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Kategorien > Krieg > WW2

Wofür

von Shagohood

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„Kannst du aufhören, willst du es nicht. Willst du aufhören, kannst du es nicht.“

Als Sazuke seine Augen öffnete, sah er den grauen Stahlboden so nah, dass er unscharf war. Er hob seinen Oberkörper und blickte auf den Knien zu dem Altar. Eigentlich hielt er nicht viel vom Beten, aber seitdem er seine Ausbildung begonnen hatte, war er sicher, dass es nicht das Schlimmste war an einen Gott zu glauben. Immerhin würde er einen beschützen.
Immer noch kniend sah Sazuke im Augenwinkel seine Kameraden, die es ihm gleichtaten. Er war der Erste, der sich aufgerichtet hatte. Sazuke vollführte seine Gestik und beendete sein Gebet, mit den Gedanken an seine Frau und seinen kleinen Sohn.
Er müsste inzwischen schon 7 Monate alt sein. Sazuke unterdrückte das Weinen, als er merkte, dass er ihn niemals sehen würde. Im Kontrast dazu war er glücklich darüber, dass etwas von ihm bestehen blieb.
Mit seiner rechten Hand bereitete sich Sazuke darauf vor sich aufzustützen, während seine linke Hand sein Stirnband ergriff und es fest umschloss. Er merkte erst wie fest er es umschloss, als sein Unterarm unter der kraftvollen Anspannung seiner Muskeln zu vibrieren begann. Er hatte Angst. Sazuke hoffte nun inständig, dass niemand seiner Kameraden oder sogar Vorgesetzten dies bemerkt hätte. Zu seinem Glück haben sie ihr Gebet immer noch nicht beendet. Sazuke erhob sich nicht, sondern wartete auf die Anderen. Er fragte sich, was es da so lange zu beten gibt. Er starrte auf den Altar. Sazuke starrte in die Augen eines Mannes, welche auf eine Fotografie zu sehen war. Eingerahmt stand das Bild umrundet von Kerzen auf der Spitze des Altars. Sazuke hatte den Mann nie getroffen und doch tat er alles für ihn. Diese Ironie deprimierte ihn.
Er hörte wie Wellen gegen den Rumpf schlugen. Das Wetter war rauer geworden und ebenso die See.
Der kalte und nasse Schuss des Windes traf Sazukes Nacken, was seine Nervosität nur stärkte.
Endlich erhob sich einer der Anderen und beendete sein Gebet. Angesichts dessen was Sazuke bevorstand, war es zwar mehr als geringfügig, doch ihm war kalt und er wollte von dem toten, rauen Stahlboden so schnell wie möglich wieder aufstehen. Sazuke erhob sich und band sich sein Stirnband um seinen Kopf. Tausende Male hatte er dies heimlich geübt. Ihm war es wichtig, dass er auch die kleinen Sachen perfekt ausführte, selbst die, die nie Beachtung fanden. Als Bauer hatte er dies auch stets verfolgt.
Gerade als er das Seidentuch zugeschnürt hatte, hörte er die Stimme seines Vorgesetzten. Plötzlich standen alle auf und folgten dem Beispiel von Sazuke.
Jene Männer, die vorher so ruhig da saßen und beteten, waren nun schnell und organisiert. Jeder ging sofort zu seiner Maschine. Auch Sazuke hastete zu seinem Gefährt. Er war der Achte, der auf seinem Flugzeugträger starten sollte. Es ging alles so schnell, dass Sazuke das Flugzeug schon unbewusst in die Luft brachte. Das kurze Gefühl der Übelkeit und die leichte Höhenangst beim Start, welche Sazuke jedes Mal innerlich verkrampfen ließen, hatte er nie vollkommen überwinden können. Erst jetzt konnte er alle seine Systeme prüfen. Abgesehen von den üblichen kleinen Macken war seine beengte Maschine in Bestform.
Er rückte das Bild seiner Frau neben seinen Armaturen zurecht, welches zuvor dort befestigt hatte. Das Bild zeigte eine zierliche Frau, welche augenscheinlich hochschwanger war und einen jungen Mann, der die Frau von hinten mit seinen Armen umschlang. Es war das erste Mal, dass Sazuke an diesem Tag lächelte. Eigentlich war es verboten Dinge aus der Heimat mit in die Mission zu nehmen. Sie sagten immer, dass der Soldat sich auf seine Mission zu konzentrieren habe. Sazuke wusste, dass sie nur wollten, dass die Flieger ihren Auftrag durchführten und keine Zweifel bekamen. Doch ihm war es egal, dass es verboten war.
Egal wo sein Körper sich befand, seine Seele war immer bei ihr, wenn er das Foto betrachtete und das war ihm unbezahlbar. Er wünschte er könnte sie noch mal so fest umarmen, wie er es bei der Entstehung der Fotografie getan hatte.
Ein rauschender Funkspruch schoss Sazuke durch das Ohr und riss ihn aus seiner Geistesabwesenheit. Das Ziel war nahe. Sazuke blickte nach rechts und sah nichts anderes als andere Flugzeuge, wie das, in dem er saß. Über und rechts von ihm war es derselbe Anblick. Es waren bestimmt Hunderte. Ein Schwarm. Ein Geschwader. Eine Wolke
Ein stolzes Wir-Gefühl erfüllte sein Herz. Er war teil des Kollektivs.
Die Wolken vor Sazuke lösten sich auf und er konnte das Land sehen. Das Land in dem der Feind lebte. Sazukes Arm vibrierte wieder, doch es war nicht die Furcht. Er biss sich auf die Unterlippe.
Bereits in diesem Moment fingen die Maschinen an der Spitze an ihren Sturzflug zu beginnen. Sazuke zögerte. Er kannte seine Kameraden kaum und doch schloss er sie jedes Mal in seine Gebete ein und auch in diesem Moment verfolgten seine Hoffnungen und Wünsche ihren Weg. Er hoffte das Beste, obwohl er sehr wohl wusste, was sie alle erwarten würde.
Die Welle der abdrehenden Flugzeuge kam näher und erreichte ihn schließlich. Die Maschinen zu seiner beiden Seiten verschwanden in der Tiefe. Sazuke drückte seinen Steuerhebel nach vorne. Seine Maschine neigte sich und plötzlich entstand dieses alles füllende Geräusch. Er spürte wie das Geräusch selbst einen gewaltigen Druck auf seinen Körper ausübte. Sazuke befand sich nun beinahe im senkrechten Sturzflug. Die Ecken seines Fotos fingen an zu flattern. Sazuke würdigte es mit einem langen Blick. Die Zeit schien still zu stehen. Es gab nun kein zurück mehr. Gerade als Sazuke das bewusst wurde, konnte das Foto nicht mehr standhalten und flatterte aus Sazukes Sichtbereich. Nun blickte er wieder durch seine Frontscheibe. Er sah Schiffe, Flugzeugträger und Feuer. Sehr viel Feuer. Die Schiffe brannten lichterloh. Sazuke konnte den Rauch förmlich riechen. Gleich würde es passieren.
Das Schiff war nun schon so nahe, dass er den Namen deutlich lesen konnte. Wie in Zeitlupe kam das Schiff näher. Sazuke spürte wie seine Finger kalt wurden. Ein schleichendes Gefühl, welches sich seine Arme hocharbeitete. Seine Hände zitterten, als ob sie versuchen würden dagegen anzukämpfen, doch bei seinen Füßen hatte es auch schon begonnen. Die Kälte auf dem rauen Stahlboden des Flugzeugträgers war nichts dagegen. Sazuke spürte wie mehr und mehr sein Sichtfeld enger wurde und schloss seine Augen, da er sie nun nicht mehr brauchte. Er konnte das Ziel auf garantiert nicht mehr verfehlen. Gleich würde es zu Ende sein.
Sazuke dachte an seine Familie. Er tat es für sie.
Sazuke dachte an seine Heimat. Er tat es für sie.
Sazuke dachte an die Fotografie des Mannes auf dem Altar. Für ihn. Sazuke schlug auf.
Er tat es für alles.

