Wunder
von
SabrinaSZ
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Nina blieb einen Moment stehen und sah ihm zu. Sie hatte ihn schon oft dabei beobachtet, wie er in seiner Küche steht und ein Glas Wein trinkt. Meist lehnt er sich dabei gegen den Fensterrahmen und schaut hinaus, aber er hat sie noch nie bemerkt, obwohl sie jedes Mal erschrocken zusammenzuckt, wenn er den Blick in ihre Richtung schweifen lässt.
Nina fragte sich schon oft, was einen Mann in seinem Alter dazu veranlasst, fast täglich alleine mit einem Glas Wein den Abend am Fenster zu verbringen.
Karl ist 78 Jahre alt und wohnt seit fast 50 Jahren in dieser Wohnung. Nina wohnt nun seit einem Monat in ihrem Apartment – vorher lebte sie 500 km entfernt- und hat ihn bisher immer nur an seinem Fenster gesehen – niemals in der Innenstadt oder in seinem Garten, den er anscheinend einmal sehr liebevoll angelegt hatte. Sie konnte sehen, dass jemand viel Energie in diesen Garten gesteckt hatte, denn er war mit den verschiedensten Blumenarten bepflanzt. Anscheinend kümmert er sich nicht darum, denn durch eine Menge Unkraut wirkt alles sehr ungepflegt. Gerade jetzt in den Sommermonaten, in denen sich alle Blüten öffnen und die Blumen in den schönsten Farben strahlen, hatte Nina gehofft, Karl dort einmal anzutreffen.
Fehlanzeige.
Nina würde gern seinen Garten betreten, sich die Blumen anschauen und es sich in einem Schaukelstuhl gemütlich machen – so wie früher. Ihre Eltern hatten sie, als sie noch ein kleines Kind war, jedes Mal mitgenommen, wenn sie zu ihrem Schrebergarten fuhren. Manchmal verbrachten sie gemeinsam einen ganzen Sommer dort. Nina liebte es. Vielleicht erklärt das, warum sie sich heute so für Gärten und Blumen interessiert.
Ab ihrem vierten Lebensjahr hatte Nina nicht mehr die Chance, Nachmittage im Garten zu verbringen. Ihre Eltern starben bei einem Flugzeugabsturz und Nina´s Zuhause war von nun an ein Waisenhaus. Ihre Eltern waren beide sehr jung, als Nina geboren wurde. Die Eltern von Nina´s Vater lebten schon nicht mehr. Nina´s Großeltern von Seiten ihrer Mutter haben der kleinen Familie keinerlei Unterstützung geboten und den Kontakt abgebrochen. Sie waren sehr angesehene Leute und fanden, es sei eine Schande, dass ihre Tochter in so jungen Jahren ein Kind bekommt. Das Einzige, was Nina von ihren Großeltern weiß, ist, wie sie vor mehreren Jahren ausgesehen haben. Das weiß sie, weil ihre Mutter in ihrem Schlafzimmer ein Familienfoto auf dem Nachtschrank stehen hatte. Dort sah sie ihre Großmutter. Sie war eine blass aussehende große Frau; ansonsten recht unscheinbar. Ihr Großvater dagegen war relativ klein und hatte – wie Nina selbst - ein großes Muttermal am Kinn. Dieses Muttermal ist das, was ihr jedes Mal wieder erneut als Erstes ins Auge fällt, wenn sie dieses Foto betrachtet. Nach dem Tod ihrer Eltern hatte sie das Foto mit wenigen anderen Sachen aus ihrem bisherigen Lebensumfeld mit ins Waisenhaus genommen.
Nina hat nun ihren Schulabschluss gemacht, macht eine Ausbildung zur Floristin und kann sich nun ihr eigenes kleines Apartment leisten. Sie hasst es, alleine zu sein. Noch nie in ihrem Leben war sie so allein wie jetzt. Im Kinderheim war sie nie allein.
Karl lebt anscheinend auch allein. Wenn sie ihn an seinem Fenster stehen sieht, bemerkt sie jedes Mal sein ausdrucksloses Gesicht. Sie ist sich nicht sicher, ob nicht sogar einige Tränen über seine Wangen rollen. Wenn er so selten das Haus verlässt – wer kauft dann für ihn ein? Wo sind seine Freunde und seine Familie? Merkt denn niemand, wie sich dieser Mann in seiner Wohnung von der Außenwelt abschottet?
Nina hatte das Bedürfnis, ihn zu besuchen. Sie will am Samstag bei ihm vorbeigehen, eine Flasche Wein mitnehmen und sich bei ihm als „die Neue von Gegenüber“ vorstellen. Sie fand die Idee gut und als sie das Apartment verließ, um den Wein zu besorgen, traf sie auf eine Bekannte. Sie wusste, dass diese Frau schon ewig in der Gegend wohnt und Nina unterhielt sich ein wenig mit ihr. Sie fragte sie, ob sie etwas über Karl weiß und erhielt die Antwort, die sie bereits vermutet hatte. Karl ist in der Gegend als der „Depri“ bekannt. Er geht seit Jahren nicht mehr aus dem Haus und wenn, dann nur abends. Er hofft niemanden zu treffen, der ihn ansprechen könnte und ihn fragen würde, wie es ihm geht. Denn in dieser Situation antwortet er nie. Er dreht sich stattdessen um und geht seines Weges.
Nina erfuhr zudem, dass er mal geäußert hatte, dass es nur eine bestimmte Person wieder in seinem Leben geben müsste, damit er neuen Lebensmut fände und alle Leute gehen davon aus, dass er nicht über den Tod seiner vor Jahren verstorbenen Ehefrau hinweggekommen ist.
Nina spürte, dass sie etwas mit diesem Mann verbindet, aber sie wusste nicht, was es ist. Wahrscheinlich ist es das Erlebnis, geliebte Menschen viel zu früh verloren zu haben. Ja, das hat sie mit ihm gemeinsam. Und deswegen wuchs Ninas Wunsch, ihn zu besuchen und mit ihm zu reden noch mehr. Sie würde ihm frische Blumen mitbringen, denn sie schätzt, dass er sich vielleicht darüber freuen würde, da er sich früher einmal mit seinem Garten auch sehr viel Mühe gegeben hatte.
Der Samstag ist da. Nina hat sich hübsch angezogen, die Weinflasche mit einer Schleife verziert und sorgfältig etwas Folie um den Blumenstrauß gewickelt. Sie steht vor seiner Tür, atmet tief durch und klingelt schließlich.
Nichts passiert. Sie klingelt erneut und die Tür wird einen kleinen Spalt geöffnet. „Guten Tag, ich wohne seit kurzem hier gegenüber und …“.
„Kommen Sie herein. Was wollen Sie? Wollen Sie mich auch fragen, warum ich so ein verbitterter alter Mann bin und warum ich nicht rausgehe? Ich sage es Ihnen. Wozu? Ich habe keinen Lebensmut mehr. Mir macht es keinen Spaß, andere Menschen zu sehen und mit ihnen zu reden. Ich bin lieber allein. Und wenn…“ – zum ersten Mal schaut er Nina an. Er stockt und schaut sie einfach nur an. Wieder sieht sie seine traurigen Augen, aus denen jeden Moment Tränen schießen könnten. Sie ist sich unsicher, wie sie seinen Blick deuten soll und fühlt sich nicht mehr wohl. Jetzt standen sie beide fast eine Minute wortlos da und blickten sich an. Nina blickte ihn wirklich an – er dagegen starrte sie regelrecht an. Sie brach das Schweigen, denn sie konnte mit der Situation nicht mehr umgehen. Sie verabschiedete sich und entschuldigte sich für die Störung. Sie legte den Wein und die Blumen auf die Kommode und zog die Tür hinter sich zu.
In ihrem Apartment machte sie es sich auf ihrer Couch gemütlich. Der Mann, Karl, ging ihr nicht aus dem Kopf. Er sah viel älter aus, als sie ihn bisher vom Fenster gegenüber immer wahrgenommen hatte. Viel älter, viel trauriger und viel ungepflegter. Erst jetzt fiel ihr auf, was für einen dichten Vollbart er gehabt hat.
Nach langem Überlegen beschloss Nina, nicht mehr an ihn zu denken. Er tat ihr Leid, aber sie hatte jetzt selbst erlebt, dass man ihm nicht helfen kann. Sie wusste nicht wie und war erschöpft davon, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.
In dieser Nacht hatte sie kaum geschlafen. Es
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Kommentare
Gimliy schrieb am 2008-06-23 19:08:04:
Gute Geschichte. Es kommt mir zwar ein bisschen plötzlich vor, dass dieser Karl wieder fröhlich wird, aber es wird wohl ein echtes Wunder sein. Also auf jeden Fall hast du das alles gut beschrieben, dass man sich in die Leute hineinfühlen kann.
Mach weiter so: Gimliy
Ps: Ich suche auch immer nach Kommentaren, also wenn du mal Zeit hättest und meine Geschichten kommentieren könntest, würdest du mir einen großen Gefallen machen.
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