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Kategorien > Beziehungen >

Zerstörtes Leben

von Nudaria

Erwin lag schon seit Stunden in dem alten Liegestuhl auf der Dachterrasse.
Der Stuhl bog sich unter seinem Gewicht. Das abgenutzte Leinentuch hing nur
wenige Millimeter über dem Boden. Erwin starrte mit leblosen Augen vor sich
hin. Ab und zu nippte er an einer Flasche Bier, wobei nicht jeder Tropfen
den Weg in seinen Mund fand. Den Rest der Zeit lag er einfach nur still da
und blickte in den Himmel. Was sollte er auch anders tun?
Leise betrat ich die Terrasse. Eine kleine, alte Laterne stand neben Erwins
Liegestuhl und spendete gerade soviel Licht, um die finstere Nacht in
tanzende Schatten zu verwandeln.
Langsam ging ich zu Erwin hinüber. Nur wenige Zentimeter vor seinem Stuhl
blieb ich unschlüssig stehen. Sein rechter Arm hing schlaff über der Lehne,
in der Linken hielt er die halbleere Flasche. Es stank nach Alkohol.
"Sie haben dir gekündigt." Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.
"Jepp." Mit verschwommenen Blick schaute er auf sein Flaschenbier.
"Schade, es war ein guter Job." Ich setzte mich auf den Liegestuhl, der
neben Erwins stand.
Gedankenverloren nickte Erwin und nahm einen Schluck aus der Flasche.
"Warum?" Ich wusste die Antwort bereits. Fred, ein Arbeitskollege von Erwin,
hatte es mir vor zwei Stunden erzählt. Aber ich wollte es von ihm wissen,
ich wollte seine Reaktion sehen.
Ein feuchtes Blubbern kam aus Erwins Mund. Mit abwesenden Blick sagte er:
"Ruth."
Das war alles, keine Beschimpfungen, Flüche oder Verwünschungen. Nicht
einmal ein hasserfüllter Unterton in seiner Stimme, als er ihren Namen
aussprach. Das überraschte mich. Schweigend lehnte ich mich auf dem
Liegestuhl zurück und blickte zu den Sternen. Stumm schickte ich meine Frage
in den Himmel: Warum nur? Warum zerstört Ruth sein Leben?
Zögernd wandte ich mich wieder Erwin zu: "Wie hat sie das geschafft?"
Minuten schaute ich ihn an, ohne eine Antwort zu erhalten.
Vorsichtig versuchte ich es erneut: "Erwin?"
Ein kleiner Ruck ging durch seinen Körper. "Ja?" Überrascht blickte er mich
an, wobei er irritiert die Augen zusammenkniff. Langsam klärten sie sich.
"Oh, Walter. Du bist´s."
Ich war geschockt. Erst jetzt hatte er mich richtig wahrgenommen. Wie viel
hatte Erwin schon getrunken?
Ein leises Miauen riss mich aus meinen Gedanken. Auf sanften Pfoten näherte
sich eine kleine Katze. Sie schien auf Beutefang zu sein. Erwins taumelnder
Arm erweckte ihr Interesse. Langsam pirschte sie sich an, duckte sich und
sprang. Ihre Krallen gruben sich in Erwins Handrücken. Er schrie auf, hob
den Arm und schleuderte die Katze von sich. Ein Fauchen und das Klirren von
umfallenden Flaschen waren zu hören.
"Verdammtes Mistviech. Erschießen sollt man das." Die Katze fauchte Erwin
böse an. Wütend fauchte Erwin zurück. Sanft leckte die Katze ihre Pfote und
machte sich dann auf, um woanders nach Nahrung zu suchen. Sie hatte ihren
Fehler erkannt. Erwin nahm einen Schluck Bier und fiel dann in seine
Lethargie zurück. Stumm saß ich neben ihm.
Die Zeit verstrich. In der Ferne hörte ich die Kirchenglocken läuten. In
Gedanken zählte ich mit. Zwölf Schläge.
Ich hielt es nicht mehr länger aus: "Wie hat Ruth es geschafft, dass sie dir
kündigen?"
"Knast", knirschte Erwin zwischen zusammengebissenen Zähnen und drehte sein
faltiges, feuchtes Gesicht zu mir.
"Was?"
"Se hat denen erzählt, dat ich im Knast war!", schrie er mich an. Überrascht
blickte ich Erwin an. Sein mit Alkohol durchtränktes Hemd spannte sich um
seine aufgeblähte Brust. Eine übelerregende Alkoholfahne wehte mir entgegen.
"Se hat men ganzes Leben zerstört. Men ganzes Leben." Schluchzend sank er
vom Stuhl in die Knie. Die Bierflasche glitt zu Boden. Erwin heulte wie ein