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Kommentare

Juls v. Schuelervz. schrieb am 2007-11-06 19:24:09:
Ganz ehrlich?
Ich sitze hier und weine >.<
Ich denke, du hast dein Ziel erreicht.
Es ist, als wäre man selbst zu Sazuke geworden.

(und weil der name japanisch ist und er von einem flugzeugträger auf hoher see startet und sein angriffsziel schiffe an einem hafen sind, würde auch ich sagen, es handelt sich um das zweite-weltkriegs-szenario pearl habour. richtig?)
sina franke schrieb am 2007-06-20 21:09:33:
einfach unglaublich wundervoll. dein stil ist der wahnsinn. mach weiter so. ich werde noch mehr lesen. ganz liebe grüße sina
Maateeenn schrieb am 2007-05-03 14:09:26:
Das geht ja wohl noch besser oder?????
Lissy schrieb am 2007-04-14 22:58:52:
ALs ich das gelesen hab viel mir irgendwie Pearl Habor ein....weiß auch nciht genau warum, aber ich liebe es, Geschichten von dir zu lesen...du hast ein besonderes Talent
Ich wünschte ich selber hätte das Schreiben nicht aufgegeben, aber selber wenn ich wieder anfangen würde, du stzt die Maßstäbe zu hoch, da würde ich nicht einmal annähern herankommen^^
Liebste Grüße L.
Lady schrieb am 2007-04-11 13:04:54:
hey, ich muß ehrlich zugeben das diese geschichte einer deiner wundervollsten sind...wenn man deine geschichten liest, ist es so als verführen sie einen...man versetzt sich hinein und man versteht was du zum ausdruck bringst. Keine Worte einfach nur: Einzigartig...

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