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Kategorien > Beziehungen > Fremd

Zerbrochen

von Juuulie

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Zerbrochen

Mit einem Knarzen öffnete sie das silberne Gartentor und schob ihr rostiges Drahtgestell auf den Hof. Die alte Weide senkte ihre Äste dem Boden zu als sehnte sie sich nach etwas Aufmerksamkeit, als wäre sie einsam. Vielleicht sollte man eine zweite Weide anpflanzen um ihr einen Genossen zu stellen.
Ein Windstoß durchfuhr die Äste des alten Baumes und die Weide ächzte beträchtlich. Eine Krähte flatterte verschreckt in die Höhe und entfernte sich raschen Fluges. Der alte Passat bleckte die Zähne und stellte sich ihr wie ein Wächter in den Weg. Im dunklen Schatten des großen Hauses wirkte er beinah gespenstisch.
Sie drehte ihren Schlüssel im Schloss und die morsche Kieferntür öffnete sich mit einem Knarzen. Einst hatten sie sie bunt bemalt. In saftigen Rot- und Grüntönen hatte sie heiter wirken sollen. Damals.
Aus dem Wohnzimmer drangen Stimmen. Sie fühlte, wie eine Gänsehaut ihren Rücken empor kroch, wandte sich sogleich ab und ging zielstrebig in die Küche. Wasser aufsetzen, die Beine hochlegen.
„Mach‘ ihn alle!“
„Mensch Schweini, ran an die Bouletten!“
„Diese Spacken hier! Nach Hause gehen können die, aber alle!“
„Ihr könnt nach Hause gehen, ihr könnt nach Hause gehen...“
Sie seufzte. Von wegen zu Hause. Die noch heiße Tasse in der Hand trat sie an die Tür zum Wohnzimmer und legte ihre Hand auf die Klinke.
„Wir ficken die heut‘ noch, ich sag’s dir, Alter.“
„Und wie. Die kriegen mal richtig auf die Eier, das kannst du mir glauben!“
Ihre Hand begann zu zittern. Sie trat einen Schritt zurück, zog sich einen Stuhl heran, setzte sich. Die Zeitung vom Vortag lag noch auf der Bank. Bürgermeister Huber endlich verheiratet. Rekordzahlen: So viele Geburten wie im letzten Jahr gab es noch nie. Single-Börsen im Internet – die Resonanz bei den Bürgern steigt. Die Schlagzeilen lagen träge in der Luft, schmeckten abgestanden. Schweini will hoch hinaus. Wen interessierte denn bitteschön dieser Schweini?
„Ey Schweini, du bist echt der geilste! Der hat solche Eier der Junge, ich sag’s dir.“
Ein Klirren drang durch die Buchentür.
„Alter, was war das?“
„Ich sag’s dir, da kommen die und räumen dir die Bude aus.“
„Diese Schweine.“
„Unser Geld wollen die, ich sag’s dir.“
Mit einem Handfeger beseitigte sie die Scherben eilig. Es war eine schöne Tasse gewesen. Ihr Daumen schmeckte salzig. Allein bei dem Gedanken an Blut schauderte es ihr. Sie legte eine Hand auf die Klinke und atmete tief durch.
Das Bild neben der Tür stach ihr ins Auge. Wie aus einer anderen Sphäre wirkte es und brannte sich auf ihre Netzhaut. Ein Bild einer anderen Zeit.
Zwei Menschen, die sich am Strand amüsieren. Über ein Wochenende sind sie weggefahren. Ganz spontan mit einem alten Rucksack auf den Schultern. Der alte Passat war auch dabei. Damals war er noch neu.
Eine junge Frau mit passendem Gegenstück, würde man sagen. Sie sehen sich verliebt in die Augen und in ihrem Blick spiegelt es sich wieder – das Glück, die Unbefangenheit, die Menschen empfinden, wenn sie angekommen sind.
Die beiden Menschen in dem Bild ergänzen sich perfekt zu einem Ganzen. Da fehlt nichts mehr. Auch kein Schweini. Wenn der damals überhaupt schon aus den Windeln war.
„Diese Säcke!“
„Die sind noch nicht mal aus den Windeln raus!“
„Der hat den Schweini gefoult, ich sag’s dir, ein astreines Foul war das.“
Ein Schmerz durchzuckte ihren Körper. Sie löste ihren Blick von dem Bild. Ihre Hand war schweißnass, sie war von der Klinke gerutscht. Sie wischte die Hand an ihrer alten Baumwollhose ab, legte sie erneut auf die Klinke, drückte die Klinke hinunter.
Mit einem Knarzen öffnete sich die Tür zum Wohnzimmer.
„Diese Hurensöhne!“
„Wir ficken die heute noch, ich sag’s dir.“
„Ähm. Hallo.“
Sie schaute verlegen zum Sofa, zwirbelte eine lange Locke zwischen den Fingern.
„Ja los Schweini, gib’s ihnen.“
„Der macht die jetzt alle, ich sag’s dir.“
„Er ist es einfach, unser Schweini.“
„Ich wollte nur sagen, dass ich da bin.“
Sie trat vom einen Bein aufs andere.
„Schweini, jetzt grätsch ihn weg, verdammt. Einfach umnieten sollst du den Kerl!“
„Der Schweini macht das, ich sag’s dir. Los Schweini, hau da mal auf die Kacke!“
„Ich wollte auch nicht stören, aber...halt...sondern, naja, halt nur mal vorbei schauen.“
„Los, am Maischberger vorbei und...ja...hau ihn um, Schweini und....ja!...jetzt schieß doch endlich verdammt!“
„Schweini macht uns jetzt ein astreines...ja...Flanke und...Toooor, ich sag’s dir, hab ich’s dir nicht gesagt!“
„Was für ein Kerl, der Schweini!“
„Hallo?“
Sie stand immer noch betreten an der Tür.
„Ey, deine Alte will was.“
„Ich wollte nur, halt, hallo sagen.“
Er hatte den Blick starr auf den Fernseher gerichtet.
„Ach so. Okay. Mensch der Schweini, der hat solche Eier, der hat die so gefickt.“
„Also. Ich geh‘ dann mal wieder.“
Er wandte den Blick in ihre Richtung. Kalt.
„Bringst du uns Bier?“
Sie schloss die Tür hinter sich. Das Knarzen wurde von seiner Stimme übertönt.
Das Bild neben der Tür blitzte und funkelte in der Abenddämmerung. Ein solches Glück, festgehalten in einem hölzernen Rahmen. Festgenagelt für die Ewigkeit.
Wütend riss sie das Bild von der Wand. Ein dumpfes Knallen ertönte, als der Rahmen auf dem Boden zersprang. Wer war der Mann auf dem Bild? Sie hatte ihn nie gekannt.
Tränen rannen über ihre Wangen. Mit einem Knarzen öffnete sich die Tür.


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Kommentare

zOe schrieb am 2008-01-18 21:05:25:
wow... das ist dir echt gelungen! wunderbare wortwahl, treffende beschreibungen, man kann sichs richtig vorstellen. gefällt mir gut!

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