und freute sich am Leben. Die Großeltern hüteten es wie ihren Augapfel und sorgten sich sehr um das zarte Wesen. Die Eltern des kleinen Kindes waren geschieden und waren so mit ihrem Rosenkrieg beschäftigt, dass sie vieles nicht sahen. Sie waren noch sehr jung und mit ihrer schwierigen Situation mehr als überfordert. Die Mutter war so damit beschäftigt ihren geschiedenen Mann zu hassen, dass sie dem kleinen Engel den Kontakt zum Vater untersagte. Und dieser wollte das Kind so wenig wie nur möglich unter den Problemen die sie hatten, leiden lassen und gab den Kampf um das Kind auf. So geschah es, dass sich folgende Geschichte zutrug:
An einem Freitagabend wollte die Mutter des Mädchens, wie es so oft geschah, mit ihrer Freundin in eine nicht weit entfernte Diskothek gehen. Aber in dem großen Mietshaus kannte man sich kaum. Und den Vater und die Großeltern, die die Eltern ihres geschiedenen Mannes waren, bat man nicht darum, die kleine Nadine über Nacht zu sich zu nehmen. Die Mutter beschloß also einfach die Türe abzusperren, sodaß das Kind nicht davonlaufen konnte, und ging fort, ohne einen Menschen, der auf die kleine Nadine acht geben würde so lange sie nicht zu Hause war. Es war spät in der Nacht als Nadine in ihrem Bettchen aufwachte. Sie hatte wohl einen bösen Traum. Sie stand auf und ging in das große Wohnzimmer in dem der große Glastisch stand und das grüne Sofa, auf dem es so gerne herumtollte. Alles war dunkel. Nadine ging ins Schlafzimmer hinüber und auch da war es dunkel. Es machte sich ein mächtiges Gefühl der Angst und der Hilflosigkeit in ihr breit. Sie lief zur Tür, wollte hinaus. Verschlossen! Nadine fing an zu weinen und rief, erst leise, nach ihrer Mutter: "Mama?... Mama?" Oh hättet ihr das Kind gehört, hättet ihr ihre verzweifelte Stimme gehört, so voll Angst, es hätte euch das Herz zerrissen. Nadine lief nun wieder zurück in das Wohnzimmer und öffnete die Tür zum großen Balkon, der zu dieser Wohnung im zweiten Stock gehörte und lief hinaus auf den kalten Boden ohne Söckchen oder Schuhe. "Mama, Mama wo bist du?" rief Nadine mit dicken Tränen in den Augen. "Mama...." So klein und hilflos sie war, so gequält hallten ihre Schreie über den großen Hinterhof auf dem sie immer mit ihren Freunden im Haus spielte. Selbst die rote Rutsche, die sie sonst so toll fand, nahm ihr nicht den Schmerz. Nadine weíß heute nicht mehr, wie lange sie da stand und schrie und weinte bis der Hausmeister sie hörte und zu ihr unter den Balkon eilte: "Nadine. Hab keine Angst. Ich hole deinen Vater. Er wird dich gleich holen Nadine. Hab keine Angst mein Kleines." Wenn ihr den Hausmeister gesehen hättet, wüsstet ihr wie tief besorgt er war. Er hatte auch Angst, Nadine könne aus lauter Verzweiflung über die Brüstung klettern und in die Tiefe fallen. Wenig später kam dann auch ihr Vater. Er besaß ja keine Schlüssel mehr. Und der Hausmeister hatte auch keine für diese Wohnung. So brach er die Wohnungstür auf und nahm seine Kleine auf den Arm: "Keine Angst mein Mädchen. Wír fahren jetzt nach Hause zu Oma und Opa. Du musst nicht mehr alleine bleiben." Der Vater war ein großer und starker Mann. Nadine fand immer er sei wohl ein Riese wie sie ihn kannte aus ihren Märchenbüchern. In ihrem weißen Nachthemd mit den kleinen rosa Blüten und ein Paar Söckchen und Schuhen an den Füßen, packte der Vater Nadine in seine dicke Jacke und setzte sie auf die silberne Stange auf dem großen Herrenfahrrad, welches er sich von seinem Vater geborgt hatte. In seinem rechten Arm hielt er seine kleine Tochter und fuhr, mit der linken Hand am Lenker, quer durch den kleinen Ort nach Hause zu den Großeltern. Und obwohl es so bitter kalt war fror Nadine nicht. Sie fühlte sich sicher in Papas Arm. Sie wusste dass sie jetzt keine Angst mehr zu haben brauchte.
Am nächsten Morgen klingelte es bei den Großeltern, bei denen der Vater seit der Scheidung wieder lebte, und es standen acht Mann der Polizei und Nadines Mutter vor der Tür. Nadine weiß noch genau, dass ihre Mutter ihr die roten Strumpfhosen und das karierte Röckchen anzog. Während sie auf dem Sofa an einem Ende des Wohnzimmers saßen, standen die Polizisten in der Mitte des großen Raumes, zwischen ihr und ihrem Papa. Sie sah sein hilfloses Gesicht und sie wusste, dass es nicht seine Schuld war. Nadine war nicht fähig etwas zu sagen. Schließlich hat sie ihre Mutter im Stich gelassen. Aber die hatte den Polizisten eine andere Geschichte erzählt. Und dies war auch der Tag, an dem Nadine anfing ihre Mutter zu hassen. Sie wusste dass sie sich nie mehr auf ihre Mutter verlassen konnte.
Heute noch erinnert sich Nadine an diese Nacht. Und noch heute fällt es ihr schwer ihrer Mutter zu verzeihen, denn ihr Vater durfte Nadine seit dieser Nacht nicht mehr wiedersehen. Nur heimlich trafen sie sich. Wenn sie jetzt zu ihrem Vater nach Hause fährt, wissen beiden was sie dadurch erlitten haben und sind glücklich wieder eine Familie zu sein.
Das kleine Mädchen Nadine ist nun eine erwachsene Frau, und sie hat noch heute große Probleme Menschen zu vertrauen und sich auf jemanden zu verlassen. Aber Nadine ist ein glücklicher Mensch. Denn sie kennt die wahre Geschichte.
1
Kommentare
Keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen