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Kategorien > Fantasy > Außergewöhnliches

Wunschdenken (Arbeitstitel) 1 - 6

von Stern

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1

Da ist ein Mädchen. Es schaut zu mir her.
Große Augen macht es und guckt ganz erstaunt. Was will das Mädchen hier? Das ist doch mein Zimmer. Blödes Mädchen. Hau ab. Geh weg.
Jetzt schaut das Mädchen mich feindselig und böse an.
Geh weg sage ich. Ich will dich nicht hier haben. Das ist doch mein Zimmer.
Aber das Mädchen geht nicht weg. Es steht noch immer einfach da, mit bösem Blick und verkniffenem Mund.
Du sollst endlich weggehen. Du dummes, blödes Mädchen. Geh doch weg. Geh endlich. Verschwinde.
Jetzt schaut das Mädchen nicht mehr böse. Überrascht registriere ich, dass es weint. Das habe ich nicht gewollt. Du musst doch nicht weinen.
Ich gehe auf das Mädchen zu und will ihm die Tränen vom Gesicht wischen. Es soll doch nicht weinen.
Meine Hand berührt kaltes Glas.
Das Mädchen bin ich.


2

Sie hat strahlende grüne Augen mit langen dunklen Wimpern. Hohe Wangenknochen und eine mit Sommersprossen bedeckte Stupsnase.
Sie bedeutet mir so viel.
Ihre Lippen sind weich, ihre Haut so zart. Die Zähne weiß und ebenmäßig, ihr Gesicht ist so voll Unschuld, es leuchtet geradezu von innen heraus. Ihr Lächeln ist so glücklich, so offen, als sei sie selbst die Sonne.
Ich bin vollkommen in ihrem Bann.
Das blonde Haar ist lang, es fällt über ihre schmalen Schultern. Das hellblaue Kleid das sie trägt, wirkt niedlich, ihre Füße sind in den Sandalen so nackt und bloß, so ungeschützt.
Sie ist alles, wonach ich mich sehne.
Ich sehe sie mir im Ganzen an.
Das lange blonde Haar, die schmalen Schultern, die kleinen Füße, das strahlende Gesicht, und das so wunderbar glückliche Lächeln.
Ein Tropfen fällt auf das feste Papier und perlt ab. Er kullert am Rand des Bildes entlang und fällt schließlich auf den Boden.


3

Wo will er denn hin?
Er weiß doch, dass er nicht einfach so weglaufen darf.
Er muss hierbleiben. Hier im Haus. Bei mir.
Wo will er hin?
Aber er kann nicht gehen. Ich weiß dass er es möchte. Er möchte fort, in die Freiheit.
Die Tür ist zu. Abgeschlossen.
Er weiß, dass er nicht weglaufen darf.
Ich muss aufpassen. Er findet den Schlüssel.
Er muss hierbleiben. Bei mir.
Ich stehe auf und nehme seine Hand.
Er sieht mich an. Vollkommen ausdruckslos.
Er weiß es. Er muss hierbleiben. Ich weiß dass es ihm nicht gefällt. Aber es muss doch sein.
Ich muss den Kopf in den Nacken legen um ihm direkt in die Augen zu schauen. Er sieht an mir vorbei zur Tür.
Wo will er nur hin?


4

Opal starrte mit leeren Augen in das Spiegelglas.
Sie berührte den Spiegel, berührte die Wange ihres Spiegelbildes, schien dessen Tränen abwischen zu wollen.
Nach einer ganzen Weile wandte sie sich ab und schaute suchend im Zimmer umher.
Doch ihr Blick fand nichts als festgeschraubte Möbel, alle aus kaltem Stahl.
Grauen Teppich sah sie, weiße Wände. Ein Bett mit grauer Bettwäsche und dünnen Decken und Kissen.
Den blanken Spiegel.
Opal setzte sich auf den Fußboden und zog die Beine eng an den Körper, umklammerte die Knie mit beiden Armen und legte ihren Kopf darauf.
Sie weinte, weinte stumm.
Kein Laut war in ihrem Zimmer zu hören, niemand würde ahnen, dass Opal weinte, wenn er arglos an ihrer Tür vorbeigegangen wäre.
Nur wenn man sich die Mühe machte, hineinzuschauen, konnte man an ihrer Haltung und den zuckenden Schultern erkennen, dass sie von starkem Schluchzen geschüttelt wurde.
Schließlich waren ihre Tränen versiegt und Opal stand auf. Sie setzte sich auf das Bett und starrte mit leeren Augen an die gegenüberliegende Wand.
Ihre Lippen bewegten sich, als ob sie sprechen würde, doch noch immer war kein Laut zu hören, nicht einmal ein Flüstern.
Opal litt stumm in ihrem kahlen Zimmer.
Nach einiger Zeit stand sie wieder auf und stellte sich erneut vor den Spiegel, berührte ihr Spiegelbild, als ob sie testen wolle, ob es echt sei.
Einen Moment lang sah es aus, als wolle sie lachen, denn ein kühles Lächeln umspielte ihre Lippen.
Doch dann ergriff die Traurigkeit erneut von ihr Besitz und die leeren grauen Augen füllten sich mit Tränen.


