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Kategorien > Kinder Geschichten > Weihnachtliches

Wintersonne

von Sowin

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... eine Weihnachtsgeschichte

Juliana wohnte auf dem Lande. Fünf Jahre zählte sie. In ihrem Dorf war es wichtig, sich den Regeln der Familie unterzuordnen, wozu auch die Kirche gehörte. Juliana fiel es schwer. Die Kirche war ihr ein Greuel. Die Bänke so hart, die Gesänge so traurig, der Pfarrer so einschläfernd. Die Sonntage waren unerträglich. An diesen musste sie ausgerüstet mit Gesangbuch die Bank drücken und Halleluja singen, das gottseidank auch ein Amen hatte.

An den Werktagen war es nicht wichtig zu singen und zu beten. Und Gott und die Menschen waren sich einig. Die Kirche allerdings hatte nicht nur etwas Düsteres und Trauriges für Juliana. Ganz im Gegenteil: Es gab auch etwas Schönes, das sie freute. Jeden Dienstag fand am Nachmittag ein Treffen statt. Kinder in ihrem Alter fanden sich ein. Die Kirche organisierte diese Zusammenkunft. Eine freundliche Dame unterstützte die Gruppe. Sie spielte mit den Kindern, bastelte an den bevorstehenden Feiertagen und brachte ihnen Lieder bei. Diese Lieder fand Juliana nicht schön, da sie denen in der Kirche ähnelten und sie dachte dabei an die harten Bänke, die sie an den Sonntagen drücken musste. Weihnachten stand vor der Tür. Die Sterne waren fertig gebastelt. Mit diesen wollten sie armen und kranken Menschen eine Freude bereiten. Auch zwei Lieder übten sie ein.

Das Singen fand Juliana langweilig. Basteln gefiel ihr viel besser. Bei den Proben brachte sie den Mund nicht auf, so dass kein Ton entweichen konnte. Ganz fest presste sie die Lippen aufeinander. Manches Mal sahen ihre Freundinnen zu ihr hin und verstanden nicht, warum sie nicht mitsang. Die Proben waren beendet und kurz vor den Festtagen sollten sie zeigen, was sie geübt hatten.

In dem Dorf, in dem Juliana wohnte, gab es viele alte und kranke Menschen, die allein lebten. Einige konnten schon lange nicht mehr aufstehen und waren daher auf Hilfe angewiesen. Juliana dachte nicht, dass es die alten Menschen freuen könnte, ihrem Gesang zu lauschen. Sie sang nicht schön. Wenn sie den Mund aufmachte, krächzte sie wie eine Krähe. Daher stellte sie sich immer nach hinten, um nicht bemerkt zu werden.

Der Tag der Aufführung nahte. Sie wollten eine alte Dame besuchen, die bettlägerig war. Diese wohnte in einem alten baufälligen Haus. Schmale Holztreppen führten nach oben in ihr Zimmer. Die Tür quietschte beim Öffnen. Die alte Frau lag mit etwas erhöhtem Kopfkissen in ihrem Bett. Sie war schon sehr alt. Unzählige Falten und Runzeln konnte Juliana sehen. Bestimmt ist sie schon zweihundert Jahre alt, dachte Juliana.

Als sich alle Kinder aufgestellt hatten, um ihr eingeübtes Lied vorzutragen, hatte sich die Sonne einen Spalt durch die Ritzen des kleinen Fensters erkämpft. Sie lugte herein. Vielleicht wollte sie auch zuhören?

Die Gruppenleiterin forderte zur Ruhe, denn das Lied sollte beginnen. Es war sehr ruhig in dem Raum. Die alte Dame zeigte nun zwischen ihren zahlreichen Falten ein Lächeln. Sie schien sich zu freuen, obwohl sie noch nicht einmal begonnen hatten zu singen. „Ihr Kinderlein kommet“ sangen sie. Alle Strophen, die sie eingeübt hatten. Juliana versuchte wenigstens ihre Lippen zu bewegen, denn sie konnte ja nicht richtig singen.

Das zweite Lied hieß: „Vom Himmel hoch da komm ich her“. Auch hier sangen sie alle Verse. Nachdem sie geendet hatten, fing die alte Dame zu weinen an. Dicke Tränen rannen ihr über die Wangen. Sie freute sich sehr. Die Wintersonne, die die Tage kaum wärmen konnte und spärlich zum Fenster hereinschaute, schien sich mit ihnen zu freuen. Sie strahlte intensiver, so kam es Juliana vor.

Als die alte Dame die Tränen bekämpft und sich bei den Kindern bedankt hatte, meinte sie ganz beiläufig: „Ihr singt so schön, Kinder, alle miteinander, aber das Mädchen da hinten - und sie zeigte mit ihrer faltigen, und vor Freude zitternden Hand auf Juliana - habe ich aus allen herausgehört und ich finde, sie hat die schönste Stimme."

Jetzt war Juliana sprachlos. Ihre Stimme soll die schönste sein? Die alte Dame deutete ihr an, nach vorne zu kommen und für sie persönlich eine Strophe zu singen: „Ihr Kinderlein kommet...“ stimmte Juliana zaghaft an. Sie sang in den höchsten Tönen und war überrascht, dass sie so schön singen konnte. Die Wintersonne schaute auf die beiden - die alte Dame und Juliana. „Vom Himmel hoch, da komm ich her...“ schien sie mitzusingen. Da schloss die alte Dame die Augen. Eine letzte Träne zwängte sich heraus. Sie ließ die Arme sinken und schlief ein. Ein Lächeln auf dem Gesicht, von der Wintersonne umstrahlt.

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