Wind in den Haaren
von
Birdy
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Wieder einmal einer dieser unglaublich heißen Spätsommerabende, wie die Sonne sie nur in den mittleren Südstaaten hervorbringt.
Ein warmer Wind bläst durch die tiefgrünen Holly-Bäume, die unsere Ranch umsäumen...lässt die Blätter rascheln, spielt mit den Kornhalmen des nebengelegenen Feldes. Er weht durch mein Haar, dass unter der heißen Sonne so blond geworden ist. Die Hitze lässt meine Haarspitzen kräuseln, so dass es fast scheint, als hätte ich Locken.
Ich sitze auf der großen Veranda unseres Farm-Hauses...schwinge auf der Hollywood-Schaukel, die diesen Sommer so oft Schauplatz großer oder kleiner Familienvereinigungen gewesen war...
Nicht heut abend. Heut abend sitz ich hier alleine und beobachte ein letztes Mal, wie die Sonne nach einem heißen, lauten, glücklichen Sommertag am Horizont versinkt.
Einige letzte Sonnenstrahlen fallen durch die Bäume, fallen auf mein Gesicht, lassen meine Haare fast golden erscheinen.
Die Ranch scheint bereits in tiefem Schlaf zu liegen. Einzig die nasse Badekleidung an der Wäschleine erinnert noch an den heiteren Tag am nahegelegenen See. Einige verblichene Spuren nasser Füße auf dem Holz der Verande erinnern an den lustigen Spätnachmittag, der noch wenige Minuten zuvor die Luft mit lautem Lachen erfüllt hatte.
Auf dem Tisch liegt ein schwarzer Cowboyhut aus Filz, dessen Farbe und Form schon etwas gelitten hatte infolge zahlloser Ausritte diesen Sommer. Ich beuge mich nach vorne und setze den Hut auf, der mir so unwahrscheinlich lieb geworden ist in den letzten Monaten. Er scheint all die Geschichten zu erzählen, die mein Leben so bereichert haben...wenn ich ihn etwas tiefer ins Gesicht zog war mir, als roch er nach den frischen Mohnblumen, die ich so oft auf dem Heimweg passiert hatte...
Wer hätte noch vor einem Jahr gedacht, dass ich mich einmal mit nem Cowboyhut und Blue-Jean-Shorts so wohl fühlen würde? Und doch konnte ich mich nicht daran erinnern mich jemals besser gefühlt zu haben...so saß ich da in meinen Bluejeans, einem weißen Top und meinem schwarzen Cowboyhut... mein Gott, ich war zuhause!!
Zuhause auf der großen Ranch mit all den Pferden, Cowboys und Kirschbäumen...
Und doch sollte es das letzte mal sein, dass sich mir dieses Bild bot....die Sonne, die hinter den Bäumen versank um den silbringen Mond freizugeben, der nirgends so groß und hell schien wie in Missouri.
Ich schließe meine Augen und bewege mich sachte im Rhytmus der Hollywood-Schaukel, während der Wind in meinem Haar mir all die Geschichten noch einmal zu erzählen scheint, die ohnehin bereits so unvergesslich sind... und er flüstert "Stay....you're home!".
Und ich weiß, er hat Recht...
Ich lausche dem kleinen Bach, der direkt am Wegrand seinen Lauf nimmt...wie oft haben wir dort gesessen um unsere Füße nach einem langen Tag im kalten Wasser zu kühlen.
Noch ein letztes Mal mache ich mich auf den Weg durch das satte Gras, das zwischen meinen Zehen kitzelt...ein letztes mal berühre ich barfuß den trockenen Staub des Driveways, vorbei an riesigen alten Kirschbäumen, deren Äste man durch mein Schlafzimmerfenster erreichen konnte um sich eine handvoll Kirschen zu holen, selbst wenn man bereits im Bett lag...
Zwischen zwei besonders großen Kirschbäumen hängt meine weiße Leinen-Hängematte, die Schauplatz so wahnsinnig vieler Träume gewesen war....soviele Briefe und Geschichten habe ich hier geschrieben...soviele Gedanken, Hoffnungen und Versprechen mit "ihm" geteilt.. "Will you remember me?" - "Sure will....wouldn't have to, if you just stayed!"
Ich konnte nicht bleiben...aus jedem Traum galt es einmal zu erwachen, so auch aus diesem. Jedoch nicht heut Abend...denke ich, als ich mich noch einmal in die Hängemätte niederlasse. Meine Füße berühren das kühle Gras...und wieder spür ich den warmen Wind in meinem Haar "Stay..." flüstert er.
Es riecht nach frischem Heu, Mohnblumen und Kirschen....und ich versuche mir diesen Geruch ganz ganz fest einzuprägen. Versuche mir das Gefühl einzuprägen, wie das Gras sich unter meinen Fußsohlen anfühlt, während ich mit der Hängematte im Wind schaukel...versuche mir das Bild einzuprägen, wie die Sonne ihre letzten Strahlen auf "meine" Ranch wirft und zu sagen scheint "Sieh nochmal genau hin, Birdy...ein letztes Mal!"
Ich pflücke einige Kirschen vom Baum und versuche mir den Geschmack einzuprägen..niemals wieder sollte ich Kirschen essen, die so saftig und fruchtig waren, wie die auf der Southpeak-Ranch. Ich möchte nicht aufstehen...wissend, dass ich wohl niemals wieder freien Gedankens in meine Hängematte sinken könnte, einfach nur zum Träumen...
Mittlerweile ist es fast dunkel und ich begebe mich auf den Weg zurück zum Haus.
Ein letztes Mal besteige ich die hölzeren Stufen auf zur Veranda. Hier steh ich nun und blicke auf ein Jahr voller unglaublicher Erinnerungen...wieviel Glück ich doch habe!
Mit dem letzten Sonnenstrahl wische ich mir eine einzelne Träne von der Wange, die wohlwissend dafür vergossen wurde, dass es an der Zeit war, Abschied zu nehmen...
ein letztes mal schließe ich die Augen und nehme ganz bewusst den Wind wahr, der noch immer mit meinen Haaren spielt..."Stay, Birdy!"
Mein Gott, wieviel Glück ich doch hatte!!!
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Kommentare
Denise Rüegg schrieb am 2008-02-26 20:27:58:
Du hast eindeutig riesiges Talent! Wahnsinn... Eine wunderschöne Geschichte!
Mach weiter so!
Lg Denise
Medi schrieb am 2008-02-23 17:18:49:
Am liebsten würde ich jetzt an dem kleinen Bach sitzen und die Füße im Wasser baumeln lassen. Und dabei noch
ein paar Kirschen essen. Hat mir gut gefallen.
kati schrieb am 2008-02-22 19:13:36:
unglaublich schön beschrieben!
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