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Kategorien > Wahre Geschichten >

Zeiten

von Xenius

Solange wir der Erde Schaden tun, wird sie uns verhungern lassen. Manche würden meinen, dass diese Zeiten einfach unbeholfen eingetreten sind. Andere dagegen - beabsichtigt.
Erinnern wir uns besser an das, was uns dazu gebracht hatte - zu kämpfen, lieben und hassen.

1965 England, der dunkle Sonntag:
Der Zug bereitete sich auf die Bremsung vor. Dampf stieg unter den Rädern hervor in die Menge. Alle Passagiere jubelten und winkten mit den Händen und lachten mit fröhlichen Gesichtern, aus schmalen Fenstern. Verwandte, Freunde und Bekannte warteten auf sie, einige schrieen zurück, andere nahmen sich Zeit um darüber klar zukommen, ihre Familie wieder zu sehen.
Nur Jordan saß auf einem Koffer, der so groß wie er war, und wartete mit abgestützten Ellbogen auf den Knien, auf seinen Vater. Die schwarzen in Zopf gebunden langen Haare, verbargen sich hinter der grauen Wollmütze. Eine derbe schwarze Uniform und braune Lederschuhe trug er. Er war schüchtern, einsam, lachte viel, doch an diesem Tag hielt er nur Ausschau nach seinem Vater, einem Geschäftsmann aus Norwich. Er hatte ihn schon sehr lange nicht mehr gesehen, aber Jordan wusste das sein Vater heute kommen würde, deshalb hatte er sich schick gemacht.
Der Zug blieb stehen. Die dunklen Wolken verschwanden aus der Sicht der Menge und Türen öffneten sich. Viele Menschen kamen aus der "Flying Bird" heraus; Kinder, Eltern, Großeltern, Ehepaare. Jordan musterte jeden einzelnen von ihnen. Er konnte es kaum erwarten seinen Vater zusehen.
Er dachte oft an Zeiten, wo es recht beschränkt war, Familienangehörige sehen zu können. Deswegen machte sich Jordan Sorgen. Denn nichts konnte diesen herrlichen Tag zunichte machen. Jordan war aufgeregt und freute sich über das Erscheinen seines Vaters.

1965 England, irgendwo in der Nähe:
»Sam?«, fragte eine männliche grobe Stimme in die dunkle Kammer. »Komm schon raus Sam, wir müssen aussteigen.« Er wartete ein wenig. »Sam? Hörst du mich?«
Das Licht von draußen brach in der Dunkelheit der Kammer, nur einige Truhen zum Vorschein. Wolldecken, Seile, Käfige; in denen Hühner und Enten waren, zeigten sich einigermaßen seinem Blick. »Sam?«, fragte er jetzt mit einer durchdringenden Stimme und schritt weiter in die Kammer.

1965 England, Geduld:
Menschen verschwanden von dem Bahnhof, nur ein kleiner Junge saß auf dem Koffer und wartete immer noch auf seinen Vater. Es wurde nach und nach schwer für ihn, denn er fing an zu verzweifeln. Jordan machte die Augen zu und dachte, wenn er sie wieder aufmachen würde, würde sein Vater vor ihm stehen. Aber dies kam nicht, denn als er wieder auf den Bahnhof blickte - stand niemand vor ihm.

1965 England, das Ende:
Sam kam aus der Dunkelheit hervor, als sein Kollege in dieser verschwand. Er wollte sich nicht verstecken, aber sie hatten einfach gespielt, wie kleine Kinder. Kinder, dachte Sam. »Paul! Wir haben ganz vergessen deinen Sohn abzuholen!«, schrie Sam in die Kammer, doch niemand antwortete ihm. »Paul! Komm schon!« In Sam brach eine Welt zusammen, denn er hatte so etwas auch schon Mal erlebt.
Der Zug setzte sich in Bewegung und fuhr Richtung London. Erschocken wäre Sam fast umgefallen, als ihn der Ruck packte. »Paul, der Zug fährt weiter!«

Jordan weinte, er nahm den Koffer und ging Richtung Passage, als der Zug fortschritt.


mfg Jakob

Kommentare

vincent.square@gmx.de schrieb am 2006-03-07 17:54:15:
Hallo Poersel,
vielen Dank für deine Kritik, ich freue mich sehr wenn jemandem meine Texte gefallen. Ich werde in der nächsten Zeit und einige Storys freigeben.
Es ist schön das es Menschen gibt, die Verständnis aufbringen und kritisieren.
Liebe Grüsse, Jakob
susebay@yahoo.de schrieb:
Hallo Xenius,
also ich muss sagen: Respekt. Du verstehst es gut, ein "Mitleiden" mit dem Jungen zu erzeugen, so dass man sich wünscht, der Vater käme doch noch.
Auch die Idee der Überschriftenzusätze
"Geduld etc." finde ich sehr gelungen. Ich kann mich an eine Zeit als kleines Kind erinnern, in der das Warten auf einen Erwachsenen innerlich eine halbe Katastrophe ausgelöst hat, so alleine in der Welt, würde der andere denn kommen? Was, wenn nicht? Gut gemacht!
Allerdings auch etwas Kritik: Der Teil mit den Erwachsenen hinterließ beim ersten Lesen ein grosses Fragezeichen auf meinem Gesicht. Es ist für mich zu unklar, wo sie sind und was sie tun. So wirkt es etwas sehr mystisch, nach dem Motto: "Er antwortet nicht, also gibts da etwas Geheimnisvolles..." Dabei meintest Du das gar nicht. Aber egal, ansonsten sehr gut.
Viele Grüsse, Poersel
PS: Hätte sehr spannend gefunden, etwas in "Der Autor über sich" zu lesen... :-)

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