Willkommen in deinem Leben (1)
von
Melody
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Eines der beunruhigendsten Dinge, die einem Menschen wie mir im Alltag so passieren können, ist, dass die Sekretärin des Schulrektors ins Klassenzimmer kommt und mich herausholt. Das ist mir bisher auch nur einmal passiert. Ehrlich. Und zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass es keine Absicht gewesen war, den Feueralarm auszulösen. Aber erkläre mal dem Rektor, dass du nur auf unglückliche Art und Weise deinen Regenschirm geschwungen hast und dabei ganz aus Versehen das Fensterchen zum Alarmknopf zerschlagen und diesen auch noch getroffen hat! Das interessiert ihm nämlich nicht, wenn er der Feuerwehr (deren Einsatz noch dazu verdammt teuer ist, wer hätte das gedacht?) erklären muss, dass überhaupt kein Brand vorliegt und eine riesige Schule ganz umsonst evakuiert wurde, wodurch eine volle Unterrichtsstunde ausgefallen ist! Unnötig zu sagen, dass ich für eine siebte Klasse, die in dieser Stunde eine Französischtest hätte schreiben sollen, eine Heldin gewesen bin! Wie auch immer, ich hatte mir damals gedacht, dass ich mein Versehen besser gleich beichten sollte. Vor knapp einem Jahr bin ich eben noch mit der putzigen Naivität einer Neuntklässlerin durch die Gegend spaziert, die davon ausgegangen war, dass man niemanden für ein Missgeschick bestrafen konnte. Falsch gedacht! Meine Eltern mussten den Einsatz bezahlen, ich wurde als Hausaufgabenhilfe für die Kleinen eingespannt und seitdem habe ich eine Phobie gegen Regenschirme.
Aber egal, darum geht es jetzt nicht. Was ich mit dieser langatmigen Geschichte ursprünglich ausdrücken wollte, war: heute ist es wieder passiert! Die Sekretärin kam herein, mit demselben uncharmanten Gesichtsausdruck wie üblich, in dem sämtliche Facetten einer frustrierten Frau abzulesen sind, die unglücklich in ihren Chef verliebt ist. Das ist kein Gerücht, es ist die reine Wahrheit. Nur ihm gegenüber wird sie sozusagen zur schnurrenden Katze. Nur während die Affäre mit der Sekretärin in Film und Fernsehen immer wieder ein gängiges Klischee ist, erweist sich die Realität wieder einmal als weitaus enttäuschender.
Sie kam also herein, winkte mich heraus und hat seitdem kein Wort mit mir gesprochen, was bedeutet, dass ich nur grübelnd hinter ihr herschleiche und mich frage, was ich verbrochen haben könnte. Gut, da gäbe es einiges, wenn ich so darüber nachdenke. Nur war nichts davon böswillige Absicht gewesen, sondern eher ein Erzeugnis meiner Ungeschicklichkeit! Manche Leute finden sowas liebenswert. Habe ich gehört.
Ich folge ihr bis ins Sekretariat, wo sie mir den Telefonhörer in die Hand drückt. Das macht mich nun wirklich nervös. Ein Telefonanruf muss bedeuten, dass etwas Schlimmes passiert ist! Ansonsten ruft man doch nicht in der Schule an uns sorgt dafür, dass man aus dem Unterricht zitiert wird! Es sei denn, irgendein Freund meint es gut mit mir und tut so, als gäbe es einen Notfall, um gemeinsam schwänzen zu können. Das funktioniert gut. Habe ich gehört …
Angespannt nehme ich den Hörer in die Hand. „ Ja?“
„ Sarah? Hier ist Vincent.“
Keine Ahnung, wer Vincent ist. Angestrengt krame ich in meinem Gedächtnis herum und habe zwar das dumpfe Gefühl, einen Vincent zu kennen, allerdings muss diese Bekanntschaft entweder sehr lange zurückliegen oder sehr locker sein.
„ Aha.“, antworte ich so unverbindlich wie möglich, weil ich nicht zugeben will, dass ich mich nicht an ihn erinnere.
„ Ich rufe wegen Tom an.“
Tom? Die Sekretärin sieht mich irritiert an, weil ich den Telefonhörer sinken lasse und apathisch in die Ferne starre. Warum sollte mich irgendein Vincent wegen Tom anrufen? Tom und ich haben uns vor fast einem Jahr getrennt und hatten seitdem keinerlei Kontakt mehr!
