Wintertag
von
Demeter
1
Vergnügtes Kinderlachen.
Am Morgen.
Lasst es mich noch einmal sagen: am MORGEN.
Es ist ja schön, wenn Eltern berufstätig sind, aber müssen sie ihre kleinen, hyperaktiven Gören schon um 6:30 Uhr im Kindergarten abladen?
Ich mein, die wecken mich VOR meinem Wecker.
Und ich schlafe schon permanent bei geschlossenem Fenster. Hier läuft doch eindeutig was falsch!
Der Kindergarten ist also direkt neben an. Die Ganztagsschule eine Straße weiter macht die Sache irgendwie auch nicht besser.
Da ich eh nicht mehr einschlafen kann, stehe ich auf und koche mir einen Kaffee. Obwohl... Will ich das etwa wach ertragen? Nächste Frage: Habe ich eine Wahl?
Nachdem ich letzteres verneint habe, hat sich die erste Frage erübrigt.
Die Knie an den Körper gezogen, hocke ich auf meinem Küchenstuhl und verbrenne mir die Zunge an der heißen Tasse Instant-Kaffee. Ja. So schmeckt Motivation.
Ich starre die Wand an.
Höre noch mehr Kinderlachen.
Schließe das Küchenfenster und ziehe die Vorhänge zu.
Viel zu früh bin ich an der Fachhochschule.
Es schneit und ich habe das einzige Paar Stiefel angezogen, das sich in meiner Wohnung finden ließ. Natürlich sind die Sohlen ohne richtiges Profil. Sonst würde das alles hier doch nicht so einen Spaß machen.
Als ich in den Korridor einbiegen will, kommt mir erstmal eine Schwingtür entgegen. Ich erhasche noch einen Blick auf den Typen, der sie losgelassen hat, obwohl er ganz genau sehen musste, dass ich hinter ihm bin.
Mit aller Kraft, die mein durchgefrorener Körper aufbieten kann, stoße ich die Tür zurück und rufe:
"Bei dir hackt's wohl?!"
"Ich wusste ja nich, dass du so schnell bist...", kam die gemurmelte Antwort.
"Ich geb dir gleich mal schnell!", fauche ich ihn an. Dass er fast fertig ist mit seinem Studium und ich ein Zweitsemester, ist mir egal. Dass er viel älter ist auch.
Heute brauch ich ein Opfer. Versteht mich nicht falsch, ich vergreife mich nicht grundlos an Kleineren, aber heute muss ein Sandsack her.
Völlig steif und verkrampft lasse ich mich langsam auf meinem Stuhl nieder. Als ich vorsichtig meinen Schal abwickle, stelle ich fest, dass mein Nacken weh tut.
"Hast du dich schon wieder verlegen?", kommt ein mitleidiger Blick von der Seite.
"Mhm...", brumme ich. "Geht gar nich anders bei der Schlafcouch. Ich glaube die ist extra so konzipiert, damit die Physiotherapeuten genug Arbeit haben."
Meine Entgegnung wird mit einem quietschigen Lachen quittiert.
Die Vorlesung beginnt.
Unser Prof, ein Max... Sowieso. Der Kerl sieht eher aus wie ein verhinderter Infostudent. Während ich noch so überlege, ob ich ihm einen Karrieretipp geben soll, lässt er sämtliche Schlüssel fallen, schmeißt den Beamer fast zu Boden und scheitert als Respektsperson. Dass er überhaupt ganze Sätze rausbringt, beeindruckt mich schon fast.
Inkompetente Führungspersönlichkeiten auf die man angewiesen ist. Hurra... !
Als aber der Herr Dennis Ich-kann-alles-Ich-weiß-alles-darum-spreche-ich-für-meine-Mitmenschen Zusatzaufgaben fordert, ist es zu viel. Er wird vertröstet, die Aufgaben sind vor der Klausur zur Festigung gedacht.
"Aber wir müssen das doch jetzt üben!", protestiert Dennis weiter.
Ein Ex-Bundeswehrsoldat, ein Schrank von einem Mann, dreht sich bedrohlich langsam zu Dennis um und fängt an, ihn mit kurzen, zackigen Sätzen vollzutexten.
Ich schreibe es dem abgrundtief bösen Blick zu, dass Dennis die Klappe hält.
Und danke Gott oder wem auch immer für die Existenz des Bundis.
1
Kommentare
Keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen