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Kategorien > Surrealismus > Skuriles

Wir bitten um Entschuldigung

von Alex

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Wir bitten um Entschuldigung


Der Zug hatte bereits 15 Minuten Verspätung, als er in den Düsseldorfer Hauptbahnhof einfuhr - wegen nicht erbrachter Vorleistung. Um einen ICE nicht zu behindern, hielt der Regionalzug ausnahmsweise am Gleis gegenüber. Das hätte mir bereits eine Warnung sein sollen. Neben mir standen Hunderte anderer Leute die auf diesen Zug, oder bereits den nächsten Zug derselben Strecke, warteten. Letztere hatten natürlich das glückliche Gefühl, einen Zug zu erwischen, der im Grunde 15 Minuten früher als gedacht eintraf.
Nun denn, ich bestieg den Zug und hockte mich auf die Treppe zur ersten Klasse hin - die Sitzplätze waren wohl schon seit Oberhausen komplett belegt. Hätte ich mir doch bloß nicht den dicken Pullover mit Kapuze und die Jacke „für den Übergang“ angezogen… denn schon nach wenigen Sekunden fühlte ich, inmitten der schwitzenden, fetten Leute, wie sich die Platzangst in mir breit machte. Meine Jacke begann unangenehm zu kratzen.
Dabei hatte sich die Zugtüre noch gar nicht geschlossen. Offensichtlich sollte dem ICE am Bahnsteig gegenüber die Vorfahrt eingeräumt werden. Diverse Nachzügler und Überpünktliche konnten somit unsere Fahrgemeinschaft noch bereichern. Das Jucken sickerte nun schon durch den Pullover.
Ich blickte in die Gesichter der Leute um mich herum. Ermüdete Arbeitnehmer, eine Mutter mit Kind, eine Mutter mit 3 Kindern, eine Lehrerin mit ganzer Klasse im unteren Abteil dieses Doppelstockwagens und Leute, denen man nicht mal in der Lederbar begegnen möchte. Der Rucksack, auf den ich meinen Rücken gebettet hatte, trug nun seinen Teil zum Jucken bei, da ich in dieser schwülen Hitze leicht transpirierte. Da kam eines dieser Kinder auf mich zu, ein Mädchen, vielleicht 6-7 Jahre alt, und sprach: „Sag Auf Wiedersehen zur Welt.“ Und die Zugtüre schloss sich endlich.
Ich hangelte mich an den Anzeichen zur Weiterfahrt voran. Das Signallicht am Türöffner erlosch, die Mechanik des Zuginneren gab Geräusche von sich, der Hinweis auf diesen Zug am Bahnsteig verschwand. Und soweit war es bis Köln doch nicht! 30 Minuten bis zur Freiheit!
Die Lautsprecheranlage ertönte: „Guten Tag verehrte Zugestiegene, hier spricht ihr Zugführer. Willkommen auf dem NRW-Express von Dortmund nach Aachen. Hier noch mal der Hinweis: Dieser Zug hält aufgrund eines Personenschadens nicht in Düsseldorf-Benrath und Leverkusen-Mitte. Stattdessen wird dieser Zug umgeleitet über Opladen. Reisenden nach Leverkusen-Mitte wird empfohlen, in Opladen auszusteigen und dort mit dem Bus weiterzufahren. Des Weiteren bitten wir die Verspätung von 15 Minuten zu entschuldigen, der Zugbegleiter hat leider die Abfahrt des Zuges in Dortmund verschlafen. Zusätzlich möchten wir sie noch darauf hinweisen, dass in diesem Zug ein Zugbegleiter, ein viel besserer, mit einem Rollwagen ihnen die Möglichkeit anbietet, Getränke oder Snacks zu kaufen. Wir wünschen ihnen noch eine angenehme Reise und hoffen, dass sie uns in Ruhe lassen, danke!“
Naja, zum Glück musste ich nicht nach Leverkusen, das wünscht man im Allgemeinen niemandem… der Zug fuhr los.
Durch die Tür konnte ich sehen, wie Düsseldorf an mir vorbeizog. Da Düsseldorf jedoch eine ziemlich langweilige Stadt ist, hörte ich lieber den Fahrgästen zu. Da war dieses Hartz IV-Ehepaar. Er mit Vokuhila, sie mit gespritzten Lippen. Er meinte: „Scheißbullen, die kriegen mich nich. Sollen die doch kommen, ich schalt um.“ Sie antwortete: „Du Arschloch, und ich hab immer zu dir gestanden. 20 Jahre! Hab ich immer zu dir gestanden, du Arschloch!“
Und neben mir, auch auf der Treppe hockend, war dieser ältere Herr, der stupide nach vorne starrte und vor sich hin murmelte: „Geschichte. In die Geschichte eingehen. Helmut Kohl töten und in die Geschichte eingehen.“
Nun, ein Gutes konnte ich meinem dicken Pullover doch abgewinnen indem ich die Kapuze über den Kopf zog. Wenigstens hatte mein letzter radikaler Friseurbesuch dafür gesorgt, dass die Haare nicht allzu sehr kratzten. Dennoch dachte ich gerade darüber nach, mir jedes Haar einzeln auszureißen.
Der Zug verlangsamte seine Fahrt. Wir waren wohl kaum aus Düsseldorf raus und auch wenn ich nur diesen einen Gedanken hatte, der Zug möge doch bitte nicht ganz anhalten, tat er genau dies. Die Lautsprecheranlage ertönte: „Verehrte Fahrgäste, aufgrund einer Weichenstörung, die sich aus unserem abweichenden Fahrplan ergibt, verzögert sich unsere Weiterfahrt um einige Minuten. Das hätten sie sich doch auch denken können! Es sollte jedoch schnell weitergehen.“
Da hörte ich einen Rollwagen klappern.
„Guten Tag, darf ich ihnen eine Erfrischung oder einen Snack anbieten?“ sagte der schwarze Zugbegleiter. Sofort drängelten sich die Gäste meines Zwischenbereiches um ihn aus Angst, nicht zum Zuge zu kommen und bestellten dies oder das. Diese Schulklasse wusste anscheinend besonders gut, was sie wollte, was sich aus ihrer Lautstärke ableiten ließ, mit der sie ihre Wünsche überbrachten.
„ICH WILL EIN MARS!“ rief das eine Blag, „ICH WILL EIN SNICKERS!“ rief die andere Göre. Ich hätte sie am liebsten alle gefressen und mein Baumwollshirt juckte nun ebenso. Offensichtlich sammelte sich an meiner unteren Rückengegend ein kleines Rinnsal aus Schweiß. Dann fuhr der Zug endlich weiter und ein Seufzer der Erleichterung ging durch die Runde.
Mir gegenüber befand sich das Zug-WC. Dies war gerade besetzt, und so sehr der toughe Business-Typ auch an der Türe rüttelte, sie öffnete sich nicht. „Hallo? Geht’s ein bisschen schneller?“ „Ja Moment..“ hauchte die Stimme von innen. Plötzlich spürte ich einen Luftzug von hinten kommend. Der ersten Klasse verlangte es wohl nach Abkühlung. Dies wäre auch keine schlechte Idee gewesen, hätte diese frische Luft nicht zufällig meinen durchschwitzten Rücken abgekühlt, so dass ich ganz allmählich zu frieren begann. Der Lackaffe mit Aktenkoffer rüttelte erneut. „Wird’s bald?“ „Ja Moment..“ „Herrgott!“ Ja ja, das feine Schnitzel musste ihm wohl schwer im Magen liegen. Seine Blase war möglicherweise kurz vor dem Bersten vor lauter Champagner.
„Darf ich ihnen einen Snack oder eine Erfrischung anbieten?“ fragte der Zugbegleiter und der neureiche Sack platzte heraus: „Ob sie was???? Sie Vollidiot! Ich muss hier scheißen und sie fragen mich….sie…sie…Unterschicht! Sie Billiglohnempfänger! Sie Sozialstaatschmarotzer! Sie illegaler Einwanderer!“ Der Zugbegleiter starrte mit großen Augen wortlos sein Gegenüber an, welcher noch nicht genug hatte. „Parasit! Sie ekeln mich an! Geben sie mir nen großen Becher! Ich scheiß da rein.“
Ja, und er machte es. Der Colabecher war zwar etwas zu klein, nahm aber doch einen Großteil des Haufens auf. Das sechsjährige Mädchen rüttelte am Rock seiner Mutter, welche sich daraufhin herunterbeugte, und fragte sie: „Mama, müssen wir alle sterben?“ Das fand ich dann doch etwas dick aufgetragen und blickte wieder nach draußen. Wo waren wir jetzt eigentlich? Die Landschaft sah schon ganz anders aus. Es war ein bisschen hügelig geworden. In der Ferne konnte man eine

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Kommentare

Owen schrieb am 2008-06-12 12:55:57:
Wow das is echt gut wwar sogar witzig richtig gute story hat kultpotential finde ich
Darktear schrieb am 2006-10-22 02:27:32:
Also ich finde deine Geschichte gut.. weiter so .. :-)

Liebe Grüsse

Dark
Lexa schrieb am 2006-10-20 23:25:34:
@demeter:"lol", eine lady genießt und schweigt, aber vielleicht trifft man sich mal. LG Lexa
Vicky schrieb am 2006-10-20 19:49:30:
@Lexa: Hey, Du musst das anders sehen, Du kannst doch für a x einsetzen oder x für a, oder b für a, oder mit a könnte z gemeint sein. Ich würd Dir das empfehlen! Na, alles klar? Hoffe Du bist jetzt wieder im Lot, andere haben es da erheblich
schwerer. Übrigens toll geschrieben.
Demeter schrieb am 2006-10-20 19:10:22:
Hey,
ich fahr fast täglich mit der Bahn. Und ich krieg mich vor feiern kaum noch ein! Einfach geil! *lol*
Das Todesmädel find ich ja am besten. Wenn ich die im Zug mal treffen sollte, frag ich sie, wer eigentlich Gregor ist. Und Schalter reagieren nie auf irgendwelche Anfragen. "Wir leiten das sofort in die Zentrale weiter..." Ja, ja. Wer's glaubt.
Die ganze Story ist etwas strange, hätte vielleicht besser in "Absurd" gepasst, falls du dir die Definition von Surrealismus schon mal durchgelesen hast.
Schreib schön weiter, Demeter
Coils schrieb am 2006-10-20 12:37:15:
Ziemlich cool - viele Situationen habe ich selbst schon so oft erlebt, besonders dieses Gefühl der Enge in diesen immer zu spät kommenden Bahnen. Ziemlich aus dem Leben - zu Anfang natürlich! Auch verdammt gut geschrieben, meiner Meinung nach. Zumindest wollte ich schon nach den ersten Zeilen weiterlesen. Aber das Düsseldorf langweilig ist, kann ich nicht bestätigen - ich bitte Dich! Was will man denn in Köln? ;-)
Lexa schrieb am 2006-10-20 12:11:56:
Gregor weiss es auch. Ist der Zug abgefahren; dachte er hält? War das Licht am Ende des Tunnels ein ICE in meine Richtung, oder doch das Licht, dass endlich die Richtung weist? Little bit confused,
LG Lexa.

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