„ Wegen Tom? Ähm … ich weiß nicht, ob du damit bei mir an der richtigen Adresse bist!“ Davon, auch noch in meiner Schule anzurufen einmal ganz zu schweigen!
„ Na ja, das weiß ich auch nicht, ehrlich gesagt. Aber wenn man mal bedenkt, dass er nach dir gefragt hat, kann es zumindest nicht ganz falsch sein, oder?“
„ Was? Warum hat er nach mir gefragt?“ Um neun Uhr morgens an einem ganz normalen Mittwoch.
„ Das ist ein bisschen kompliziert. Kannst du herkommen?“
„ Jetzt?? Und wohin überhaupt? Schmeißt ihr irgendeine merkwürdige Version von Party oder was?“ Wieder ein Blick von der Sekretärin. Diesmal ist er äußerst misstrauisch. Vermutlich hält sich mich gerade für die mieseste Schwänzerin der Welt, weil ich in aller Offenheit über eine Party spreche.
Er schnaubt. „ Schön wär’s. Nein. Ich fasse mich mal kurz, weil ich das Gefühl habe, dass du sonst nicht herkommst: Tom ist auf den Kopf gefallen, liegt im Krankenhaus und hat gerade nach dir gefragt!“
Dann muss er schwer auf den Kopf gefallen sein. Unter normalen Umständen würde er nämlich niemals nach mir fragen, das weiß ich mit absoluter Sicherheit. War ja alles mehr oder weniger meine Schuld damals. Eher mehr. Ich seufze. Obwohl ich mir tausend schönere Dinge vorstellen kann, frage ich mich, ob ich ihn nicht tatsächlich besuchen sollte. Immerhin liegt er im Krankenhaus und jemanden, der im Krankenhaus liegt, kann man nicht im Stich lassen, das ist eine Frage des Anstands. Und wenn dieser Jemand zufällig mein Ex-Freund ist, dann muss ich da wohl durch.
„ Na schön. Sag mir wo und ich komme.“
Eine halbe Stunde später komme ich endlich im Krankenhaus an. Es hätten zehn Minuten sein können, wenn es nicht so lange gedauert hätte, zu erklären, warum ich unbedingt weg muss. Ich meine, wenn ein naher Verwandter im Krankenhaus liegen würde, wäre es sicherlich einfacher gewesen, aber niemand wollte verstehen, dass ich zu meinem Ex-Freund muss. Natürlich habe ich darauf verzichtet, zu erwähnen, dass wir seit einem knappen Jahr keinen Kontakt mehr haben, denn ansonsten hätten sie mich niemals gehen lassen.
Nach weiteren quälenden Minuten, in denen sich immer wieder aufs Neue herausstellt, dass es sich nicht lohnt, den Versuch zu starten, sich in einem Krankenhaus durchzufragen. Denn anscheinend kennt sich absolut niemand dort aus. Außer vielleicht die Ärzte, aber die sind ja zu beschäftigt und nutzen jede Gelegenheit, einem das unter die Nase zu reiben. Da leider auch noch alle Flure vollkommen gleich aussehen, bin ich, als ich Toms Zimmer endlich finde, bereits genervt und kurz davor, wieder kehrt zu machen.
Stattdessen öffne ich die Tür und stehe kurz darauf vor seinem Bett, von wo aus er mich begeistert anlächelt. Um genau zu sein, reagiert er, als wäre mit mir alle Freude dieses Lebens in sein Zimmer getreten. Das ist nett gemeint, aber doch etwas übertrieben. Neben ihm steht ein schlaksiger Typ mit Brille und blonden Locken. Er hebt lässig die Hand und ich vermute einfach mal, dass das Vincent ist. Ansonsten liegt in diesem Zimmer nur noch eine ältere Frau, die tief und fest zu schlafen scheint.
„ Hallo.“, begrüße ich Tom hölzern. Dieser wirft Vincent einen kurzen Blick zu, woraufhin er den Raum verlässt. Na toll, alleine mit meinem Ex. Der mich eigentlich hassen müsste. Was zur Hölle ist hier
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Kommentare
Vany schrieb am 2010-03-11 21:41:22:
großer gott!! ich finde es wunderschön, dass du eine weitere geschichte von dir reinstellst (:
und ich bin übelst begeistert! allein der anfang is einfach sensationell! ich finde es schön, dass du immer auf solch interessanten ideen kommst (;
und ich liebe deinen witzigen schreibstil (:
weiter so!!!!
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