Zusammenhang
von
michael reuter
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In kalter Nacht sank er ziemlich schell herab.
So etwas war noch nie passiert und er wusste, mit ihm ist was Schreckliches geschehen.
Im klaren Mondlicht sah er sich in ein Tal sinken, rechts und links standen Tannen. Es lag Schnee. Die Berge herum machten einen gespenstischen Eindruck. Dann berührte er die Erde.
Nach einer Weile bemerkte er, dass er auf einer Stelle kurz eingeschlafen war, auf der es irgendwie nicht gescheit hatte. Er sah sich um und entdeckte in weiter Ferne ein Feuer.
Es zog ihn dort hin, er stand auf und lief los. Das Laufen schmerzte, aber er wusste nicht, warum. In Richtung des Feuers stolperte er den Berg hinab, fiel an mancher Stelle hin, doch lag dort nie Schnee, wo er stürzte.
Als er näher kam, hörte er es schreien und wimmern. Um besser hören zu können, blieb er kurz stehen. Da erkannte er in der Nähe des Feuers eine Gestalt, die etwas fest an sich drückte und ‚Verzeiht mir,...verzeiht mir...!’ schrie. Es war die Stimme eines älteren Mannes und neben ihm lag ein großer Berg aus glänzendem Metall, aus dem das Feuer loderte, welchem er vom Berg her gefolgt war. Nun ging er eilig weiter und die Stimme des Mannes wurde lauter und versetzte ihn in Angst.
Unmittelbar vor dem Mann, der in kniender Positur fest mit dem schneebedeckten Boden verbunden schien, blieb er stehen und sah, dass dieser einen sehr großen Flügel aus weißen Federn an sich drückte. Ein zweiter weißer Flügel lag vor dem brennendem Metallhaufen, bei dem es sich um einen völlig zerstörten auf dem Dach liegendem roten Mercedes handelte.
Diesen Wagen hatte er schon sehr oft gesehen und heute Nacht würde er ihn ganz sicher das letzte Mal sehen.
Er hob die Hand. Die Stimme des Mannes verstummte abrupt, als hätte er nur auf diese Geste der erhobenen Hand gewartet. Langsam stand er auf und ging mit dem Flügel in der Hand auf den nächtlichen Besucher dieser unheimlichen Szene zu, legte den Flügel vor ihn hin, holte den anderen Flügel, legte ihn dazu und wartete. Es geschah nichts und der alte Mann war sich nun sicher, dass sein Leben nie mehr das alte sein würde.
Zu oft hatte er sein Glück herausgefordert. Bei den ersten Malen hatte er sich keine Gedanken gemacht, danach bei den nächsten unzähligen Verfehlungen flehte er jedes Mal, man solle ihm verzeihen. Und es wurde ihm verziehen.
Nun aber war das eingetreten, was einem niemals im Leben widerfahren darf.
Obwohl ihm unglaublich oft angedroht wurde, dass er in das engellose Land abgeschoben würde, hatte er wieder einmal auf einer nächtlichen Fahrt von einem Land in ein anderes einen schweren Verkehrsunfall verursacht. Wie immer hatte er nicht auf seine Umgebung geachtet und ihn nicht gesehen, wie er sich langsam über der Straße bewegte. Der Wagen berührte ihn in seiner halsbrecherischen Fahrt nur kurz, der Stoß war allerdings so heftig, dass er von der Straße gestoßen wurde und den Abhang hinunterflog.
Das letzte, was einem jeden Menschen an Ende bleibt, flog dort in die dunkle Nacht hinaus.
Es war - sein Schutzengel.
Er hatte ihn umgefahren.
Das war noch niemals irgendwo geschehen. Der Engel war viele Jahre nur noch mit diesem einem Mann beschäftigt. Das war immer sehr kränkend gewesen, da doch sonst Engel zwei bis drei Menschen oder Tiere beschützten. Seine Opferbereitschaft war in dieser Nacht einfach zu weit gegangen. Wie oft musste er schon mit erhobener Hand von seinem Zugeteilten, wie er ihn irgendwann einmal zu nennen begann, das Flehen anhören und hatte ihn dann doch immer noch mit dem Flügel berührt und verziehen. Er war schon soweit und hatte gedroht, den Schutz zu verwehren. Und das darf einem Engel nie auch nur in den Sinn kommen. Die Würde war verletzt und in dieser Verletzbarkeit tat der Engel das, was er auf keinen Fall darf. Er hatte sich seinem Schutzbedürftigen auf mehr als eine Flügellänge genähert und das wurde ihm zum Verhängnis.
Und nun, da er als erster Engel in diesem Universum erkennen musste, dass er immer nur über der Erde geblieben war und deshalb seine Füße schmerzten, weil sie Laufen nicht kennen und niemals dort Schnee sein würde, wo er war, da seine Körpertemperatur um ein vielfaches höher wie die des Menschen war, musste er diese letzte Handlung durchführen, die noch nie ein Engel tun musste.
Teilnahmslos schob er den alten Mann vor sich her und forderte ihn auf, die Flügel aufzuheben. Dann begann ein langer Weg für die beiden. Er endete vor einer nach oben hin unendlich hohen Wand aus kaltem Stein. Nach einer Weile tat sie sich von selber auf und der Alte und sein Schutzengel traten ein. Sie waren in’ s engellose Land getreten.
Es war leer. Völlig leer. Noch nie war Jemand hier drin. Eine unendliche Ebene war zu sehen. Hier gab es nur noch eine Sache zu tun.
Der alte Mann musste dem Engel verzeihen. Die vorrübergehende Hartherzigkeit des Engels, die ihn zum Leichtsinn verführte.
Und wenn es Jahre dauern sollte.
Irgendwann würden sicherlich auch die Flügel dem Engel wieder angewachsen sein und die volle Stärke des Engels wieder hergestellt sein.
Einem Wunder gleich würde sich dann auch irgendwann die Chance ergeben, dass der Engel jemand neuem zugeteilt wird.
Das hängt alles vom Verzeihen des Einen gegenüber dem Anderen ab.
Und auch wenn der Engel eines Tages die Steinwand hinter sich schließen hören sollte, so bleibt der alte Mann doch zurück und wird im engellosen Land eine lange Zeit haben, denn er wird dort niemals sterben.
Seine Erlösung tritt erst dann ein, sollte jemals wieder ein Engel bei ihm eintreten.
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