5

„Warum?“, flüsterte Onyx, Tränen liefen über sein Gesicht.
„Warum musste ich dich nur verlieren? Ich liebe dich doch…“, seine Stimme brach.
Onyx legte das Foto aus der Hand, er konnte es nicht länger ertragen, das hübsche Gesicht anzuschauen und zu wissen, dass er es nie wiedersehen würde.
Er stand auf und lief ruhelos durch seine kleine Wohnung, von der Terrasse aus ins Wohnzimmer, durch die Küche ins Bad, in sein Schlafzimmer, wieder in die Küche und von da aus zurück ins Wohnzimmer.
Nichts konnte der Traurigkeit in ihm Einhalt gebieten, nichts.
Im Wohnzimmer ließ er sich in seinen Schaukelstuhl sinken und schloss die Augen.
Längst vergangene Bilder tauchten vor seinem inneren Auge auf, so sehr er auch versuchte, diese Bilder zu verdrängen, es war unmöglich.
Auch ohne das Foto sah er jede Einzelheit von ihrem Gesicht vor sich.
Er hatte sie so oft im Arm gehalten, gestreichelt und geküsst.
Er meinte noch immer ihr weiches Haar unter seinen Fingern zu spüren, wenn er darübergestrichen hatte, über die blonde Lockenflut.
Ihren schmalen Körper in seinen Armen zu halten, sie zu umarmen und zu trösten, wenn sie Probleme gehabt hatte.
Ihren weichen Mund an seiner Wange zu fühlen, wenn sie ihn küsste.
Ihren heißen Atem, der an seinem Ohr kitzelte, wann immer sie ihm etwas zugeflüstert hatte.
Er konnte ihre Stimme hören, tief drinnen. Und ebenso tief in sich spürte er, wie etwas zerbrach.
Es tat weh, sein Herz schien zerspringen zu wollen.
Kalt. Onyx fror. Gänsehaut bildete sich auf seinen nackten Armen, die Kälte kam von innen, von ganz tief drinnen, das wusste er.
Denn wenn er aus dem Fenster sah, war strahlender Sonnenschein. Es war Frühling. Ihre liebste Jahreszeit.
Jade. Er würde sie nie mehr wiedersehen.


6

Cat’s Eye stellte sich mit ausgebreiteten Armen vor die Tür.
Sie hielt noch immer seine Hand, doch er wollte sich losreißen, wollte raus, weg, frei sein.
Sie konnte es ihm nicht verdenken. Aber sie musste nun mal hierbleiben und auf ihn aufpassen. Sein ausdrucksloser Blick ging direkt durch sie hindurch, streifte sie nicht einmal gleichgültig, nein, er schaute einfach durch sie hindurch.
Ob er sie überhaupt wahrnahm?
„Hey, Sapphire. Du musst hier bleiben, das weißt du doch, oder?“, fragte sie ihn, wohl wissend, dass sie keine Antwort erhalten würde.
Sie legte den Kopf in den Nacken und versuchte, sich bemerkbar zu machen, versuchte, seinen Blick zu erhaschen.
Doch Cat's Eye hatte keine Chance - Sapphire starrte wie in Trance durch sie hindurch zur Tür hin.
Sie seufzte auf und nahm ihn an der Hand, drehte ihn von der Tür weg und zum Fenster hin, sodass er wenigstens hinausschauen konnte.
Ein wunderschöner Frühlingstag war durch die Panzerglasscheibe zu sehen.
Cat's Eye erkannte in Sapphires Blick, ganz tief in seinem ausdruckslosen Blick, eine unendliche Sehnsucht. Er wollte raus, frei sein, nicht mehr in seinem Kerker gefangen sein.
Das tat ihr weh. Sie wollte ihn doch auch

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