geprügelter Schoßhund. Sein jämmerliches Geheule zu hören und zu sehen, war
mir peinlich. Ich wünschte mich weit weg. Angewidert schloss ich die Augen.
Einige Male holte ich tief Luft, dann stand ich zögernd auf. Vorsichtig
legte ich meine Hand auf Erwins bebenden Rücken.
"Ganz ruhig, alter Freund. Das kriegen wir schon wieder hin. Du wirst etwas
anderes finden." Hilflos stand ich über ihn gebeugt da. "Wir sollten erstmal
rein gehen. Dort ist es wärmer. Du holst dir noch eine Erkältung mit den
nassen Klamotten. Außerdem", ich blickte auf die Bierflaschen neben Erwins
Liegestuhl," kann ich dir drinnen eine schöne heiße Tasse Kaffe machen und
..."
"Erst bringt se mich in Knast, dann erpresst se mich und als ich ken Geld
mehr hab, geht se zu mener Frau und erzählt ihr ..." Sein Schluchzen brachte
ihm zum Schweigen. Beruhigend streichelte ich über seinen Rücken.
"Warum hast du nicht gleich beim Vorstellungsgespräch gesagt, dass du im
Gefängnis warst?"
Abrupt richtete sich Erwin auf. Sein verheultes Gesicht starrt mich an. Ich
musste den Blick abwenden.
"Warum?", schrie er mich fassungslos an. "Warum?" Ruckartig bewegte er
seinen Kopf hin und her. "Se hätten doch nie nen Knasti genommen. Die hätten
mir doch nie ne Chance ..."
"Das kannst du doch gar nicht wissen. Vielleicht ..."
"Vielleicht, vielleicht!", brüllte mir Erwin entgegen. Verschreckt zog ich
den Kopf zwischen die Schultern. Ein kalter Schauer lief mir über den
Rücken.
"Vielleicht hätten die Dreckskerle mir noch nen Arschtritt verpasst, bevor
se mir lachend die Tür vor der Nase zugeschlagen hätten."
"Aber ..." Plötzlich veränderte sich Erwins Gesichtsausdruck. Ein Gedanke
formte sich in seinem Hirn. Finster blickte er mich an.
"Nein. Es ist nicht mene Schuld." Mit zusammengepressten Kiefern zischte
mich Erwin an. "Hörste de? Nicht mene Schuld, nicht meine." Seine Augen
nahmen einen wahnsinnigen Glanz an, ein verschrobenes Grinsen entstellte
sein Gesicht. Instinktiv trat ich zwei Schritte zurück.
Mit seltsam kalter Stimme flüsterte er: "Nein, es ist alles Ruths Schuld.
Alles!"
"Erwin, bitte ..."
"Ruths Schuld!" Leise, wie unter Wahn wiederholte er diese Worte. Hektisch
flog sein Blick über die Dachterrasse, streifte die Dachmauer, die
Lüftungsrohre, den Treppeneingang und schließlich blieb er an den
herumliegenden Bierflaschen hängen. Mit mörderischen Blick fasste er nach
einer kaputten Flasche. Er besah sie sich im Laternenlicht. Der Flaschenhals
war abgebrochen. Eine scharfe Zacke reflektierte das Licht der Flamme. Es
tropfte noch Flüssigkeit von ihr. Langsam drehte Erwin die Flasche in seiner
Hand. Sie fühlte sich gut an, wie für seine Hand geschaffen. Erwin wandte
sich dem Treppeneingang zu. Wankend erhob er seinen mächtigen Körper und
machte ein paar wackelige Schritte auf die Tür zu. Mit absurdem Lächeln auf
den Lippen und immer sicherer werdenden Schritten überbrückte er schnell die
paar Meter bis zur Tür.
"Erwin", flüsterte ich mit rauher Stimme. Er reagierte nicht. An der Tür
angekommen, riss er sie fast aus den Angeln. Er schaltete nicht das Licht
an, sondern rannte gleich die Treppen hinunter. Ich hörte nur ein Poltern
und das Ächzen der Holztreppen unter Erwins Gewicht. Dann ein lauter Knall,
als die Haustür zu fiel.
Mein Hals war trocken und jeder Laut tat weh, trotzdem schrie ich: "Erwin!"
Dann war es still. Ich stand alleine in tanzenden Schatten gehüllt auf dem
Dach und starrte in das pechschwarze Loch des Treppeneingangs. Kein
zurückkommender Schatten löste sich aus dem Dunkeln. Kein Schluchzen brach
die Stille. Keine Träne. Der Alkoholgeruch wurde vom frischen Nachtwind
weggeblasen. In der Ferne schlug die Kirchenuhr eins.
Zitternd löschte ich die Flamme der Laterne.

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